Der Löwen-essende Dichter in der Steinhöhle

Von 20. November 2010 Aktualisiert: 20. November 2010 16:54

Die chinesische Sprache, dieses alte sprachliche Erbe, hat einen reichen und mannigfaltigen tonalen Ausdruck, der sie von den westlichen Sprachen weitestgehend unterscheidet. Mit Mandarin, Kantonesisch und anderen Dialekten sprechen mehr als eine Milliarde Menschen Ableitungen dieser altehrwürdigen Sprache.

Wie in allen tonalen Sprachen kann im Chinesischen eine Silbe auf verschiedene Arten ausgesprochen werden, von denen jede eine andere Bedeutung hat. Während dieser Aspekt für Neulinge verwirrend sein kann, bietet die chinesische Sprache denen, die sie gemeistert haben, für andere Sprachen unerreichbare Möglichkeiten.

Betrachten wir ein Gedicht des chinesischen Linguisten Yuen Ren Chao, das die bizarre Geschichte eines Löwen-essenden Dichters beschreibt. Yuens homophones Meisterwerk zeigt die Verwendung tonaler Übungen, die – würde man sie in deutschen Zeichen schreiben – eine ganze Geschichte erzählt, die im Chinesischen nur die Wiederholung eines einzigen Wortes benötigte: shi.

Obwohl die Verdrehung der chinesischen Sprache über die Jahre hin eine gewisse Zusammenhanglosigkeit beim Lesen des Gedichts erzeugen mag, kann jeder halbwegs geschulte Leser leicht dessen Genialität erkennen.

In deutscher Sprache lautet das Gedicht in etwa:

Die Geschichte des Shi, der Löwen isst

Dichter Shi in seiner Steinhöhle, der gerne Löwen aß, beschloss, zehn Löwen zu essen.
Oft ging er auf den Markt, um Löwen zu sichten.
Genau um zehn Uhr kamen zehn Löwen auf dem Markt an.
Genau zur selben Zeit erreichte auch Shi den Markt.
Kaum erblickte er die zehn Löwen, schickten seine Pfeile alle zehn in den Tod.
Er trug die zehn Löwenleichen zur Steinhöhle.
Die Steinhöhle war klamm. Er ließ seinen Diener sie putzen.
Nachdem die Steinhöhle geputzt ward, versuchte er, die zehn Löwen zu essen.
Beim Essen entdeckte er, dass diese Kadaver zehn Steinlöwen waren.

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Mit 92 chinesischen Schriftzeichen scheint das Gedicht unschuldig, unbeschadet der seltsamen Geschichte, die es erzählt:

Obwohl die Gedanken, die in diesem Gedicht ausgedrückt werden reichlich lächerlich sind, können westliche Leser dieses Werk am besten schätzen, wenn es in Pinyin geschrieben wird. Pinyin ist eine Form romanisierten Schreibens, bei dem jedes Schriftzeichen in eine Silbe umgeschrieben wird und bei dem jeder der vier Tonfälle, die in der chinesischen Sprache und dessen verwandten Formen verwendet werden, durch einen jeweils verschiedenen Akzent gekennzeichnet wird.

„Shī Shì shí shī shǐ“

Shíshì shīshì Shī Shì, shì shī, shì shí shí shī.
Shì shíshí shì shì shì shī.
Shí shí, shì shí shī shì shì.
Shì shí, shì Shī Shì shì shì.
Shì shì shì shí shī, shì shǐ shì, shǐ shì shí shī shìshì.
Shì shí shì shí shī shī, shì shíshì.
Shíshì shī, Shì shǐ shì shì shíshì.
Shíshì shì, Shì shǐ shì shí shì shí shī.
Shí shí, shǐ shí shì shí shī, shí shí shí shī shī.
Shì shì shì shì.

Fast wie in einem Spiel schafft es „Der Löwen-essende Dichter in der Steinhöhle“ die ganze Geschichte eines wagemutigen Dichters zu beschreiben und dabei nur das Wort „shi“ zu verwenden. Wie können lediglich vier unterschiedliche Klänge eines einzigen Wortes eine solche Geschichte erzählen?

Eine Sprache wie das Englische hat selbstverständlich auch Homophone (Worte die gleich klingen aber verschiedene Bedeutungen haben) – wie „flower“ (Blume) und „flour“ (Mehl) oder „meat“ (Fleisch) und „meet“ (treffen). Aber die Klänge sind auf zwei oder höchstens drei Bedeutungen beschränkt.

In dem Gedicht haben Begriffe wie „Stein“, „Essen“ und „zehn“ „Versprechen“ und „Zeit“ den gleichen Tonfall in der Aussprache, während andere wie „Höhle“ oder „Geschichte“ in einem anderen Tonfall ausgesprochen werden. Das Gedicht verliert jedoch seine ursprüngliche Aussprache, wenn die Schriftzeichen in anderen Dialekten als Mandarin, wie Kantonesisch, Taiwanesisch oder Hakka, ausgesprochen werden.

Tonale Sprachen finden sich auf der ganzen Welt und manche haben ein noch größeres tonales Spektrum als das Chinesische. Die offensichtliche Verwirrung, die durch die ständige Wiederholung der gleichen Silbe hervorgerufen wird, verschwindet, wenn man bedenkt, dass in der Muttersprache des Orients der Kontext innerhalb jeden Satzes viel über die eigentliche Bedeutung aussagt.

Die Aussprache des Gedichts findet sich unter http://videodownloader.net/especial/shi.mp3. Wenn es keine Überraschung hervorruft, dürfte diese phonetische Rarität zumindest ein Lächeln entlocken.

Originalartikel auf Englisch: The Lion-Eating Poet

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