Dichtkunst: Dem Menschen helfen, die Balance zu wahren

„Sieben Schneeschipper schippen sieben Schippen Schnee“ – das Spiel mit der Sprache. Am 21. März ist der Welttag der Poesie.
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„...als universelle Kunst ist die Poesie ein Instrument des Dialogs und der Annäherung“, ehrt Irina Bogota, ehemalige Generaldirektorin der UNESCO, die Kunst der Sprache.Foto: iStock
Von 20. März 2023

Regen schlägt gegen die Fenster – schon seit Tagen. Silberne Schnüre suchen den Boden. Bald ist Frühlingsbeginn und Welttag der Poesie.

Die UNESCO beschloss während der 30. Generalkonferenz in Paris 1999 den Ehrentag der Poesie für den 21. März. „Erschaffen“ ist die Ursprungsbedeutung des griechischen Wortes Poesie. Wobei es im ursprünglichen Wortsinn alles umfasst, wozu heute Literatur gesagt wird: das Drama, die Epik und die Lyrik.

Neben der Förderung der sprachlichen Vielfalt in poetischer Form sollen auch bedrohte Sprachen mehr Aufmerksamkeit erfahren. Das Lesen, Schreiben und Lehren von Poesie soll gefördert und die Sichtbarkeit in den Medien erhöht werden.

Poesie als Brücke

„Als tiefer Ausdruck des menschlichen Geistes und als universelle Kunst ist die Poesie ein Instrument des Dialogs und der Annäherung. Die Verbreitung von Poesie hilft, den Dialog zwischen den Kulturen und das Verständnis zwischen den Völkern zu fördern, weil sie den Zugang zum authentischen Ausdruck einer Sprache ermöglicht“, so Irina Bogota, ehemalige Generaldirektorin der UNESCO am 21. März 2014.

Anlässlich des Poesie-Gedenktages finden weltweit Veranstaltungen statt. In Kulturinstitutionen, über verschiedene Medien, in Buchhandlungen und Bibliotheken. Die zentrale Veranstaltung für Deutschland richtet das „Haus der Poesie“, ehemals Literaturwerkstatt genannt, in Berlin aus. Das Programm in mehreren Sprachen konzentriert sich in diesem Jahr auf zeitgenössische Lyrik.

Von Anfang an

Ein Anliegen des Welttages der Poesie ist die Wiederbelebung der Tradition, Gedichte mündlich vorzutragen. Ein hehres Ziel, bedenkt man die Umstände, unter denen die meisten hierzulande damit in Kontakt kommen: Eine vielleicht feixende Klassengemeinschaft, vor die es hinzutreten gilt, um die auswendig gelernten Worte zu Gehör zu bringen. Oder eben auch nicht.

Frühling

Nun ist er endlich kommen doch
In grünem Knospenschuh;
„Er kam, er kam ja immer noch“,
Die Bäume nicken sich’s zu.
Sie konnten ihn all erwarten kaum,
Nun treiben sie Schuss auf Schuss;
Im Garten der alte Apfelbaum,
Er sträubt sich, aber er muss.
Wohl zögert auch das alte Herz
Und atmet noch nicht frei,
Es bangt und sorgt: „Es ist erst März,
Und März ist noch nicht Mai.“
O schüttle ab den schweren Traum
Und die lange Winterruh:
Es wagt es der alte Apfelbaum,
Herze, wag’s auch.

Theodor Fontane (1819-1898)

„Die Freude an Lyrik wird leicht zum Opfer derartiger ‚Didaktisierungen‘“, schreibt Martin-Moritz Uibel dazu in seiner Masterarbeit „Lyrikvortrag in der Grundschule – didaktisch-methodische Überlegungen“. Und weiter: „Dabei bietet der Lyrik-Vortrag ein hohes Potenzial an möglichen Lernprozessen, denn ‚ein Gedicht rezitieren lernen ist mehr als zu lernen, welches Wort dem jeweils vorangegangenen folgt.‘“

Die Freude am gereimten oder rhythmisierten Wort ist ein dem Menschsein inhärentes Vergnügen, wie es scheint. Oft sind Kinderreime die ersten prägenden Erfahrungen mit Sprache. Kein Kind, welches nicht seinen Spaß hat an Zungenbrechern, Abzählreimen, Versen – dem Spiel mit der Sprache eben: „Blaukraut bleibt Blaukraut und Brautkleid bleibt Brautkleid.“ Oder: „Sieben Schneeschipper schippen sieben Schippen Schnee.“

Menschen brauchen Poesie

Dieser sinnliche, die Seele nährende Zugang zu Sprache kann aber nur leben, wenn er nicht überfrachtet wird mit Absichten. Sie rauben die Leichtigkeit, die unserem Geist Flügel verleiht.

„Ich will Kunst als Poesie. Poesie! Kunst ist Poesie! Menschen brauchen Poesie. Das war von Anfang an so. Belehren tut die Theologie oder die Philosophie oder die Ethik. Aber nicht die Kunst. Kunst war immer Poesie. Und die besten Künstler waren immer Poeten – alle anderen waren Handwerker“, bricht der Kurator und Kunsthistoriker Jean-Christophe Ammann in einem Interview mit der „Neuen Zürcher Zeitung“ dem poetischen Blick auf die Welt eine Lanze.

Wie also kann dieses unverkrampfte Umgehen mit Sprache erhalten bleiben – mit oder trotz Bildungsinstitutionen?

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen

Ich lebe mein Leben in wachsenden Ringen,
die sich über die Dinge ziehn.
Ich werde den letzten vielleicht nicht vollbringen,
aber versuchen will ich ihn.

Ich kreise um Gott, um den uralten Turm,
und ich kreise jahrtausendelang;
und ich weiß noch nicht: bin ich ein Falke, ein Sturm
oder ein großer Gesang.

Rainer Maria Rilke (1875-1926)

Ein Ehrentag für Dichter und Poeten

Die Idee für einen internationalen Poesie-Tag gab es auch schon vor der Festlegung durch die UNESCO: Mit einem World Poetry Day, der auf die US-Amerikanerin Tessa Sweezy Web und das Jahr 1936 zurückgeht.

Jeweils am dritten Samstag im Oktober hatte Sweezy Web angefangen, lokale Dichter und Poeten mit einem eigenen Ehrentag zu feiern. Dies war zugleich aber auch der Startschuss für eine weltweite Verbreitung dieser Idee, die bis 1951 Teilnehmer aus über 41 Nationen gewinnen konnte.

„Als Datum kristallisierte sich hier im Laufe der Zeit allerdings der 15. Oktober heraus, der als Referenz an den Geburtstag des römischen Dichters und Epikers Virgil (70 – 19. v. Chr.) verstanden wurde. Diese Tradition hat – unabhängig vom UNSECO World Poetry Day – in vielen Ländern als nationale Variante des Ehrentags der Poesie nach wie vor Bestand“, schreibt die Website Kuriose Feiertage.

Das bewusst gewählte, hoffnungsgebende Datum ist jedoch alles andere als kurios. Denn der Fokus dieses Tages möchte die Annäherung der Poesie an andere Künste wie Theater, Tanz, Musik und Malerei. Ein Reigen der Künste, die dem Menschen helfen, die Balance zwischen Seele und Geist, Herz und Verstand zu wahren.

 



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