Der zweite kalte Winter – Resignation im Ahrtal

Die Flut im Ahrtal ist lange vorbei. Noch immer läuft der Wiederaufbau. Inzwischen haben sich bei einigen Betroffenen Erschöpfung, Verzweiflung und Ärger ausgebreitet.
Resignation im Ahrtal: Für viele der zweite kalte Winter nach der Flut
Die Menschen im Ahrtal versuchen inmitten der noch andauernden Aufräumarbeiten ein normales Leben zu führen.Foto: Thomas Lohnes/Getty Images
Von 28. November 2022

Knapp eineinhalb Jahre liegt die zerstörerische Flut im Ahrtal nun zurück. Ein Ende aller Aufbauarbeiten ist noch nicht abzusehen. Die Menschen im Ahrtal behelfen sich derweil weiterhin mit Heizlüftern und Radiatoren, die oftmals rund um die Uhr laufen.

Die ortsansässige Iris Münn-Buschow aus Bad Neuenahr-Ahrweiler hatte bereits das ganze Jahr über Angst vor einem zweiten kalten Winter. Im Frühjahr und Sommer organisierte sie deshalb mehrere Demonstrationen von Flutbetroffenen gegen die schleppenden Hilfen beim Wiederaufbau. „Es ist immer noch ein Problem, weil Gelder fehlen und Handwerksfirmen ausgebucht sind“, sagte sie. Mehrere Tausend Heizungsanlagen wurden zerstört, Handwerker haben bereits viele davon wiederhergestellt, etliche aber noch nicht.

Gegen Ende September trafen sich in Mainz die rheinland-pfälzische Bauwirtschaft, Landesregierung und Wissenschaft „zum zweiten Runden Tisch ‚Wiederaufbau im Ahrtal‘“, wie die „Tagesschau“ berichtete. Kurt Krautscheid, Sprecher der Arbeitsgemeinschaft der rheinland-pfälzischen Handwerkskammern, bezeichnete dabei die Lage im Ahrtal als „kompliziert bis schwierig“. Probleme gebe es gleich in mehreren Bereichen:

Materialengpässe und gestörte Lieferketten, rasant steigende Preise beim Einkauf, Fachkräftemangel und Inflation treffen auf steigende Energiekosten“, erklärte Krautscheid.

Rückkehr nach Hause – und dennoch „alles anders“

In dem ganzen Chaos gibt es viele tragische Schicksale. So etwa das von Gerd und Elfriede Gasper. 16 Monate nach der tödlichen Flut mit mindestens 134 Toten kamen sie zurück in ihr vollständig saniertes Haus in Altenburg.

„Es ist alles anders“, sagt die 75-Jährige in ihrem neu eingerichteten Heim. Das Ehepaar hatte sein gesamtes Hab und Gut in den Wassermassen verloren – mit einer Ausnahme: Ein Kruzifix, das sich ihr Sohn Thorsten 1985 vom Steinmetz des Dorfes zur Kommunion gewünscht hatte. Ein Spaziergänger fand es wenige Wochen nach der Katastrophe völlig verschlammt. „Er kam direkt auf mich zu und hat gefragt, ob ich weiß, wem das gehört“, erzählte Elfriede Gasper und kämpfte mit den Tränen.

„Abends ist es stockdunkel“, sagt ihr Mann Gerd beim Blick aus dem Fenster. Denn nur wenige Menschen sind bisher in den von der Flut verwüsteten Ort zurückgekehrt. Noch immer werden Häuser abgerissen, neu gebaut und saniert.

Probleme mit der Versicherung

Achim Gasper, der vorübergehend in der Nähe von Münster lebt, steckt in einem Streit mit der Versicherung fest.

Er habe schon mehr als 30.000 Euro für Gutachten und Anwaltskosten ausgegeben. Abbezahlen muss er sein 2016 gekauftes Haus weiterhin, auch seine Elementarschadenversicherung läuft weiter. Sechs Gutachter hätten sich das Haus inzwischen angesehen, fünf seien für Abriss, nur der seiner Versicherung nicht. Mit rund 170.000 Euro habe dieser den Wert auch nur auf etwa 21 Prozent dessen geschätzt, was die anderen Sachverständigen ermittelt hätten.

Die Differenz solle er sich doch von der Investitions- und Strukturbank (ISB) holen, habe man ihm geraten. Die ISB ist für Auszahlungen aus dem insgesamt für mehrere Bundesländer mit 30 Milliarden Euro ausgestatteten Fonds von Bund und Ländern an Private zuständig. Aber Gasper will nicht den Steuerzahler belasten, schließlich sei er versichert, und: „Ich habe mich seit 19 Jahren als Soldat für Rechtsstaatlichkeit in der Welt eingesetzt.“

Der aktualisierte Stand der staatlichen Aufbauhilfen der ISB für Rheinland-Pfalz liegt derzeit bei rund 760 Millionen Euro.

Letztlich doch keine „unbürokratische, schnelle Hilfe“

„Da guckt man in Abgründe rein, die hätte man vorher nicht für möglich gehalten“, sagt sein Vater Bernd über das Verhalten der Versicherung. Der 70-Jährige weiß selbst auch noch nicht genau, wie es für ihn weitergeht.

Unseren Antrag bei der ISB haben wir am 10. November vor einem Jahr eingereicht – und jetzt gerade den vorläufigen Bewilligungsbescheid bekommen.“

Damit habe zumindest das Warten ein Ende. Sein Elternhaus musste nach der Flut abgerissen werden, er lebt mit seiner Frau Brigitte in einem zugigen Ausweichquartier bei Bonn.

„Unbürokratische, schnelle Hilfe haben sie uns versprochen“, sagt der 70-Jährige verbittert und zeigt auf die Stelle, wo er mit der früheren Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gesprochen hat, im Beisein von Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD). Die inzwischen zurückgetretenen Landesminister Anne Spiegel (Grüne) und Roger Lewentz (SPD) hätten das auch im Ahrtal zugesagt. „Es geht überhaupt nicht voran, und immer wieder diese Rückschläge“, sagt Bernd Gasper. „Das macht einen mürbe und krank.“

„Das hat hier ganz viele Leute viel älter gemacht, als sie sind“, sagt Winzer Alexander von Stodden aus dem Wein-Ort Rech. „Die Stimmung ist echt schlecht“, stellt er fest. „Ich vermisse ein Konzept“, sagt das in der Kommunalpolitik aktive CDU-Mitglied und kritisiert mit Blick auf die Landeshauptstadt, es werde so viel Energie darauf verwandt,

Leute zu Fall zu bringen, statt das Tal voranzubringen“.

Die 30 Milliarden Euro im Wiederaufbaufonds vergleicht er mit einem Ablassbrief – nach dem Motto: „Damit haben wir dann nichts mehr zu tun.“

Alleingelassen und verhöhnt

Viele Betroffene fühlen sich von der Politik alleingelassen. Die Bemühungen der Bundesregierung, andere Länder mit Hilfsgeldern zu unterstützen, stellt für viele eine regelrechte Verhöhnung dar.

Flut und mangelnde Hilfe durchkreuzten Lebenspläne

Die bei der Ahrtal-Sturzflut entstandenen Schäden im renommierten Rotweingut Jean Stodden beliefen sich auf rund zwei Millionen Euro. Mit dem für Landwirte und Winzer zuständigen Dienstleistungszentrum Ländlicher Raum (DLR) sei das Finanzielle aber auf einem guten Weg. „Wir sind zufrieden“, sagt der dreifache Familienvater. Und die Zukunft? Es kämen noch nicht einmal halb so viele Gäste wie vor der Flut, aber er habe ja den Export.

„Der Schwung ist bei vielen Leuten raus“, stellt auch Hotelier und Gastronom Wolfgang Ewerts aus Insul fest. Die Flutkatastrophe hat seinen Lebensplänen einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Der Gastronom und seine Frau hatten sich eigentlich zurückziehen und den Betrieb an ihren Sohn übergeben wollen. Jetzt hat Ewerts saniert, ausgebaut, Schulden gemacht – und führt Hotel und Gaststätte zusammen mit seiner Frau und dem Sohn weiter. „Man kann viel planen, aber es kommt meist anders. Und hier ist es ganz anders gekommen“, stellt er lakonisch fest.

(Mit Material von dpa)



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