Forscher wollen Völkerball abschaffen: Es „entmenschlicht“ und ist ein „Unterdrückungsinstrument“

Von 26. Juni 2019 Aktualisiert: 27. Juni 2019 7:19
Der Beliebtheitsgrad von Völkerball hinkt der Studie eines Forschungsteams der Universität British Columbia zufolge erheblich jener anderer Inhalte des Sportunterrichts hinterher. Die Begründung, die das Forscherteam nennt, erscheint jedoch manchem, der selbst Schüler war, als etwas ungewöhnlich.

In den USA heißt es Dodgeball, in der DDR trug es den Namen „Zweifelderball“ und es gibt sogar reguläre Weltmeisterschaften darin: dem Spiel, das in unseren Breiten als „Völkerball“ bekannt ist.

Hauptsächlich wird Völkerball im Sportunterricht an Schulen gespielt. Wer schnell, aufmerksam und wendig ist und dazu noch in der Lage, Bälle zu fangen, ist dabei klar im Vorteil. Alle anderen werden erfahrungsgemäß zum Ziel des „Abwerfens“ und müssen an die andere Seite des Spielfeldes.

Statistiken über die Akzeptanz des Spieles unter Schülern gibt es kaum. Erfahrungswerte lassen erahnen, dass die Freude am Völkerball mit Fortdauer der Jahrgangsstufe abnimmt. Außerdem ist es denkbar unbeliebt bei Schülern, die sich für Sportarten begeistern, bei denen es darum geht, Tore erzielen zu können – und die solche auch lieber im Schulunterricht spielen wollten.

Wer Völkerball gehasst hat, kann sich nun auf Schützenhilfe aus den Sozialwissenschaften freuen. In der nächsten Ausgabe des „European Physical Education Review“ wird eine Arbeit veröffentlicht, die für ein Verbot dieses Spiels im Schulunterricht plädiert. Der Grund dafür ist jedoch nicht etwa, dass das Spiel langweilig wäre, weil es keine Tore oder spektakuläre Drei-Punkte-Würfe gibt.

„Völkerball schafft Aggression“

Die „Washington Post“ fasst die wichtigsten Thesen der Studie zusammen und daraus geht hervor, dass Völkerball einem kanadischen Forscherteam unter Joy Butler von der Universität British Columbia zufolge ein Instrument der „Unterdrückung“ sei – und Schülern beibringe, ihre Mitschüler zu „dehumanisieren“ und ihnen zu schaden.

Wenn man ein Umfeld schafft für Schüler, in denen diese lernen und in dem die Idee eingeführt wird, dass es in Ordnung ist, wem auch immer nach eigenem Gutdünken einen Ball an den Kopf zu werfen, selbst wenn es ein leichter Ball ist, dann ist diese Absicht da…“, führt Butler in einem Telefoninterview aus.

„Wenn Schülern beigebracht wird, dass das in Ordnung wäre, weil ihnen jemand sagt, es wäre so, was lernen sie dann?“, fragt Butler weiter. Sie bezweifelt, dass Völkerball, wie manche sagten, ein Ventil wäre, um Aggression abzubauen. Vielmehr würde das Spiel diese erst hervorrufen. Es sei „legalisiertes Mobbing“, erklärt die Forscherin an anderer Stelle.

Die „Unterdrückung“ durch Völkerball zeige sich in mehrfacher Weise, schlussfolgerten die Forscher aus den offenbar limitierten Beliebtheitswerten des Spiels unter Schülern, die sie befragt hatten. So stelle es „Ausbeutung“ dar, dass man – was sich offenbar auf den „König“ oder den „Freigeist“ bezieht – andere für sich arbeiten lasse. Das Abwerfen und die darauf folgende Verbannung aufs Außenfeld bewirke „Marginalisierung“, indem die Betreffenden als Gruppe als niedere Klasse am Rande der Gesellschaft stünden – wenngleich sie dann auch nicht mehr abgeworfen werden können.

Regeln als Abbild des „kapitalistisch-faschistischen Ausbeutungssystems“?!

Dass die nach außen Verbannten würden zudem „Machtlosigkeit“ durch eine „eingeschränkte Autonomie“ erfahren. Dass die Regeln und Sitten der herrschenden Klasse als Norm definiert würden, sei zudem „Kulturimperialismus“. Und last but not least: Die schwächeren Mitspieler wissen, dass sie zum Ziel willkürlicher, nicht provozierter Angriffe werden.

Tatsächlich sind unsportliche und desinteressierte Schüler regelmäßig diejenigen, gegen die sich Abwurfversuche regelmäßig primär richten und die auch als Letzte ins Team gewählt werden. Diese wären jedoch auch in anderen Disziplinen im Nachteil – was eine explizite Dämonisierung des Völkerballs nicht rechtfertigen würde.

Butler erklärt: „Ich denke an das kleine Mädchen, das nach hinten läuft, um nicht zum Ziel zu werden. Was lernt sie? Vermeidungsstrategie?“ Gerade dieses Beispiel illustriert jedoch, dass fehlende Kraft, Körpergröße oder Ballsicherheit beim Völkerball durch Schnelligkeit und Wendigkeit egalisiert werden können. Während beim Fußball oder Basketball regelmäßig Vereinsspieler gegenüber Nichtsportlern entscheidend im Vorteil sind, schlägt ein solches Leistungsgefälle im Völkerball nicht zwingend durch.

Nur noch Gymnastik statt diverser Ballspiele?

Das Forscherteam um Butler kann jedoch der aus ihrer Sicht zu sehr „spielezentrierten“ Ausrichtung des Sportunterrichts an Schulen wenig abgewinnen – die Teamleiterin fragt sich, was die „Freude“ daran sei, ein anderes Team zu schlagen.

Um Abhilfe zu schaffen, empfiehlt sie nicht nur, Völkerball aus dem Lehrplan zu streichen, sondern generell Spiele. Stattdessen solle dieser stärkeren Fokus auf Outdoor-Aktivitäten, Fitness, Gymnastik und Wassersport legen, damit auch „andersbegabte“ Schüler zum Zug kämen. Viele Schüler, die Völkerball hassen, weil die dafür aufgewendete Zeit für Fußball oder Handball zu kurz kam, haben allerdings gegen Gymnastik oder Geräteturnen oftmals im Zweifel eine noch größere Aversion.

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