Warum Langeweile für eine gesunde Entwicklung von Kindern unerlässlich ist

Von 16. Februar 2018 Aktualisiert: 28. März 2020 14:11
Langeweile von Kindern setzt viele Eltern unter Druck. Zu diesem Schluss kommt unsere Gastautorin Psychotherapeutin Nancy Colier. Sie trauen ihren Kindern nicht mehr die Fähigkeiten zu, offene, ungeplante Zeiten zu tolerieren oder sogar gewinnend zu überstehen, so Colier in ihrem Artikel.

Die häufigste Frage, die ich bei meinen Gesprächen mit Eltern im ganzen Land bekomme, ist folgende: Was soll ich tun, wenn mein Kind sagt, dass es sich langweilt?

Vor kurzem erzählte mir eine Mutter, dass ihr Sohn sie immer wieder fragt: „Was soll ich als nächstes tun? Mir ist langweilig.“ Diese Mutter fühlt sich wie viele Eltern heutzutage einem enormen Druck ausgesetzt, ihren Sohn jeden Moment zu beschäftigen. Nur mit dem Ziel, damit er sich nicht mehr langweilt, bietet sie ihm permanent Aktivitäten an, um sein Unwohlsein vor dem Nichtstun zu unterdrücken.

Viele Kinder haben heutzutage einen sehr vollen Terminkalender. Ihre Zeit ist bis zur letzten Sekunde des Tages ausgefüllt. Ihre Aufmerksamkeit wird unaufhörlich auf und für sie gelenkt: Nachschulklassen, Sport, Nachhilfelehrer, Spielverabredungen – die Liste geht immer weiter. Selbst auf Geburtstagsfeiern, wenn ein Dutzend Kinder zusammenkommen, fühlen sich die Eltern oft dafür verantwortlich, sie in jedem Moment zu unterhalten und zu bespassen.

Langeweile ist zu dieser beängstigenden und gefürchteten Erfahrung geworden, auf die Eltern glauben, sofort reagieren zu müssen. Langeweile ist für ein Kind heute nicht mehr auszuhalten, und damit ist es ein Problem der Eltern geworden, sich immer wieder den Kopf darüber zerbrechen zu müssen, wie das Kind beschäftigt werden kann. Sehr schnell glauben die Eltern, dass es sogar als ein Zeichen von Vernachlässigung gedeutet werden könnte, wenn sie dem nicht Herr werden.

Langeweile ist keine verpasste Gelegenheit

Wie wir es uns fälschlicherweise vorstellen, ist Langeweile ein Moment, der nicht vollständig gelebt wird; als wäre es eine verpasste Gelegenheit. Wir glauben in einem Zustand des Nichts gelandet zu sein: Es gibt nichts zu tun, nichts zu lernen, nichts zu erfahren. Langeweile fühlt sich in dem Moment für uns wie eine bedrohliche Leere an.

Als Folge unserer Angst vor Langeweile ermutigen wir unsere Kinder, sich ständig auf ein Objekt der Aufmerksamkeit zu konzentrieren. Gleichzeitig haben moderne Technologien das ständige Engagement zur neuen Normalität gemacht. Mit Medien-Technik ist die Erwartung entstanden, dass unsere Kinder (und wir Erwachsenen) in einem Zustand ununterbrochener Unterhaltung und angenehmer Geschäftigkeit zu allen Zeiten leben sollten.

Unter dem Deckmantel, mehr zu lernen, mehr zu tun, mehr zu kommunizieren und uns selbst davon zu überzeugen, dass wir mehr leben, können wir uns dazu beglückwünschen. Aber dass unser Hirn permanent überfordert wird, das scheint keinen zu interessieren. Zu viele Bilder, zu viele Nachrichten, viel zu viele unruhige Momente, in denen das Hirn nicht zur Ruhe kommen kann.

Leider trauen wir unseren Kindern nicht mehr die Fähigkeiten zu, offene, ungeplante Zeiten zu tolerieren oder sogar zu überstehen. Wir haben aufgehört, die tiefgreifende Möglichkeit und das Potenzial von Langeweile zu sehen. Stattdessen haben wir gelernt, eine Zeit ohne ein Objekt der Aufmerksamkeit als eine vertane Zeit zu verstehen. Die zugrunde liegende Wahrheit darüber ist, dass wir den Glauben an die Vorstellungskraft unserer Kinder und die Kraft der menschlichen Kreativität, sich an ihre Umwelt anzupassen, verloren haben.

Die Vorteile von Langeweile

Zwei Dinge von großem Wert geschehen, wenn wir gelangweilt sind. Zuerst müssen wir unsere Vorstellungskraft benutzen; wir müssen erfinden. Dies ist eine nicht zu unterschätzende Fähigkeit. Manche Leute argumentieren, dass Kinder diese Fähigkeit nicht mehr brauchen, weil sie Technik benutzen können, um beschäftigt zu bleiben. Das ist so, als würden wir sagen, dass wir als Menschen nicht mehr laufen lernen sollten, weil wir Autos haben.

Unabhängig davon, wie reich die Möglichkeiten sind, Langeweile zu vermeiden, so ist die Fähigkeit, etwas zu erschaffen, zu generieren und sich selbst zu engagieren, für die Entwicklung eines gesunden Menschen von großer Bedeutung. Nur so kann das Hirn lebenslang aktiv bleiben. Nur so können wir lange jung bleiben.

Es ist unsere Verantwortung als Eltern, die Fähigkeiten der Phantasie und Kreativität besonders bei unseren Kindern zu entwickeln. Wir tun dies, indem wir den Samen pflanzen, wenn unsere Kinder jung sind, indem wir ihnen die Chance geben zu spielen, sich weiterzuentwickeln, ihre Arbeit zu tun und zu dem zu werden, für den sie bestimmt sind. Langeweile ist Wasser für diese Samen. Wenn wir ihnen alles permanent abnehmen und auf einem silbernen Tablett servieren, so sind auch wir mit Schuld daran, dass ihre Phantasie und kreativen Fähigkeiten verkümmern und tatsächlich absterben können.

„Mir ist langweilig“ zwingt Kinder etwas Interessantes zu sein

Zweitens, wenn ein Kind sagt „mir ist langweilig“, liegt es womöglich daran, dass es nichts finden kann, was es interessiert. Aber wonach sucht dieses Kind eigentlich? Normalerweise außerhalb von sich selbst. Wenn wir sagen, dass wir gelangweilt sind, dann haben wir nichts, um uns von uns selbst abzulenken.

Leider werden wir konditioniert, unser eigenes Selbst als nichts Interessantes zu erleben. Wenn wir Angst vor Langeweile haben und deswegen unserem Kind irgendeine Aktivität aufdrücken, so unterstützen wir seinen Glauben, dass es nichts wert ist, wenn es nicht permanent beschäftigt ist.

Die bemerkenswerte Chance, die Langeweile bietet, ist die Einladung, Zeit mit dem eigenen „Unternehmen“ zu verbringen, sich dafür zu interessieren oder es wenigstens zu ertragen. Es liegt in den Lücken zwischen fokussierten Aktivitäten, dass wir unsere Aufmerksamkeit auf unsere eigenen Gedanken, Gefühle und vielleicht sogar auf die Erfahrung von Langeweile richten können.

Die Fähigkeit, das eigene Ich nicht zu fürchten, ist die wertvollste Fähigkeit, die sie jemals lernen können

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Auch wenn die Unterhaltungstechnik es jetzt unseren Kindern ermöglicht, sich bis zum Lebensende mit Dingen zu beschäftigen, so ist aber die Fähigkeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen die wertvollste Fähigkeit, die sie jemals erlernen können. In der Langeweile liegt die Möglichkeit, dass wir zu einem würdigen Ziel für unsere eigene Aufmerksamkeit werden können.

Als Antwort auf die Frage: „Ist es in Ordnung, dass sich mein Kind langweilt?“, kann es nur ein eindeutiges „Ja!“ geben. Denn es ist nicht nur in Ordnung, sondern auch wichtig, dass sie es tun. Wenn sich Ihr Kind über Langeweile beschwert, können Sie einfach sagen: „Es ist in Ordnung, sich hin und wieder zu langweilen. Es wird dir nicht weh tun und es wird dir auf eine Weise helfen, die du jetzt noch nicht wissen kannst.“ Und dann: Sonnen Sie sich in der Genugtuung zu wissen, dass deren Langeweile nur bedeutet, dass Sie Ihren Job als Eltern richtig machen.

Nancy Colier ist Psychotherapeutin, interreligiöse Pfarrerin, Autorin, Rednerin, Workshopleiterin und Autorin mehrerer Bücher über Achtsamkeit und persönliches Wachstum. Colier ist verfügbar für individuelle Psychotherapie, Achtsamkeitstraining, spirituelle Beratung, öffentliche Vorträge und Workshops und arbeitet auch mit Kunden über Skype auf der ganzen Welt zusammen.

Dieser Artikel erschien im Original auf theepochtimes.com unter dem Titel: Should You Let Your Child Be Bored? Why boredom is essential to healthy development (deutsche Bearbeitung Jacqueline Roussety)