Wenn wir uns unseren Kindern gleichstellen, kann das bedeuten, dass wir die ultimative Verantwortung als Eltern nicht übernehmen.Foto: evgenyatamanenko/iStock

Ist es meine Aufgabe, der beste Freund meines Kindes zu sein?

Von 30. Juli 2021 Aktualisiert: 26. Juli 2021 7:35
Immer mehr Eltern geben ihre Autorität bei der Kindererziehung auf. Sie fühlen sich dazu verpflichtet, die Freunde ihrer Kinder zu sein – mit gravierenden Folgen für die Kinder.

Eltern fragen mich oft um Rat, wie sie die Techniknutzung ihrer Kinder regeln können. Dabei fragen sie meistens nach der Nutzungsdauer oder der Art von Technik.

Ich schlage vor, dass sie Grenzen festlegen – und Regeln, wie diese Grenzen umzusetzen sind. Die Eltern sagen dann so etwas wie: „Aber wenn ich das tue, was Sie vorschlagen, wird mein Kind mich anschreien oder hassen; das wird ein großes Problem verursachen.“

Normalerweise lächle ich und sage ja. Das irritiert die Eltern, als wollten sie eine Lösung, die keine Unstimmigkeiten hervorruft – eine Politik, die leicht umzusetzen ist.

Ich überbringe dann die folgende, manchmal überraschende Botschaft: „Es ist nicht Ihre Aufgabe als Eltern, der Freund Ihres Kindes zu sein.“

Der Weg des geringsten Widerstandes ist nicht der beste Weg

Wir leben in einer Zeit, in der Eltern die besten Freunde ihrer Kinder sein müssen – und zugleich auch Eltern.

Mütter und Väter hängen mit ihren Kindern ab, als ob sie ihre Altersgenossen wären. Bei Meinungsverschiedenheiten glauben Eltern, sie müssten es mit ihren Kindern ausdiskutieren, als wären sie gleichgestellt.

Eltern von 7-Jährigen führten mir, mit ernster Miene, alle Gründe auf, warum ihr Kind nicht damit einverstanden war, was sie bezüglich des Verhaltens des Kindes entschieden hatten.

Ich sehe Eltern, deren unter fünfjährige Kinder ein gleichberechtigtes Mitspracherecht bei der Aufstellung der Hausregeln bekommen, das umfasst auch die Regeln, die für die Kinder gelten sollen.

Eltern erzählen mir, wie hocherfreut sie sind, wenn ihre Kinder sie in den sozialen Netzwerken befreunden. Uns wird die Botschaft eingetrichtert, wir müssten mit unseren Kindern befreundet sein und dass sie uns mögen sollten – die ganze Zeit. Und, dass wir schlechte Eltern wären, wenn unsere Entscheidungen unsere Kinder verärgern.

Wir haben die Unterschiede zwischen Erwachsenen und Kindern ausradiert. Das untergräbt unsere Fähigkeit, die Weisheit unserer Erfahrung als Erwachsene zu entfalten. Wir entscheiden uns dafür, die Spielkameraden unserer Kinder zu sein, anstatt zu tun, was das Beste für sie ist.

Als Eltern gehen wir den einfachen Weg, den Weg des geringsten Widerstands. Wir bilden uns ein, dass wir es richtig machen würden, wenn unsere Kinder uns allzeit mögen.

Als Spielkameraden unserer Kinder lassen wir unsere Kinder im Stich

Im Versuch, mit unseren Kindern befreundet zu sein, geben wir jedoch unsere Autorität ab. Dabei berauben wir sie der Erfahrung, umsorgt zu werden. Wir verwehren ihnen die Gelassenheit, das Vertrauen und die Zuversicht, die daraus resultieren, dass wir, in unseren Entscheidungen entschlossen, sie beschützen werden, selbst wenn dies ihren Zorn erregt.

Gerade weil wir unsere Kinder lieben, müssen wir es aushalten können, dass sie uns nicht immer mögen.

Wenn wir uns danach sehnen oder uns dazu verpflichtet fühlen, gemocht zu werden, geben wir uns selbst eine unmögliche Aufgabe. Wir können nicht einfach das Gemocht-Werden in den Vordergrund stellen und gleichzeitig gesunde, vernünftige Menschen aufziehen, die Frustration und Enttäuschung aushalten können. Das wird uns nichts anderes als Leid und Misserfolg bringen.

Wir wollen erreichen, dass die Kinder uns mögen, indem wir ihnen geben, was sie haben möchten. Doch gleichzeitig sprechen wir uns selbst die Würde ab, unseren Kindern das zu geben, was sie wirklich brauchen. Wir wählen eher den einfachsten, angenehmsten Weg und nicht den, der gehaltvoller und umsichtiger ist.

Indem wir die Freundschaft zu unseren Kindern wichtiger nehmen als die Kindererziehung, lassen wir unsere Kinder im Stich, denn unsere Kinder brauchen Grenzen und Regeln.

Eine meiner Kolleginnen, die von einem Elternteil erzogen wurde, der vor allem ihr Freund sein wollte, drückte es so aus:

„Ich hatte nie das Gefühl, dass es jemanden gibt, der mich aufhält, wenn ich am Ende der Welt angekommen bin und abspringen will.“

Es ist in Ordnung, wenn Ihr Kind sauer auf Sie ist

Unsere Kinder mögen schreien und Dinge um sich werfen, doch sie wollen auch, dass wir Sachen wissen, die sie nicht wissen.

Sie wollen, dass wir trotz ihrer Schimpftiraden an unserer Weisheit festhalten und dass wir bereit sind, ihren Unmut im Dienste ihrer eigenen Interessen zu tolerieren und auszuhalten. Sie wünschen sich, dass wir uns auf eine Art und Weise um sie kümmern, wie sie sich noch nicht selbst um sich kümmern können.

Oft wissen Kinder nicht, was das Beste für sie ist – und fast nie ist das der Fall, wenn es um die Techniknutzung geht. Für uns Erwachsene ist es schon schwer genug zu erkennen, was das Beste für uns selbst ist. Hinzu kommt noch, dass die Frontallappen bei Kindern noch bei Weitem nicht voll entwickelt sind.

Kindern zu erlauben, ihre eigenen Regeln in Bezug auf Technik aufzustellen, ist so, als würde man einem Opioid-Süchtigen eine Flasche Oxycontin geben und ihn bitten, sein eigenes Rezept zu schreiben – so viel oder wenig wie er selbst gedenkt. 

Kleine Kinder und Teenager sollten kein gleichberechtigtes Stimmrecht erhalten, wenn es um ihre Techniknutzung geht, ebenso wenig wie in vielen anderen Angelegenheiten.

Als Eltern haben wir in der Regel mindestens zwei oder mehr Jahrzehnte mehr an Erfahrung als unsere Kinder. Einfach ausgedrückt: Wir wissen Dinge, die sie nicht wissen. Wir können ihnen diese Wahrheit sagen.

Das ist der Grund, warum unsere Kinder in Angelegenheiten, die Disziplin oder harte Entscheidungen erfordern, nicht gleichberechtigt sein können. Das sind oft Situationen, die das Lustzentrum ihres Gehirns, ihre Hormone und ihr unerfahrenes Denken überfordern.

Merken Sie sich: Es ist in Ordnung, wenn Ihr Kind sauer auf Sie ist. Es ist in Ordnung, wenn es die Entscheidungen, die Sie treffen, nicht mag. Es ist in Ordnung, wenn Ihr Kind wütend auf Sie ist, weil Sie Grenzen setzen und sich an diese Grenzen halten.

Sie dürfen Nein sagen. Es erfordert großen Mut, Nein zu sagen.

Sie sind keine schlechten Eltern, wenn Ihr Kind Phasen hat, in denen es Sie nicht mag – und vielleicht eine Zeit lang sogar sagt, dass es Sie hasst. Das bedeutet wahrscheinlich, dass Sie ihre Arbeit machen.

Ihre Rolle als die Autorität im Leben Ihres Kindes ist entscheidend. Je mehr Sie diese Rolle annehmen, desto mehr werden Sie die Weisheit spüren, die mit dieser Verantwortung einhergeht.

Eine Autoritätsperson zu sein bedeutet nicht, ein taubes Ohr zu haben, wenn Ihr Kind sich ärgert, enttäuscht oder emotional ist.

Wir können die Gefühle und Gedanken unserer Kinder respektieren und gleichzeitig nicht von dem abweichen, von dem wir wissen, dass es das Beste für sie ist.

Eine Autoritätsperson im Leben Ihres Kindes zu sein, bedeutet nicht, gefühllos oder verletzend zu sein. Es bedeutet jedoch, mutig genug zu sein, um angesichts der Wut oder des Grolls Ihres Kindes stark zu bleiben.

Ihre Rolle ist es, der Erwachsene in der Eltern-Kind-Beziehung zu sein. Sie sollten liebevoll bleiben und dazu bereit sein, das zu tun, was das Beste für Ihr Kind ist. Es ist nicht Ihre Aufgabe, der Freund Ihres Kindes zu sein.

Zur Autorin:

Nancy Colier ist Psychotherapeutin, interreligiöse Seelsorgerin, Autorin, Referentin, Workshopleiterin und Verfasserin mehrerer Bücher über Achtsamkeit und persönliches Wachstum.

Dieser Artikel erschien zuerst in der Epoch Times Wochenzeitung, Ausgabe KW29

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.


Gerne können Sie EPOCH TIMES auch durch Ihre Spende unterstützen:

Jetzt spenden!


Kommentare
Liebe Leser,

vielen Dank, dass Sie unseren Kommentar-Bereich nutzen.

Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen, Schimpfworte, aggressive Formulierungen und Werbe-Links. Solche Kommentare werden wir nicht veröffentlichen. Viele Kommentare waren bisher schon anregend und auf die Themen bezogen. Wir bitten Sie um eine Qualität, die den Artikeln entspricht, so haben wir alle etwas davon.

Da wir die juristische Verantwortung für jeden veröffentlichten Kommentar tragen müssen, geben wir Kommentare erst nach einer Prüfung frei. Je nach Aufkommen kann es deswegen zu zeitlichen Verzögerungen kommen.

Die Kommentarfunktion wird immer weiter entwickelt. Wir freuen uns über Ihr konstruktives Feedback, sollten Sie zusätzliche Funktionalitäten wünschen an [email protected]s.de


Ihre Epoch Times - Redaktion