„Bild“ erfand einst den Bürger-Reporter – „Correctiv“ schafft nun den Bürger-Faktenchecker

Von 7. Mai 2019 Aktualisiert: 7. Mai 2019 11:49
Das Vertrauen der Bürger in Journalisten hat in den letzten Jahren drastisch abgenommen. Entsprechend kritisch wurden vielfach Faktenchecker-Projekte bewertet, die Journalisten betrieben. Correctiv bildet deshalb nun Bürger zu Faktencheckern auf Honorarbasis aus. Henryk M. Broder zeigt sich skeptisch.

Seit 2016 sind die „Fake-News“ in sozialen Medien gleichsam zu einer Obsession von Politik und medialem Mainstream geworden. Die Brexit-Abstimmung in Großbritannien und die sensationelle Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten hatten Schockwellen durch das westliche Establishment geschickt und wurden zum sichtbaren Ausdruck eines tiefsitzenden Unbehagens über die politischen Weichenstellungen der letzten 20 Jahre in Teilen der westlichen Welt.

Schnell wurde ein Schuldiger für diese Entwicklung ausgemacht: Die sozialen Medien hatten die zuvor intakte Torwächterfunktion, die traditionelle Medien im öffentlichen Diskurs ausgeübt hatten, unwirksam gemacht. Eine Gegenöffentlichkeit entstand, in der Menschen, deren Auffassungen es zuvor nicht durch die Filterfunktionen geschafft hatten, nun offen sprechen und sich gegenüber einem breiten Publikum äußern konnten.

Dass sich darunter auch unbelegte oder sachlich schlichtweg falsche Auffassungen befanden, lag in der Natur der Sache. Sofern diese beleidigende oder strafbare Äußerungen beinhalteten, kamen geltende Gesetze zur Anwendung – allerdings war der Weg, sie zu sanktionieren, manchmal langwierig. Im Gegenzug konnten zweifelhafte Inhalte und Behauptungen millionenfache Verbreitung finden, und Menschen glaubten an ihre Richtigkeit, weil sie daran glauben wollten.

Nun hieß es einst im Schulunterricht, in der Demokratie würde sich die Wahrheit durchsetzen, weil die freie Rede jedermann die Möglichkeit gebe, falsche Informationen zu widerlegen, und die Vernunft den Rest erledige.

Fake-News überbewertet, Filterblasen kaum vorhanden

Auf das Phänomen von Internet-Memes und auch bewussten Falschdarstellungen aus halbseidenen Quellen, die dennoch viral gingen, treffe, glaubt man den traditionellen Medien, diese Erwartung nicht zu. Vielmehr würden immer mehr Menschen nicht mehr mit den „richtigen“ Informationen versorgt, weil sie sich in abgeschlossenen Filterblasen und Echokammern abschotten würden.

Für die unterlegenen Brexit-Gegner und Anhänger der demokratischen US-Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton war es auch gefälliger, ihre Niederlage auf groß angelegte Desinformationskampagnen, möglicherweise gar noch von Russland gesteuerten, zurückzuführen als darauf, einfach kein überzeugendes Anliegen bzw. eine schlichtweg zu unsympathische Kandidatin unterstützt zu haben.

Tatsächlich wurden die Verbreitung von „Fake-News“ wie jenen vom elitären Kinderschänderring im Keller einer Washingtoner Pizzeria („Pizzagate“) oder der angeblichen Papst-Wahlempfehlung für Donald Trump und deren Einfluss auf die Meinungsbildung erheblich überschätzt. Insgesamt hätte, so eine Untersuchung der Northeastern University in Boston unter der Leitung des Politikwissenschaftlers David Lazer, nur etwa ein Prozent der US-Amerikaner Geschichten dieser Art angezeigt bekommen. Zudem hätten die Falschnachrichten zu 80 Prozent innerhalb eines identischen Nutzerkreises Verbreitung gefunden.

Auch die Befürchtung, Nutzer würden sich in einer Filterblase sammeln, auf den Konsum von Alternativmedien beschränken und Informationen aus etablierten Medien gar nicht mehr zur Kenntnis nehmen, wurde durch Studien widerlegt.

Bislang nur dpa und Correctiv in Deutschland als Faktenchecker zertifiziert

Dennoch hielten etablierte Kräfte in Politik und Medien am Narrativ von der angeblichen Demokratiegefährdung fest und daran, dass die Kontrolle über die Inhalte, die über soziale Medien verbreitet werden, intensiver werden müsse. Das Netzwerkdurchsetzungsgesetz und der Einsatz so genannter Faktenchecker, deren Erkenntnisse zur Markierung und Rückstufung bemängelter Inhalte führen sollen, sind die bisherige Ausbeute der Debatte.

Um ein Faktenchecker werden zu können, mit dem Facebook & Co. auch bereit sind, zusammenzuarbeiten, müssen gewisse Anforderungen erfüllt werden. Eine davon ist eine gültige Zertifizierung durch das US-amerikanische Poynter-Institut und dessen „International Fact-Checking Network“ (IFCN).

In Deutschland besitzen bislang nur zwei dieser Dienste eine solche Zertifizierung: Neben dem jüngst hinzugestoßenen Faktencheckerdienst der Deutschen Presse-Agentur (dpa) ist dies das so genannte Recherchebüro „Correctiv“. Das Portal ist nicht unumstritten, zumal es sich unter anderem im Zusammenhang mit einer Anfrage an das Bundesaußenministerium in Sachen MH17 sowie durch die Enthüllung mehrere Jahre zurückliegender Erotik-Kontaktanzeigen einer AfD-Landtagskandidatin dem Verdacht des Aktivismus bzw. der Denunziation ausgesetzt hatte.

Nichtsdestoweniger will Correctiv, ähnlich wie die „Bild“ es einst mit ihren „Bürger-Reportern“ vorexerziert hatte, Bürger in Eigenregie zu freiberuflichen Faktencheckern schulen, die anschließend auf Honorarbasis arbeiten. 

Mehrstufiges Auswahlverfahren

Wie das Fachportal „Meedia“ berichtet, will das Rechercheportal so auf kritische Anmerkungen reagieren, wonach Journalisten, denen die Bürger Untersuchungen zufolge immer weniger vertrauen, auch als Faktenchecker nicht glaubwürdig agieren könnten. Seit Ende März haben nun interessierte Bürger die Möglichkeit, sich über das Checkjetzt-Blog selbst zu professionellen Faktencheckern ausbilden und als solche registrieren zu lassen.

Worum es bei der Entlarvung von „Fake-News“ geht, umschreibt die Leiterin der Faktenchecker-Redaktion, Tania Röttger, auf Instagram: „Fake News sind eigentlich gar keine News. Sondern gezielte Falschmeldungen, mit denen irgendetwas erreicht werden soll. Wir sprechen daher von Desinformation, Missinformation oder Falschmeldung.“ 

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Bereits jetzt veröffentlichen Bürger-Faktenchecker ihre Analysen zu Beiträgen, die sie in Eigenregie untersucht oder von Correctiv zur Untersuchung übertragen bekommen hatten. Leicht als überzeichnet erkennbare, Merkel-kritische Memes werden dabei ebenso bewertet („belegen keinen Zusammenhang zwischen Angela Merkel, dem NSU oder einer Nazi-Firma“) wie gespoofte CDU-Wahlplakat, aber auch Bilder über Personen arabischen Phänotyps in Paris, die sich angeblich über den Brand in Notre-Dame freuen. Neben „richtig“ der „falsch“ kennt die Faktenchecker-Bewertung auch Einstufungen wie „unbelegt“, „teilweise falsch“ oder „völlig falsch“.

Röttger zeigt sich in „Meedia“ über das bisherige Interesse an der Mitarbeit im Faktenchecker-Portal zufrieden. Bislang hätten etwa 300 Personen diese bekundet, 65 Teilnehmer hätten bereits auf dem Wege eines Onlinekurses ein Zertifikat erworben, an zwei Tagesworkshops in Berlin und Essen nahmen jeweils 20 Personen teil.

Um Mitglied in der Checkjetzt-Community zu werden, so schildert Röttger, müssen die Interessierten ein Zertifikat im Online-Workshop bei der Reporter-Fabrik erlangen, an einem der Tagesworkshops teilnehmen sowie einen Probe-Faktencheck einreichen. Wer all dies erfolgreich absolviert habe, erhalte Zugang zum Online-Redaktionstool Checkjetzt. Nicht nur der Auswahlprozess sei auf diese Weise anspruchsvoll gehalten, auch die Checks selbst würden intern geprüft und es gebe beispielsweise Feedback, wenn zum Beispiel wichtige Quellen nicht beachtet wurden.“

Sarkastische Überschrift als Tatsachenbehauptung

Derzeit würden in Deutschland 29 Personen bereits als Faktenchecker arbeiten. Virale Themen hätten bei der Bearbeitung Vorrang.

Journalist Henryk M. Broder hat sich hingegen auf seinem Blog „Achse des Guten“ kritisch zu dem Projekt geäußert – zumal sein Portal selbst bereits ins Visier der Bürger-Faktenchecker geraten ist.

„Die Absolventen der Journalistenschulen steigen demnächst wahrscheinlich gleich auf Faktenchecker um, erstens, weil sie nicht schreiben können und zweitens, weil dafür niemand bezahlen will“, höhnt Broder. Dem Portal wirft er vor, zu Unrecht beanstandet zu haben, dass dieses der Grünen-Fraktionschefin Katrin Göring-Eckardt im Zusammenhang mit einem Tweet zu den jüngsten Anschlägen in Sri Lanka eine Äußerung in den Mund gelegt zu haben, die diese nie getan habe – mittels einer sarkastischen Überschrift zu einem Blogbeitrag.

Broders Urteil über das neue Faktenchecker-Projekt fällt entsprechend harsch aus:

„Aber das muss ein Faktenchecker, der ein Zitat von einem Stilmittel, das man Sinnumkehrung nennt, nicht unterscheiden kann, nicht wissen. Für den Job reicht es, wenn er den IQ eines Algorithmus hat, der Rabatt und Rabatz nicht auseinanderhalten kann. Ist doch alles irgendwie das Gleiche, und wenn Faktenchecking Spaß machen soll, darf man es nicht allzu genau nehmen, schon gar nicht bei Hilfskräften, die auf Honorarbasis bezahlt werden wie Schiffsschaukelbremser auf einer Kirmes.“

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.