„Der Zersetzungsprozess in China ist nicht aufzuhalten“

Epoch Times1. Juli 2005 Aktualisiert: 1. Juli 2005 15:55
Chinas bekanntester Dissident Wei Jingsheng im Interview
Wei Jingsheng, Chinas bekanntester Dissident, am 11. Juni in Stockholm (Wei Jingsheng, Chinas bekanntester Dissident, am 11. Juni in Stockholm (Foto: Monika Weiß / German ET)

Ein Gespräch mit dem bekannten chinesischen Dissidenten Wei Jingsheng nach einer Kundgebung in Stockholm am 11. Juni unter dem Motto „Nein zur KP Chinas“. Wei hat sich sehr früh für Demokratie in China eingesetzt und musste dafür 18 Jahre in Chinas Gefängnissen und Arbeitslagern verbringen. Nur auf internationalen Druck kam er 1997 frei und wurde sofort abgeschoben.

DNE: Herr Wei, wie schätzen Sie die Auswirkungen der Überläufer in Australien ein?

Wei: Die chinesische Regierung beobachtet diese Fälle mit größter Aufmerksamkeit. Sie befürchtet eine weitere Kettenreaktion und hat davor natürlich Angst. Schon lange hat die chinesische Führung kein Vertrauen mehr in die KP-Mitglieder und das Personal der chinesischen Botschaften. Es gibt nicht ohne Grund in den Botschaften eine Abteilung zur Überwachung von Mitarbeitern in Botschaft und Konsulat. Chen war gerade der Chef dieser Abteilung. Also auch diese Abteilung ist kein sicherer Faktor mehr.

DNE: Welche Möglichkeiten hat die chinesische Regierung, gegen solche Fälle vorbeugend vorzugehen?

WEI: Die chinesische Regierung kann noch strengere Kontrolle ausüben, zum Beispiel dürfen Botschaftsangehörige in der Öffentlichkeit immer nur zu zweit unterwegs sein. Noch dürfen die Ehefrauen mit ins Ausland gehen, das könnte auch bald eingeschränkt werden. Es kann versucht werden, vermehrt Druck auf die Regierung des Gastlandes auszuüben. Das wurde schon in Australien versucht, indem Chen Yonglin bisher kein politisches Asyl erhielt und gegen seinen Willen ins Außenministerium bestellt wurde. Es ist schlimm, dass Australien mit China auch auf dieser Ebene kooperiert. Nur weil Chen Yonglin an die Öffentlichkeit ging, sind der australischen Regierung jetzt die Hände gebunden. Angeblich will die australische Regierung jetzt auch die über 1.000 chinesischen Agenten in ihrem Land unter Kontrolle bringen. Trotzdem bleiben wir der australischen Regierung gegenüber sehr wachsam.

Wir müssen im Ausland für Überläufer mehr Sicherheit herstellen.

Unterstützung für die Austrittslawine aus der KPC am 11. Juni in Stockholm: „Nein zur KP China“ (Unterstützung für die Austrittslawine aus der KPC am 11. Juni in Stockholm: „Nein zur KP China“ (Foto: German ET)

DNE: Wie könnte die australische Regierung 1.000 Agenten kontrollieren?

WEI: Die australische Regierung hat bisher nur gesagt, dass sie etwas unternehmen will. Deswegen müssen wir auch weiterhin Druck auf sie ausüben.

DNE: Wie könnte es Ihrer Meinung nach in China weitergehen ohne die KP?

WEI: In China wird sich die Lage verbessern, wenn die Unterdrücker nicht mehr an der Macht sind. Alle Bereiche bis hin zur Umwelt sind von der Einflussnahme der KP betroffen und beeinträchtigt.

DNE: Sehen Sie einen Unterschied zu der Situation in Russland, wo die Mafia starken Einfluss gewann und andere schlechte Seiten hoch kamen?

WEI: In Osteuropa kooperiert die KP mit der Mafia um wieder hochzukommen. Es ist jetzt schwer, dies zu unterbinden. In China wird das nicht passieren, weil die Chinesen das schlechte Beispiel in Russland schon erkannt haben und dadurch gewarnt sind.

DNE: Stehen Sie in Kontakt mit Demokraten in China?

WEI: Ja, natürlich.

DNE: Deutschland und Japan fordern einen Sitz im UNO-Sicherheitsrat. Warum ist China Ihrer Meinung nach so stark dagegen?

WEI: Nicht wegen des Krieges vor 60 Jahren. China will eine Achse Japan-USA-Taiwan verhindern und übt daher starken Druck auf Japan aus.

DNE: Sie sehen das als eine Art Kalten Krieg zwischen Japan und China?

WEI: Die UNO ist nicht mehr in der Lage für Frieden in der Welt zu sorgen. Die Diktatoren haben ein zu kräftiges Wort mitzureden. Die UNO sollte daher neu organisiert werden. Aber Chinas Außenminister ist heute gegen eine Reform der UNO. Noch vor 10 Jahren war China aber für eine Reform der UNO. Denn damals war die UNO nicht so organisiert wie die KPC es wünschte, und die KPC hatte nicht viel mitzureden. Inzwischen steht die UNO offensichtlich auf der Seite der Diktatoren. Und natürlich ist China nun gegen eine Reform der UNO. Vom chinesischen Außenministerium kommt die Forderung, dass die UNO die Interessen der Entwicklungsländer vertreten soll. China hat damit eigentlich gemeint, die UNO solle die Interessen der nicht-demokratischen Länder vertreten – die Entwicklungsländer sind meist ja nicht demokratisch. Früher war es eins der Ziele der Vereinten Nationen, die Demokratie zu fördern. Aber China will die nicht-demokratischen Länder fördern. Der Terrorismus in westlichen Ländern wird von KP-Ländern unterstützt. Ohne Demokratie wird der Terrorismus weitergehen.

Der Fall Chen Yonglin zeigt, dass viele KP-Mitglieder den Druck innerhalb der Partei nicht mehr aushalten. Sein Umschwenken wird Auswirkungen in China haben. Die Reformrufe aus der Armee werden auch immer stärker, der Zersetzungsprozess in China ist nicht mehr aufzuhalten.

Chen Yonglin trennt sich von der KP, er will im Westen leben, er entlarvt die Verbrechen in China, das ist sehr anzuerkennen. Manche Chinesen zeigen auf die USA und sagen, dort gibt es doch auch den CIA. Diese Kritik sollten sie zurücknehmen.

DNE: Welchen Unterschied sehen Sie in der Arbeit von westlichen Agenten und in der Arbeit von Agenten der chinesischen Regierung?

WEI: Zum Beispiel sammeln westliche Agenten nicht Informationen über Aktivitäten von Demokraten im Ausland. China dagegen kontrolliert die chinesischen Gemeinden im Ausland, sie bestrafen dort sogar chinesische Geschäftsleute. Sie versuchen, Druck auf ausländische Medien und sogar auf ausländische Politiker auszuüben.

Alle chinesischen Demokraten werden von Chinas Regierung bedroht. Der Kommunismus kriecht in jeden Winkel der Welt.

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DNE: Denken Sie, dass China genügend Unterstützung erhalten wird nach der KP-Zeit? Nach dem Kollaps des KP-Systems erhielten Staaten in Osteuropa zum Beispiel Hilfe vom Westen in den Fragen wie man ein Parlament aufbaut, wie man Wahlen durchführt, aber auch in allen sonstigen Bereichen der Gesellschaft.

WEI: Ich denke, wir bekommen eher keine Unterstützung von außen. Aber ich mache mir da gar keine Sorgen. Denn die Chinesen sind sehr lernfähig. Außerdem werden viele Auslandschinesen wieder in ihre Heimat zurückkehren, mit ihrem im Ausland erworbenen Wissen und demokratischen Verständnis. Ein gutes Beispiel ist auch Taiwan. Über diese Frage mache ich mir gar keine Sorgen.

Das Interview führte Monika Weiß für Die Neue Epoche/The Epoch Times.