Kassenarztchef: Keine „Corona-Schulferien“ in Deutschland

In Italien schließen wegen der Ausbreitung des Coronavirus ab diesem Donnerstag alle Schulen und Universitäten - in Deutschland ist dies hingegen weiterhin nicht geplant.
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Ein Teddy mit Mundschutz und Koffer. (Symbolbild)Foto: iStock
Epoch Times5. März 2020

Kassenarztchef Andreas Gassen übt scharfe Kritik an wiederholten Rufen nach „Corona-Schulferien“. „Bei wenigen Hundert Infizierten in Deutschland wären bundesweite Schulschließungen eine hysterische Überreaktion“, sagte der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (NOZ). In Italien sei die Lage mit 3.000 Infizierten und 110 Toten eine ganz andere.

„Dort gab es die Notwendigkeit, zu reagieren. Ob es die richtige Entscheidung war, wird sich zeigen. Aber mit der Situation in Deutschland und in anderen europäischen Ländern ist das nicht vergleichbar.“ Entschieden stellte sich der KBV-Chef auch gegen Forderungen nach einem Verbot von Großveranstaltungen.

„Wir können doch nicht das öffentliche Leben stilllegen, und die Leute sitzen alle zu Hause und verfolgen vor dem Fernseher gebannt den Corona-Liveticker, obwohl es nur sehr wenige Menschen gibt, die sich mit einem relativ milden Virus angesteckt haben“, sagte der Mediziner der NOZ.

„Auch in einem Fußballstadion ist die Wahrscheinlichkeit, dass der Fan neben mir Corona hat, extrem gering. Gesetzliche Verbote für Großveranstaltungen halte ich nicht für zielführend.“ Er selbst sei vor einer Woche noch auf einem Rockkonzert gewesen.

Extrem beunruhigt zeigte sich Gassen angesichts des Verhaltens der Bevölkerung. „Die Bevölkerung ist wie in einer Corona-Schockstarre, die Leute machen Hamsterkäufe und laufen mit Schutzmasken durch die Gegend. Mit der Realität hat das nichts zu tun, aber es hindert Ärzte daran, sich um echte Patienten zu kümmern“, beklagte der KBV-Chef.

„Was wir erleben, grenzt teils an Hysterie. In Berlin stehen hundert Leute in der Schlange, weil sie meinen, getestet werden zu müssen. Auf solche Massen kann keine Praxis eingestellt sein.“ Gleichwohl sei das Gesundheitssystem „extrem leistungsfähig und wird durch das Coronavirus nicht an seine Grenzen stoßen“, betonte Gassen.

Spahn und KMK-Präsidentin gegen bundesweite Schulschließung

Die Präsidentin der Kultusministerkonferenz (KMK), Stefanie Hubig, sagte in einem Interview vom Donnerstag, sie halte Schulschließungen derzeit nicht für nötig, da die Coronavirus-Lage in Deutschland regional sehr unterschiedlich sei.

In Deutschland sei laut Hubig auch eine Verschiebung der Schulferientermine im Kreis der deutschen Kultusminister „derzeit kein Thema“. Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin plädierte in der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ dafür, über Schulschließungen vorerst weiterhin nur im Einzelfall zu entscheiden.

Hubig verwies auf das Beispiel Rheinland-Pfalz, wo die Gesundheitsämter in Absprache mit den jeweiligen Schulträgern über die Schließung einzelner Schulen entschieden. Bundesweit an allen Schulen sei jetzt allerdings verstärkt auf Hygienemaßnahmen zu achten, mahnte die SPD-Politikerin.

Auch Bundesgesundheitsminister Spahn sagte am Mittwoch nach Beratungen mit seinen Kollegen aus den Bundesländern, „pauschale Schließungen“ von Schulen halte er für unangemessen. Über solche Maßnahmen solle vielmehr jeweils vor Ort entschieden werden. Spahn verwies darauf, dass Schulschließungen auch negative Folgen für die Bekämpfung des Virus haben könnten – etwa wenn Ärzte wegen Betreuung ihrer Kinder dann zu Hause bleiben müssten.

Virologe fordert Schulfrei

Der Virologe Alexander Kekulé hatte zuvor wegen der aktuellen Corona-Krise eine zweiwöchige Schließung von öffentlichen Einrichtungen vorgeschlagen. „Es wäre gut, 14 Tage lang alle Kindertagesstätten und Schulen zu schließen und Großveranstaltungen abzusagen“, sagte Kekulé der Wochenzeitung „Die Zeit“.

In Deutschland gibt es nach Angaben des Robert-Koch-Instituts inzwischen mehr als 260 Fälle von Infektionen mit dem Coronavirus. Mit Abstand am stärksten betroffen ist Nordrhein-Westfalen mit mindestens 115 Ansteckungsfällen. Ein Todesfall wurde hierzulande bislang nicht bekannt.

Schulen und Unis in Italien geschlossen

In Italien sollen die Schulen und Universitäten bis zum 15. März geschlossen bleiben, wie Bildungsministerin Lucia Azzolina am Mittwochabend mitteilte. Das Land wird von dem neuartigen Erreger allerdings wesentlich stärker heimgesucht als Deutschland – Italien ist der größte Herd des Virus in Europa.

Nach jüngsten Angaben des italienischen Zivilschutzes starben inzwischen mindestens 107 Menschen im Land an dem Erreger, die Zahl der bestätigten Ansteckungsfälle stieg auf 3089. Binnen 24 Stunden wurden 28 weitere Todes- und 587 neue Krankheitsfälle verzeichnet. Ministerpräsident Giuseppe Conte schloss nicht aus, dass bei einem weiteren Anstieg der Fälle die Kapazitäten der italienischen Krankenhäuser nicht ausreichen könnten.

Neben der generellen Schließung der Schulen und Hochschulen wurde in Italien per Regierungsdekret auch das Publikum von allen Sportveranstaltungen bis zum 3. April ausgeschlossen. Das betrifft auch die Spiele der ersten Fußball-Liga und der europäischen Fußballwettbewerbe, die in italienischen Stadien stattfinden. Im Februar hatten die italienischen Behörden wegen des Coronavirus elf Kommunen im Norden des Landes unter Quarantäne gestellt.

(afp/dts/dpa/sua)

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