Halle: Mindestens 12 Sex-Attacken beim Laternenfest – Polizei sucht weitere Opfer und spricht von ungewöhnlicher „Häufung“

Mindestens in zwölf Fällen von sexuell motivierten Straftaten ermittelt die Polizei Halle im Zusammenhang mit dem Laternenfest Ende August. Doch auch in der Folgewoche wurden Mädchen und Frauen zwischen 14 und 60 Jahren sexuell angegangen. Einen Sex-Grapscher vom Laternenfest 2016 verurteilte ein Richter am Donnerstag zu 1.200 Euro Strafe. Er setzte damit ein Zeichen und verdoppelte kurzerhand die Forderung der Staatsanwaltschaft.

Sie kamen in Gruppen, grapschten und bedrängten: Beim Laternenfest in Halle an der Saale wurden zahlreiche Frauen von „südländisch“ aussehenden Männern sexuell belästigt.

Wie die Frauen aussagten, traten die Männer in Gruppen auf. Zehn der Übergriffe passierten demnach am Samstag direkt vor der Peißnitz-Bühne.

Wir haben keinen Zweifel, dass das, was angezeigt wurde, auch stattfand.“

(Ralf Karlstedt, Polizeisprecher)

Nach einem Zeugenaufruf meldeten sich zwei weitere Mädchen, die Opfer sexueller Belästigungen auf dem Fest wurden, wie die „Mitteldeutsche Zeitung“ berichtete. Somit erhöhte sich die bisherige Opferzahl auf mindestens zwölf.

Die Polizei richtete eine fünfköpfige Ermittlungsgruppe ein. Tatverdächtige wurden zu den Vorfällen jedoch noch keine ermittelt.

Weitere Opfer gesucht

Derweil sucht die Polizei weitere Opfer, da sich offenbar noch nicht alle gemeldet haben. Zeugen berichteten von zwei jungen Syrern, die vor der Peißnitzbühne Frauen belästigt haben sollen. In diesem Fall ist es genau andersherum: „Es gibt Zeugen, aber keine Geschädigten dazu“, so Karlstedt.

Im Video: Arabische Tänze auf dem Laternenfest. Ob die Gruppe mit den Sex-Attacken etwas zu tun hatte, ist nicht bekannt.

Drei weitere sexuelle Übergriffe

Das Laternenfest fand vom 24. bis zum 26. August statt.

Auch an den darauf folgenden Tagen wurden mehrere sexuelle Übergriffe gemeldet.

Am Mittwoch wurde eine 18-Jährige am Wasserturm von zwei Männern mit „südländischem Aussehen“ an die Brust gefasst. Das Mädchen wehrte sich, wofür es von einem der Täter einen Schlag ins Gesicht bekam.

Zwei Tage später, am Freitag, packte ein Mann mit dunkler Hautfarbe eine 60-jährige Frau an der Haltestelle „Magdeburger Straße“ an den Händen und berührte sie unsittlich. Als die ältere Frau aufschrie, flüchtete der Täter.

Am Samstag darauf machte ein 14-jähriges Mädchen unliebsame Bekanntschaft mit einer Gruppe junger Männer. Die Schülerin befand sich mit einer Freundin auf der Brücke der Freundschaft nahe der Peißnitzinsel, als sie angesprochen wurden. Dabei wurde die 14-Jährige unsittlich berührt. Es kam zum Streit, worauf zwei aus der Gruppe den Mädchen mit einem Schlagring und einem Schraubenzieher drohten.

Später stellte die Polizei vier Personen zwischen 15 und 20 Jahren am Rennbahnkreuz. Laut Polizeiangaben kamen diese „aus verschiedenen Ländern“. Besagter Schlagring und der Schraubenzieher wurden bei ihnen gefunden.

Ungewöhnliche Häufung von Sex-Attacken

Wie Polizeisprecher Ralf Karlstedt bemerkte sind derart viele sexuell motivierte Straftaten in so kurzer Zeit ungewöhnlich.

Natürlich ist das eine Häufung. Das ist nicht das normale Tagesgeschehen.“

(Ralf Karlstedt, Polizeisprecher)

Sex-Grapscher von 2016 vor Gericht

Am Donnerstag, 7. September 2017, verhandelte das Amtsgericht gegen einen anerkannten Asylberechtigten aus Halle-Neustadt wegen sexueller Beleidigung.

Der 2015 nach Deutschland gekommene 27-jährige Syrer hatte beim 2016-Laternenfest Ende vergangenes Jahr einer jungen Frau (18) von hinten durch das Hosenbein an den Hintern gefasst, als sie mit ihrem Freund in einer Warteschlange stand. Noch am selben Abend erstattete das Mädchen Anzeige.

Da der Fall noch nach dem alten Sexualstrafrecht verhandelt wurde, lautete die Anklage noch auf tätliche Beleidigung, wie die „MZ“ berichtet.

Der Angeklagte hat Glück, denn heute wäre so ein Fall definitiv als sexuelle Nötigung eingestuft worden mit dementsprechend höheren Strafen.“

(Staatsanwältin)

Der Richter redete dem arbeitslosen Maler, der mit Dolmetscher, seiner Frau und seinen zwei Kindern im Gerichtssaal saß, zudem ins Gewissen:

Haben Sie überhaupt mal darüber nachgedacht, wie sich Ihre Frau fühlt, wenn Sie so etwas machen?“

(Richter)

Der Dolmetscher übersetzte die reumütige Antwort des Mannes: „Ja, und es tut mir auch sehr leid.“

Bereits zu Beginn des Prozesses räumte der 27-Jährige alle Vorwürfe ein und entschuldigte sich bei der jungen Frau für sein Verhalten. Die Tat geschah demnach ungeplant und ohne nachzudenken und aus Dummheit. Auch hätte er sich an Ort und Stelle entschuldigt, wenn er zu diesem Zeitpunkt Deutsch hätte sprechen können.

Richter setzt Zeichen

Obwohl Staatsanwaltschaft und Verteidigung beide eine Strafe von 600 Euro ansetzten, entschied sich der Richter, ein Zeichen zu setzen und verdoppelte den Betrag.

Dann sagte er zu dem bisher nicht vorbestraften Mann:

Sowohl Staatsanwaltschaft als auch Verteidigung forderten Geldstrafen bis zu 600 Euro. Der Richter legte zur Überraschung aller aber in seinem Urteil noch einen drauf und verhängte eine Geldstrafe, die doppelt so hoch war, wie die Staatsanwaltschaft forderte. 1.200 Euro muss der nicht vorbestrafte Angeklagte zahlen.

So eine Tat ist eine erhebliche Missachtung der Person und hat eine ganz andere Dimension als eine verbale Beleidigung, sie ist ehrverletzend und ganz klar keine Bagatelle.“

(Richter)

Erklärend fügte der Richter hinzu, dass er im Hinblick auf ähnliche Vergehen – etwa auf dem Laternenfest dieses Jahr oder die Silvesternacht in Köln –  ein dementsprechendes Zeichen setzen wolle, so die „Mitteldeutsche“.

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