Katharina Fegebank von den Hamburger Grünen und Peter Tschentscher von der SPD.Foto: Morris MacMatzen/Getty Images

Hamburg: „Welt“-Herausgeber sieht SPD im Aufwind – um Grüne als „das größte Übel“ zu verhindern

Von 22. Februar 2020 Aktualisiert: 22. Februar 2020 19:36
Die SPD unter dem Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher verspürt vor den morgigen Wahlen zur Bürgerschaft in Hamburg Rückenwind. Viele Wähler der Mitte wollen die Grünen als stärkste Kraft verhindern. Die AfD muss vor einem möglichen "Hanau-Effekt" zittern.

Am Sonntag (23.2.) wird in Hamburg die Bürgerschaft gewählt. In einem Gespräch mit dem Redaktionsleiter für die Hansestadt, Jörn Lauterbach, geht der Herausgeber der „Welt am Sonntag“, Stefan Aust, davon aus, dass es der SPD gelingen wird, auch Wähler, die 2015 der Urne ferngeblieben waren, für sich zu mobilisieren. Dies wäre mit dem Wunsch erklärbar, zu verhindern, dass „das größte Übel“ – die Grünen – als stärkste Partei aus der Wahl hervorgehen.

Aust rechnet demzufolge damit, dass die zuletzt mit 56,5 Prozent geringe Wahlbeteiligung einen deutlichen Aufschwung erfahren werde.

„Nicht zuletzt die Klimadebatte und der damit im parlamentarischen Raum verbundene Höhenflug der Grünen haben zu einem Erwachen in allen Lagern geführt“, erklärt Aust. „Es ist wieder der Eindruck entstanden, wirklich etwas entscheiden zu können und müssen, und nicht selten geht es dann ja darum, durch die Wahl das größte Übel noch abzuwenden.“

Schaffen es FDP und AfD in die Bürgerschaft?

Dennoch werde die Partei der Nichtwähler stärkste Kraft bleiben – weil „immer noch zu viele Menschen nicht das Gefühl haben, dass ihre Themen wirklich erkannt werden“.

Eine jüngst veröffentlichte Umfrage der Forschungsgruppe Wahlen für das ZDF-Politbarometer sieht die Sozialdemokraten unter ihrem Ersten Bürgermeister Peter Tschentscher bei mittlerweile 39 Prozent – ein Plus von zwei Prozent gegenüber der Woche zuvor. Die Grünen verlieren einen Punkt und kommen auf 24 Prozent. Die CDU würde bei nur noch 12 Prozent landen, die Linke wäre mit 8,5 Prozent vor der AfD, die auf sechs Prozent käme. Die FDP stehe mit fünf Prozent auf der Kippe.

Die Universität Hamburg hingegen präsentierte am Donnerstag (20.2.) eine eigene Umfrage, der zufolge SPD und Grüne nur durch zwei Prozentpunkte getrennt wären – mit einem leichten Vorsprung für die Sozialdemokraten, die auf 34 Prozent kämen. Die AfD käme demgegenüber nur auf fünf Prozent. Ein „Hanau-Effekt“ nach dem dortigen Massaker könnte unter dem Eindruck der massiven Schuldzuweisungen, die Politiker der Konkurrenzparteien an die Rechtspartei gerichtet hatten, durchaus noch einmal eine prekäre Situation für die AfD schaffen.

Scholz eroberte mit pragmatischem Kurs 2011 absolute Mehrheit in Hamburg

Stefan Aust hält Last-Minute-Trends jedoch für weniger entscheidend. Dies liege zum einen an der zunehmenden Zahl an Briefwählern, zudem seien die Wähler zu abgeklärt:

Die Menschen sind mittlerweile so erfahren, dass sie sich von einem Abschlussfeuerwerk nicht mehr beeindrucken lassen. Sie verfolgen das Geschehen längerfristig und wählen dann zu dem für sie geeigneten Zeitpunkt.“

Die Hamburger SPD unter Olaf Scholz hatte bereits 2011 erfolgreich von der Strategie profitiert, sich als pragmatisch und wirtschaftsfreundlich zu präsentieren. Damals hatte die schwarz-grüne Koalition unter Ole van Beust ein Fiasko erlebt, während die Sozialdemokraten eine absolute Mandatsmehrheit erringen konnten. Auch Tschentscher versucht nun mit einem Kurs des Augenmaßes zu punkten.

Kein Lerneffekt der SPD im Bund zu erwarten

Aust geht jedoch nicht davon aus, dass es auf den Kurs der Bundes-SPD eine Auswirkung hätte, sollte Tschentscher am morgigen Sonntag damit Erfolg haben: „Das würde voraussetzen, dass die Bundes-SPD solche Signale überhaupt noch empfängt. Da habe ich große Zweifel, die sind von der Realität nur noch schwer zu beeindrucken. Dabei haben Olaf Scholz und dann Peter Tschentscher gezeigt, dass ein Kurs der Mitte und der Vernunft ihre Partei auch heute noch an das erhoffte Ziel führen kann. Hinzu kommen jetzt aber auch viele taktische Wähler, die von der CDU und FDP kommen und durch die Wahl der SPD den Durchmarsch der Grünen verhindern wollen.“


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