Selbstmitleid und Untergangsstimmung im Medien-Mainstream: Medienmagazin ZAPP klagt über „Diskursverschiebung“

Von 6. Dezember 2018 Aktualisiert: 6. Dezember 2018 19:10
Glaubt man Anja Reschke vom NDR-Medienmagazin „ZAPP“, hat die mediale Landschaft in Deutschland seit 2015 einen deutlichen Rechtsruck erlebt. Auch ein Teil der deutschen Medien habe sich gegenüber rechten Diskursstrategien nicht als immun erwiesen. Immer weniger wüssten, wann es um „Fakten“ gehe und wann „Empathie“ geboten sei.

Die politische Rechte dominiert den politischen Diskurs – und die AfD ist gleichsam zu Deutschlands Schattenmacht geworden. Was wahrscheinlich nicht einmal der übermotivierteste Wahlkampfaktivist der rechtskonservativen Partei oder der vom stärksten Sendungsbewusstsein angetriebene Alternativmedienbetreiber in nüchternem Zustand äußern würde, hat jüngst das NDR-Medienmagazin ZAPP über eine gesamte Sendung hinweg im Brustton der Überzeugung von sich gegeben.

Und das, obwohl es, glaubt man der Grande Dame des deutschen Haltungsjournalismus, Anja Reschke, die durch die Sendung führt, eigentlich ausschließlich „Lügen“ und „Verschwörungstheorien“ sind, die diese von sich geben.

Über eine gute halbe Stunde hinweg klagen Reschke und zahlreiche ihrer Gesprächspartner darüber, dass die „Rechtspopulisten“ der Politik und den Medien zunehmend ihre Agenda aufzwängen und sich dadurch „der Diskurs immer weiter verschieben“ würde.

Das jüngste Beispiel für diesen Sündenfall stelle der UN-Migrationspakt dar. Nach Meinung des Großteils der Journalisten deutscher Leitmedien lediglich ein „blumiges Diplomatenpapier“, das eigentlich nicht weiter der Rede wert wäre, hätten die „Verschwörungstheorien“, die die Rechte darüber verbreitet habe, das Thema über die sozialen Medien am Ende auch den Redaktionen aufgezwungen.

Jetzt auch Stefan Aust unter den Aluhüten?

Dass es die FPÖ geschafft habe, in Österreich durchzusetzen, dass die Regierung des Landes den Pakt nicht unterschreiben werde, habe das Thema letztlich in die Politik katapultiert. Die AfD habe es in die Parlamente getragen und schon musste sich auch die Qualitätspresse nolens volens damit befassen.

Dass „Die Welt“ dabei Texte aus beiden Lagern bringe, grämt den Chefredakteur der „Süddeutschen“. Immerhin machten Ulf Poschardt und sein Team „rechte Verschwörungstheorien salonfähig“, wenn sie Analysen wie jene von Stefan Aust und Helmar Büchel verbreiteten, die im Zusammenhang mit dem Pakt von einer „Einladung an alle“ sprechen.

Demgegenüber wolle die Süddeutsche ihren Lesern vor allem „erklären“, welche Bewandtnis es mit dem Vertrag habe. Auf keinen Fall wolle man die „Verschwörungstheorien“ aufwerten, was übrigens auch Poschardt nicht wolle, aber es stelle sich stets immer noch die Frage, wo konkret dieser „verschwörungstheoretische“ Bereich beginne.

Die „Sprach- und Kognitionswissenschaftlerin“ Elisabeth Wehling, von der nicht unbedingt für ihre politische Ausgewogenheit bekannten University of California in Berkeley, vermag dies auch nicht eindeutig zu erklären, aber sie erklärt, warum für die ungewaschenen Massen „Lügen so attraktiv“ wären. Das liege am „Framing“, das beispielsweise dort stattfinde, wo beispielsweise das Thema Flüchtlinge nicht mehr mit der Schutzsuche, sondern etwa mit jenem von Vergewaltigungen verknüpft würde.

Wenn die AfD die Opposition unterdrückt

Aber auch Journalisten fielen immer wieder auf die Diskursstrategien der Rechten herein, die genau wüssten, wie man das Gehirn auf Automatismen einstelle. Die Verwendung von Begriffen wie „Flüchtlingsflut“ oder die vermeintliche Dehumanisierung, die mit Begriffen wie „Jagen“ verbunden wäre, die die AfD mit Bezug auf die „Opposition“ gebrauche, würden „das Gehirn in eine aggressive Richtung verschieben“.

Generell werde der Bevölkerung „über Begriffe Angst“ gemacht. Berichte über Straftaten oder Gewaltakte von Flüchtlingen würden eine „verschobene Wahrscheinlichkeit wie beim Lotto“ erzeugen, wo nur über die Gewinner, aber nie über die viel zahlreicheren Verlierer gesprochen würde.

Um den „Deutungsrahmen“ weiter setzen zu können, der Diskurse auf einen „Wahrheitsgehalt“ festlege, empfehle es sich, Diskurse nicht immer nur aufzugreifen, sondern auch andere Fronten zu eröffnen.

Dies hätten die Leitmedien jedoch unter dem Druck der Rechten immer stärker verabsäumt. Vorbei seien die Zeiten, als das um die Welt gegangenen Bild des ertrunkenen Jungen Aylan Kurdi am griechischen Strand im Spätsommer 2015 den Konsens erzeugte, Europa dürfe nie wieder jemanden ertrinken lassen – was Bundeskanzlerin Angela Merkel in gleicher Weise zur Kulisse für ihre Politik der Grenzöffnung wurde wie 2011 Fukushima für die „Energiewende“.

Silvesternacht und Kandel als Wegmarken

Die Silvesternacht von Köln jedoch stellte schon bald einen Wendepunkt dar. Weil keiner sich vorwerfen lassen wollte, mit der Schere im Kopf zu agieren, seien „Populisten“ häufiger in Talkshows eingeladen worden, Zeitungen gaben sich gegenüber Geflüchteten plötzlich kritisch.

Insbesondere der Amtsantritt von Julian Reichelt als Chefredakteur der „Bild“ habe deren Berichterstattung „schriller“ gemacht. Nach dem Mord an der 15-jährigen Mia in Kandel hätten sich viele Journalisten „zunehmend auf Kriminalität fokussiert“.

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Es fallen „Sätze, die vor einigen Jahren noch undenkbar gewesen wären“, entsetzen sich Reschke & Co., Untergangsstimmung statt Empathie beherrsche die Szenerie, emotional aufgeladene Debatten seien an die Stelle von „Fakten“ getreten, auch bei den Öffentlich-Rechtlichen.

„Aylan Kurdi scheint vergessen – aus dem Einzelschicksal wird eine gesichtslose Masse“, lautet das Fazit des NDR-Magazins.

Unbeantwortet bleibt die zwangsläufig auftauchende Frage nach dem doppelten Maßstab. Warum soll nämlich eine gezielte Emotionalisierung, die Fakten überlagert, zwar dann zulässig sein, wenn damit – wie im Fall des tragischen Schicksals des fünfjährigen Jungen im Flüchtlingsboot – eine umfassende Öffnung der Grenzen gerechtfertigt werden soll, während in Fällen wie Mia oder Kölner Silvesternacht diese nicht als Argument für deren Schließung bemüht werden dürfen?

Immerhin wäre ja auch eine Verhinderung des Ablegens von Flüchtlingsbooten ein möglicher Weg, um Schicksale wie das des fünfjährigen Aylan Kurdi zu verhindern. Eine solche Option ist dem paternalistischen Verständnis Reschkes und anderer öffentlich-rechtlicher Journalisten zufolge aber offenbar keine, die einer Erörterung bedarf.

Professionelles Empathiemanagement

„We report, you decide“ oder einfach nur eine sachliche Gegenüberstellung von Deutungsvarianten widerspricht dem selbstgesetzten Ziel des deutschen Haltungsjournalismus, den Bürger zu erziehen und ihn nicht mit seinen Emotionen und seiner beschränkten Vernunft allein zu lassen. Wer nicht gerade den Ausweg für Helden suchen will wie Jan-Philipp Hein, der die Diskursströme zu sprengen versuchte, indem er die Kölner Silvesternacht zu einer möglichen Black Op Putins umzudeuten trachtete, der muss Partei ergreifen.

Das alte protestantische Motto „Es ist dir gesagt, Mensch, was gut ist“ hat in säkularisierter Form den deutschen Journalismus erreicht und beinhaltet das Postulat, der Journalist habe dem Medienkonsumenten gegenüber die Pflicht, auch dessen kognitive und emotionale Wahrnehmung zu managen.

Dass im letzten Beitrag über eine demnächst in Rente gehende Lokaljournalistin in Cottbus diese selbst erklärt, Journalismus sei „ein Angebot“, und man habe „keinen Erziehungsauftrag“, verleiht dem Beitrag eine tragikomische Note.

 

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