Steinmeier in Italien: Die Verbrechen von damals als Mahnung für heute

Epoch Times25. August 2019 Aktualisiert: 25. August 2019 20:08
Frank-Walter Steinmeier erinnert in der kleinen Toskana-Gemeinde Fivizzano an die Opfer mehrerer SS-Massaker vor 75 Jahren - seine Rede hält er auf italienisch. Deutsche, Italiener und Europäer sollen aus diesen Verbrechen die Lehre ziehen, sich gegen Nationalismus und Rassismus und für Menschenrechte und die europäische Einigung einzusetzen.

Eine handfeste Regierungskrise in Rom wirft ihre Schatten auf die Italien-Reise von Frank-Walter Steinmeier. Doch beim Besuch des Bundespräsidenten in der kleinen Toskana-Gemeinde Fivizzano soll das Gedenken an die Opfer mehrerer SS-Massaker vor 75 Jahren im Mittelpunkt stehen. Seine Rede hält Steinmeier auf Italienisch und als er die Opfer des Massakers und ihre Nachfahren um „Vergebung“ bittet, antworten die Anwesenden ihm mit Applaus.

Vor der offiziellen Gedenkfeier mit 200 geladenen Gästen und zahlreichen Einwohnern von Fivizzano nimmt sich Steinmeier Zeit für ein Gespräch mit zwei Überlebenden des Massakers in privatem Kreis. Andrea Quartieri war fast 13, als Männer der 16. Panzer-Grenadier-Division „Reichsführer SS“ aus Rache für einen Partisanenangriff zahlreiche Zivilisten in mehreren Ortschaften von Fivizzano töteten. Unter Tränen schildert er Steinmeier und dessen Frau Elke Büdenbender die sadistischen Verbrechen der Waffen-SS.

Die Männer unter dem Befehl von Walter Reder kamen mehrfach zurück, um auch die Einwohner zu ermorden, die sich zunächst versteckt hatten. Bei den mehrtägigen Massakern im August 1944 wurden mehr als 320 Menschen umgebracht – vor allem Frauen, Kinder und alte Menschen. Zusammen mit anderen Bluttaten der Waffen-SS im Mai und September 1944 wurden in Fivizzano mehr als 400 Menschen ermordet und ganze Familien ausgelöscht.

Steinmeier erinnert bewusst an Verbrechen der NS

Wie schon bei Reisen in andere europäische Länder erinnert Steinmeier in Italien bewusst an NS-Kriegsverbrechen, von denen in Deutschland kaum einer weiß. Für die Menschen in Fivizzano ist das eine Genugtuung, sie empfangen den hohen Besuch mit Applaus und sogar Jubelrufen.

„Darauf haben die Menschen hier schon lange gewartet“, sagt Udo Sürer, der Steinmeier bei seinem Besuch begleitet. Der Lindauer Anwalt ist der Sohn von einem der Täter von damals und beschäftigt sich seit mehr als 15 Jahren mit den Massakern von Fivizzano.

Auch der Bürgermeister von Fivizzanos langjähriger Partnerstadt Steinhagen, Klaus Besser (SPD), hat die Erfahrung gemacht, dass die Menschen in Fivizzano „geradezu dankbar“ sind, wenn Deutsche sich für die Verbrechen vor 75 Jahren interessieren. Für den Kommunalpolitiker ist das gemeinsame Gedenken außerdem „eine Verpflichtung, sich für Frieden, Freiheit, Demokratie einzusetzen“.

Als solch eine Mahnung will auch Steinmeier seinen Besuch in Fivizzano verstanden wissen. Das geeinte Europa gründe sich auf den Lehren aus dem Zweiten Weltkrieg: „Nie wieder Krieg auf unserem Kontinent, nie wieder Rassismus, Hetze und Gewalt!“, sagt der Bundespräsident.

Den Bogen zum aktuellen Erstarken des Nationalismus schlagen

Steinmeier sagt in seiner Rede, dass der Gang nach Fivizzano für ihn ein „unendlich schwerer Weg“ sei, er spricht ungewöhnlich deutlich von Deutschlands Versäumnissen bei der juristischen Aufarbeitung und bekräftigt die Verantwortung seines Landes für die NS-Verbrechen, für die es „keinen Schlussstrich“ geben dürfe.

Doch dabei will Steinmeier nicht stehen bleiben. Vielmehr sollen Deutsche, Italiener, Europäer aus diesen Verbrechen die Lehre ziehen, sich gegen Nationalismus und Rassismus und für Menschenrechte und die europäische Einigung einzusetzen – „heute vielleicht sogar stärker als zuvor“.

Und mit diesen Worten bezieht der Bundespräsident Position zur Regierungskrise in Italien, aus der Staatschef Sergio Mattarella gerade einen Ausweg sucht und die zur Bildung einer Regierung unter dem bisherigen Innenminister Matteo Salvini führen könnte. Und so ist es wohl kein Zufall, dass der Bürgermeister von Fivizzano, Gianluigi Gianetti, nach seiner Gedenkrede die Gelegenheit ergreift, um die Präsidenten von Italien und Deutschland eindringlich zu bitten, sich in Europa „gegen Nationalismen“ stark zu machen. (afp)

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