Wer kann, der geht? Aus Deutschland wandern vor allem die Fachkräfte ab

Von 7. Dezember 2019 Aktualisiert: 7. Dezember 2019 13:58
Eine jüngst veröffentlichte Studie zur Auswanderung aus Deutschland zeigt: Im Schnitt verlassen jährlich 50 000 Menschen dauerhaft das Land. Die meisten Auswanderer sind hoch qualifiziert. Der Trend dürfte sich durch die Krise der Autoindustrie weiter verstärken.

Derzeit leben etwa vier Millionen Deutsche im Ausland, und jährlich kommen netto 50 000 Auswanderer dazu. Dies ist das Ergebnis einer Befragung des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BIB), die am Mittwoch (4.12.) in Teilen veröffentlicht wurde.

Während im Schnitt jährlich immerhin knapp 130 000 Personen mit deutscher Staatsangehörigkeit, die zuvor Deutschland verlassen hatten, zurückkehren, wandern im gleichen Zeitraum 180 000 weitere ab. In Anbetracht anhaltender Zuwanderung wies Deutschland den Daten des Statistischen Bundesamtes zufolge zwar immer noch einen positiven Wanderungssaldo von 4,8 Personen pro 1000 Einwohnern auf – damit lag das Land aber nur unwesentlich über den 4,6 Prozent der Türkei, obwohl die Auswandererzahlen dort seit dem Putschversuch 2016 wieder angezogen haben.

Überproportional viele Auswanderer verfügen über einen Doktortitel

Was einigen Beobachtern zu denken gibt, ist, dass es mehrheitlich erfolgreiche und hochqualifizierte Menschen sind, die das Land verlassen – was auf die Masse der Neuzugewanderten, zuletzt 1,5 Millionen Neuzugewanderte im Jahr 2018, nicht immer zutrifft.

Der Historiker und frühere Redakteur der „Financial Times Deutschland“ und des „Handelsblatts“, Ferdinand Knauß, hat die Ergebnisse der Befragung auf „Tichys Einblick“ analysiert und verweist darauf, dass etwa drei Viertel jener Deutschen, für die zumindest temporäres Auswandern ein Thema war oder ist, über einen Hochschulabschluss verfügen. In der Gesamtbevölkerung ist das nur bei einem Viertel der Fall – und dabei sind geisteswissenschaftliche Fächer, die bereits im Inland nur beschränkte Arbeitsmarktperspektiven bieten, mit eingerechnet. Zudem haben überproportional viele Auswanderer einen Doktortitel.

Im Schnitt sind die Auswanderer 36,6 Jahre alt, das sind zehn Jahre unterhalb des Bevölkerungsschnitts insgesamt und sie entsprechen einem Lebensalter, das mit besonders hoher Leistungsfähigkeit assoziiert wird. Die meisten Auswanderer (58 Prozent) nennen Gründe beruflicher Natur wie Verdienstchancen als entscheidende Motivation, etwa 29 Prozent folgen dem Partner, der einen besseren Beruf im Ausland ergatterte.

„Weg ins Ausland ist chancengetrieben“

„Unzufriedenheit mit dem Leben in Deutschland“ nennen zwar explizit nur 18 Prozent als Grund, das Land zu verlassen, allerdings nannten viele die Verwirklichung eines bestimmten Lebensstiles und damit verbunden die Hoffnung auf eine andere Mentalität oder ein anderes zwischenmenschliches Klima im Zielland. Insgesamt bilanziert der an der Studie beteiligte Marcel Erlinghagen von der Universität Duisburg-Essen:

Der Weg ins Ausland ist chancengetrieben – es gehen nicht die Verbitterten oder Enttäuschten, sondern diejenigen, die schon in Deutschland erfolgreich waren und den nächsten Karriereschritt planen.“

Die USA und Großbritannien gehören zu den beliebtesten Auswanderungsländern. Ähnlich wie in den 2000er Jahren erfreuen sich aber vor allem die Schweiz und Österreich besonders hoher Beliebtheit. An der Studie des Bundesinstituts in Zusammenarbeit mit Soziologen der Universität Duisburg-Essen nahmen über 10.000 deutsche Aus- und Rückwanderer aus 169 Ländern teil. Die Autoren der Studie untersuchten, wer sich in Deutschland abmeldete und welche Motive und individuellen Konsequenzen damit verbunden sind.

Auswanderer bereuen es nicht, Deutschland den Rücken gekehrt zu haben

Bereut haben ihren Schritt die wenigsten: Über 60 Prozent jener Befragten, die erst seit kurzer Zeit im Ausland leben, gaben an, ihr Nettohaushaltseinkommen sei dort im Vergleich zu ihrem Gehalt ein Jahr zuvor „besser“ oder „viel besser“. Durchschnittlich verdienten die Ausgewanderten, so das BIB, jährlich 12.000 Euro mehr. Bei Frauen und der Gruppe geringer Qualifizierter zeigte sich dieser Gehaltsunterschied noch deutlicher.

Die Qualifikation der auf dem Wege des Asyls nach Deutschland gekommenen Zuwanderer, die seit 2015 einen erheblichen Teil dieser Bevölkerungsgruppe ausmachen, lasse hingegen erwarten, dass „viele der niedrig bezahlten Migranten und Flüchtlinge in prekären Verhältnissen verharren und später in Altersarmut abrutschen“. Davor warnt zumindest der Präsident des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF), Hans-Eckhard Sommer. Bereits jetzt seien 36,4 Prozent aller Hartz-IV-Empfänger in Deutschland Nichtdeutsche.

Zudem erreichten nur zwei Prozent der Kursteilnehmer an Deutschkursen des Goethe- und des Leibniz-Instituts das Sprachniveau B1, was als Voraussetzung für eine Tätigkeit oberhalb des Niedriglohnsektors gilt.

Erfolgreiche gehen, Prekariat kommt

Während jüngste Studien wie jene des „National Bureau of Economic Research“ mit Bezug auf Dänemark zeigen, dass der Sozialstaat ein entscheidender Pull-Faktor ist, wenn es um Migration im prekären Bereich geht, ist davon auszugehen, dass Unsicherheit und Krisenstimmung in Schlüsselindustrien die Lebensplanung Hochqualifizierter beeinflussen. Mit Blick auf den steigenden politischen Druck auf Autoindustrie und Energiewirtschaft in Deutschland ist davon auszugehen, dass die Neigung der Erfolgreichen zunehmen wird, ihren Lebensmittelpunkt in ein Land zu verlegen, das individuelle Entfaltungschancen nicht im gleichen Maße politisch-ideologischen Erwägungen unterzuordnen pflegt.

(Mit Material von afp)

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