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Der „Luzifer-Effekt“ oder die Psychologie der Gewalt

Von 6. August 2015 Aktualisiert: 6. August 2015 11:00
„Die Welt wird nicht bedroht von den Menschen, die böse sind, sondern von denen, die das Böse zulassen.“ (Albert Einstein)

„Es handelt sich um eine sehr mächtige Kraft. Sie kann dazu führen, dass jemand, obwohl er unmenschlichsten Behandlungen unterworfen war, Dankbarkeit empfindet, weil sein Leben verschont wurde.“ So erklärt Jeffrey Lieberman, renommierter Psychiater an der Columbia University in den Vereinigten Staaten, den „verwirrten“ Zustand, in dem der Entführte ein Gefühl der Zuneigung gegenüber seinem Entführer entwickeln kann.

Vielen Geiseln, die von der kolumbianischen Guerillabewegung FARC entführt wurden, erging es so. Patricia Hearts, eine von der „Symbionese Liberation Army“ entführte Zeitungserbin, schloss sich mehrere Monate nach ihrer Entführung den Tätern an. Diese Art von psychologischen Erscheinungen werden unter dem Begriff „Stockholm-Syndrom“ zusammengefasst.

Das Stockhom Syndrom

Dieser Name wurde von einem Vorfall in der Hauptstadt Schwedens geprägt, als Kriminelle mehrere Geiseln sechs Tage lang innerhalb der Bank „Kreditbanken“ festhielten. Damals ging ein Schock durch die Medien, als am letzten Tag der Entführung Kamerabilder zeigten, wie eine Geisel einen der Entführer küsste. Ähnliche Aufregung wurde verursacht, als nach dem Vorfall keine der Geiseln damit einverstanden war, gegen die Entführer auszusagen. Einige von ihnen verteidigten sogar ihre Geiselnehmer öffentlich und richteten einen Fonds ein um die Gerichtskosten ihrer Täter zu finanzieren.

Was führt einen Menschen dazu, mit einer Person, deren Opfer er ist, gemeinsame Sache zu machen? Laut Patricia Hearst, einem der bekanntesten Opfer, die vergewaltigt und in einen Schrank eingesperrt wurde, „fühlt man sich dermaßen gedemütigt und seiner Willenskraft beraubt und ist so verängstigt, dass man jede Lüge seiner Entführer glaubt; man denkt nicht einmal daran, Hilfe zu bekommen.“

Laut Annahme von Psychologen ist die rationalste Erklärung für die Entwicklung des Stockholm-Syndroms folgende: Das Opfer kreiert aus Furcht vor Risiken, die aus der aktuellen Situation resultieren könnten, ein Abwehrsystem, das sich in vollständigem Gehorsam gegenüber seinen Entführern ausdrückt. Diese unter einem gewalttätigen Druck entstandene Störung der Psyche führt zu einer Verwirrung und Umstrukturierung des individuellen Wertesystems, sodass das Opfer denkt, es würde die Ideale seines Geiselnehmers teilen. Aber das Stockholm-Syndrom ist nicht die einzige psychische Störung, die Menschen unter starkem mentalem Druck entwickeln können.

Milgrams Experimente

Ein von Milgram im Jahr 1961 durchgeführtes Experiment sorgte in der wissenschaftlichen Welt für großes Aufsehen. Dabei wurden geistig völlig stabile Personen getestet. Nur ein Jahr nach der Hinrichtung von Adolf Eichmann, Oberstleutnant und Unterstützer des jüdischen Holocausts, fragte sich Stanley Milgram, wie es für Menschen mit normalem, ja sogar friedlichem Charakter möglich war, sich an einem Völkermord zu beteiligen, so wie er im Dritten Reich geschah.

Vor diesem Hintergrund unterzog Milgram mehrere Personen einem einfachen Test: Einer an einen elektrischen Apparat angeschlossenen Person wurden Fragen gestellt. War die Antwort falsch, bekam die Person – um sich zu „korrigieren“ – einen kleinen Stromstoß. Dafür war eine in einem anderen Raum befindliche Person, der „Lehrer“, zuständig. Mit jeder falschen Antwort wurde der Lehrer angewiesen, die elektrische Spannung zu erhöhen. Gleichzeitig wurden die Schreie und Bitten, den Test zu beenden, lauter. Dem Lehrer wurde vorher gesagt, dass der Test dafür benötigt wurde, um ein neues Lernsystem zu prüfen. (Die „Schüler“ waren professionelle Schauspieler.) Auf das Beharren der Forscher setzten die Lehrer die Elektroschocks trotz Einwänden gegen die unmenschliche Natur des Experiments fort. Die Mehrzahl der zuvor befragten Psychologen prognostizierte, dass keine der getäuschten Personen („Lehrer“) das Experiment über 150 Volt fortführen würde. Dennoch übten zwei Drittel davon letztendlich die höchstmögliche Spannung (450 Volt) auf den Schüler aus.

Das Milgram-Experiment entfachte eine Diskussion über ein düsteres Rätsel, eines worüber Forscher der menschlichen Psyche schon lange theoretisieren: Kann jeder Mensch in einer barbarischen Umgebung eine sadistische Persönlichkeit entwickeln? Ist eine derartige Schwäche des menschlichen Geistes ein Merkmal, das dem überwiegenden Teil der Menschheit eigen ist? Und litten möglicherweise die Menschen im Deutschland des Dritten Reiches unter einer aufgezwungenen Identifikation mit den Ideen einer totalitären Partei?

Während der Kulturrevolution in China sahen viele Bewohner des alten Reiches, wie heilige Denkmäler zerstört und sogenannte „Feinde des Volkes“ getötet wurden. Oder sie erlebten solche Gräueltaten wie den „Kannibalismus in Guangxi“. Ihre Persönlichkeiten wurden dermaßen entfremdet, dass sie in jeder Situation im Einklang mit den Richtlinien der Partei zu stehen schienen. In der Tat scheint dieses psychologische Phänomen im letzten Jahrhundert von vielen Diktaturen weltweit mit Erfolg genutzt worden zu sein. Dadurch konnten sie die Feinde unterdrücken und die Gesellschaft kontrollieren und nach ihren Idealen formen. Dieses Phänomen wird nach Dr. Philip G. Zimbardo – bezogen auf den sozial stabilen und modernen westlichen Menschen – als „Luzifer-Effekt“ bezeichnet.

Drei Möglichkeiten des Handelns

Philip Zimbardo, der Schöpfer eines Experiments, das ebenso umstritten ist wie das von Milgram, behauptet jedoch, dass jeder Mensch unter unerwünschten äußeren Einflüssen durch eine heroische Haltung Widerstand leisten kann: „Jeder von uns hat drei der folgenden Möglichkeiten: passiv zu bleiben, Schlechtes zu tun oder ein Held zu werden. Ich bewundere jene Alltagshelden, die als gewöhnliche Menschen außergewöhnliche Dinge tun.“

Im Einklang mit festen moralischen Grundsätzen und unter Nichtbeachtung externer Kräfte, die einen gegen das eigene Gewissen handeln lassen können, scheint die folgende Maxime von Konfuzius Bestand zu haben: „Die Natur des Menschen ist gut und das Böse im Wesentlichen unnatürlich.“

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