„Revolution“ scheitert am Bahnhofskiosk: Deutsche Wochenmagazine erleben Verkaufs-Horrorwoche

Von 14. November 2018 Aktualisiert: 15. November 2018 6:30
Lenin meinte einst, eine Revolution in Deutschland müsse scheitern, weil Deutsche nie einen Bahnhof ohne Bahnsteigkarte erstürmten. Die kürzliche "Spiegel"-Titelausgabe zum Thema "Revolution" scheiterte hingegen am Bahnhofskiosk: Wie auch die beiden anderen großen Wochenmagazine erwies sie sich als Ladenhüter.

Wie Blei in den Regalen lagen die Ausgaben der drei großen deutschen Wochenmagazine „Stern“, „Spiegel“ und „Focus“ in der Verkaufswoche 42/2018. Das berichtet das Fachmagazin „Meedia“.

Der Verkauf aller drei Zeitschriften an Kiosken, in Supermärkten und an anderen Verkaufsstellen unterschritt in der Woche ab dem 11. Oktober das Durchschnittsniveau. Der „Focus“ blieb sogar zum vierten Mal in Folge unter 50 000 verkauften Exemplaren.

Der „Spiegel“ verkaufte zwar immerhin 164 126 Hefte seiner Ausgabe 42, jedoch entsprach das nicht nur einem Minus von mehr als 17 000 gegenüber der Woche davor, sondern dem drittschwächsten Verkaufsergebnis seiner Geschichte. Der 12-Monats-Schnitt des Hamburger Magazins liegt im Vergleich dazu bei 183 600 verkauften Heften, der 3-Monats-Durchschnitt bei 191 100. Der Gesamtverkauf inklusive Abos, Lesezirkeln, Bordexemplaren und sonstigen Verkäufen liegt laut „Meedia“ bei 710 173, davon 81 866 ePaper und Transaktionen von Spiegel-Plus-Kunden.

Äpfel und Birnen verglichen

Die Titelstory lautete in der betreffenden Verkaufswoche „Revolution: 1848 – 1918 – 1968 – 1989: Warum die Deutschen so oft scheitern“. Warum offenbar nicht einmal die Stammleser, die üblicherweise historische und nicht tagesaktuelle Themen schätzen, da zugegriffen haben, ist nun Gegenstand von Spekulationen. Dass ein tagesaktueller Titel erfolgreicher gewesen wäre, ist ein möglicher Erklärungsansatz.

Allerdings könnte es durchaus auch sein, dass die dem Titel innewohnende Tendenz, Äpfel mit Birnen zu vergleichen – namentlich die freiheitlichen Bestrebungen der Jahre 1848 und 1989 mit den mehr oder minder stark marxistisch imprägnierten Aufständen von 1918 und 1968 –, potenzielle Leser auf beiden Seiten abgeschreckt hat. Zudem ist die 68er Bewegung allenfalls am Ziel gescheitert, ein totalitäres sozialistisches Staatswesen nach festlandchinesischem Vorbild zu errichten. Die kulturelle Hegemonie hat sie über Jahrzehnte des Marsches durch die Institutionen hinweg ja faktisch vollständig erringen können.

Mit einem Lifestyle-Titel, „Wege aus dem Stress“, konnte der „Stern“ immerhin 2000 Exemplare mehr verkaufen als in der Woche zuvor. Dieser war ergänzt um den tagesaktuellen Teaser „Bruchpilot Söder“. Mit 137 819 im Einzelverkauf abgesetzten Exemplare blieb man dennoch deutlich unter dem 12-Monats-Schnitt von 147 700 verkauften Heften oder dem um gerade mal 100 Exemplare höheren Schnitt von drei Monaten. Im Gesamtverkauf liegt der „Stern“ bei 513 878 Exemplaren, davon sind 23 007 ePaper.

Studie: Tagesaktualität des Titels steigert Verkaufserfolg nicht zwangsläufig

Der „Focus“ wiederum, der im Schnitt von 12 Monaten bei 64 300 und im 3-Monats-Durchschnitt bei 55 900 lag, schaffte es in der gleichen Kalenderwoche nicht, nach bereits drei Wochen unterhalb der Schwelle von 50 000 verkauften Exemplaren diese Marke wieder zu überschreiten.

Auch Künstler Friedrich Liechtenstein und die Headline „Die beste Zeit – 70 ist das neue 50“ auf dem Cover halfen jedoch nicht, diese neuralgische Marke zu übertreffen. Der „Focus“ konnte auch von seiner 42. Ausgabe 2018 nur 45 878 im Einzelverkauf absetzen, knapp 300 weniger als in der Woche zuvor. Der Gesamtverkauf des „Focus“ lag bei 403.236 Heften, davon waren 41.577 ePaper.

Eine aus den 2000er Jahren stammende Analyse von Bettina Kaltenhäuser hat versucht, Regelmäßigkeiten zwischen Titelgestaltung und Verkaufserfolg der großen Wochenmagazine zu eruieren. Dabei war die Autorin zu dem Ergebnis gelangt, dass die bestverkauften Titel aller drei Magazine meist Gesellschafts- und Umweltthemen betroffen hatten, „Focus“ und „Stern“ hätten zudem auch mit Individual-Titelthemen überdurchschnittliche Verkaufserfolge erzielt.

Bei „Spiegel“ und „Stern“ verkaufen sich demnach vor allem Titelthemen aus Politik und Wirtschaft eher schwach. Von tagesaktuellen Titelthemen profitiere allenfalls der „Focus“ – aber auch das halte sich im überschaubaren Rahmen. Die Untersuchung betraf allerdings die Jahrgänge zwischen 1997 und 2001.

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