Wahlkampf und Manipulation – Ein Albtraum: Wie unsere Daten verwendet werden + VIDEO

Von 3. Dezember 2016 Aktualisiert: 14. Dezember 2016 18:12
Warum will man bei Psychotests im Internet auch immer unsere Mailadresse haben? Schlimmer als bei einem Offenbarungseid - im Netz sind unsere vermeintlich privaten Bekenntnisse öffentlich und werden schamlos benutzt. Lesen Sie hier, wie das geschieht - es wird Sie zu einigen unschönen Erkenntnissen bringen.

Anders als Manager geben Politiker nur selten zu, Hilfe von Profi-Coaches oder Psychologen in Anspruch zu nehmen. Doch gerade ein Wahlkampf ist reine Psychologie.

Im April 2015 gab es eine „Kleine Anfrage“ von Britta Haßelmann (Bündnis 90/Die Grünen) an die Regierung. Eine der Fragen lautete: „Welches Ziel verfolgt die Bundesregierung mit ihrem Projekt bzw. der Arbeitsgruppe „Wirksam regieren“, und mit welchen Aufgaben gesetzlicher, administrativer und beratender Art sollen die drei im Bundeskanzleramt eingestellten Experten mit psychologischem bzw. verhaltensökonomischem bzw. verhaltenswissenschaftlichem Hintergrund betraut werden?“

Noch etwas deutlicher die dritte Frage: „In welcher Weise sollen durch die Tätigkeit der genannten Experten bzw. durch das Projekt „Wirksam regieren“ Verhaltensänderungen in der Bevölkerung erzielt (Stichwort: Nudging) und der Deutsche Bundestag in die an die Bürgerinnen und Bürger adressierten Maßnahmen einbezogen werden?“

Die Antwort war nichtssagend und damit zugleich sehr vielsagend: „Ziel ist es, im Zuge von Ex-ante-Wirksamkeitsanalysen empirische Erkenntnisse für die Beurteilung von alternativen Lösungsansätzen zu gewinnen und damit die Wirksamkeit politischer Maßnahmen zu erhöhen. Ergänzend zum Instrument der Ex-post-Evaluation werden dazu im Vorfeld der Einführung einer Maßnahme unterschiedliche Lösungs- bzw. Handlungsansätze auf ihre Wirksamkeit hin wissenschaftlich untersucht und empirisch getestet, um besonders wirksame Ansätze identifizieren zu können…“

Was ist Nudging? Es ist legitim, das Verhalten der Menschen zu beeinflussen

Die „Süddeutsche“ schrieb im Artikel „Der Bürger wird wie ein Schaf behandelt“: „Das Nudging ist die sanftere Methode: Niemand soll zu seinem Glück gezwungen werden, aber nachhelfen möchte man schon. Die Verfechter dieses Paternalismus halten es für legitim, das Verhalten der Menschen zu beeinflussen, um ihr Leben besser, gesünder und länger zu machen. „Wichtig ist, dass die Verhaltensänderung ohne jeden Druck erzeugt wird, sie muss freiwillig erfolgen“, sagt die Ökonomin Reisch, die sich vor allem mit Konsumverhalten und Gesundheitsfragen beschäftigt.“

Diese kleinen Beispiele von Psychologie im Umgang mit dem eigenen Volk und im Wahlkampf sind jedoch völlig oberflächlich und banal im Vergleich zu dem, was tatsächlich stattfindet. Es ist interessant zu beobachten, wer bei den anstehenden Wahlen die Wahlkampfteams unterstützt.

Die Psychologie entscheidet über den Wahlsieg

In den 80er Jahren gelang zwei Psychologen der Nachweis, dass sich jeder Charakterzug eines Menschen an Hand der „Big Five“ messen lässt.

Die „Big Five“ bestehen aus: Offenheit (Wie aufgeschlossen ist man gegenüber Neuem), Gewissenhaftigkeit (Wie perfektionistisch ist man), Extraversion (Wie gesellig ist man), Verträglichkeit (Wie rücksichtsvoll und kooperativ ist man) und Neurotizismus (Bin ich leicht verletzlich).

Die „Big Five“ sind heute das international genutzte Modell der Persönlichkeitsforschung

Jeder Mensch lässt sich danach einordnen. Die Entwicklung dieses Modells begann ab 1930 mit Psychologen wie Dr. Louis Leon Thurstone, Dr. Gordon Willard Allport und Dr. Henry Sebastian Odbert, Professoren für Sozialpsychologie an der Harvard Universität.

Durch die Antworten auf diese Fragen kann man relativ genau sagen, welche Bedürfnisse und Ängste ein Mensch hat, wie er sich tendenziell verhalten wird und mit was für einem Menschen wir es zu tun haben.

Nicht ohne Ihre Mailadresse!

Bis das Internet und das Smartphone kamen, lag das einzige Problem darin, die dafür notwendigen Datenmengen zu beschaffen. Heute werden diese Tests im Web angeboten – und persönliche Daten gefordert. Ohne Mailadresse ist meist nichts zu machen. Aus welchem Grund?

Nach der Beantwortung des „Big Five“-Tests werden die Daten mit anderen, online erreichbaren Daten der Person abgeglichen. Dank dem Internet sind extrem viele Daten zu dem einzelnen Menschen verfügbar.

Auf Facebook – Geliked, gepostet, Bilder und persönliche Daten

Die sogenannten „Ocean-Werte“ finden sich in Facebook und den dortigen geliketen und geposteten Dingen, Geschlecht, Alter, Wohnort. Aus alle dem lassen sich sehr zuverlässige Zusammenhänge ziehen. Ein einfaches Beispiel: Wer philosophische Dinge liked, ist eher introvertiert, Lady-Gaga-Follower eher extrovertiert.

Die Modelle werden immer weiter verfeinert. Forscher wie Michal Kosinski und sein Team konnten bereits 2012 aus durchschnittlich 68 Facebook-Likes vorhersagen, „welche Hautfarbe er hat (95-prozentige Treffsicherheit), ob er homosexuell ist (88-prozentige Wahrscheinlichkeit), ob Demokrat oder Republikaner (85 Prozent). Aber es geht noch weiter: Intelligenz, Religionszugehörigkeit, Alkohol-, Zigaretten- und Drogenkonsum lassen sich berechnen. Sogar, ob die Eltern einer Person bis zu deren 21. Lebensjahr zusammengeblieben sind oder nicht, lässt sich anhand der Daten ablesen.“

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Wenig später reichen ihm dafür schon 10 Likes von Facebook, um einen Menschen besser einschätzen zu können als ein Arbeitskollege, 70 Likes reichen, um die Menschenkenntnis eines Freundes zu überbieten und 150 Likes bedeuten, dass die Forscher den Menschen besser kennen als seine Eltern.

Mit mehr als 300 Likes kennt man den Menschen besser, als er sich selbst zu kennen glaubt. Nachdem der Forscher Kosinski diese Ergebnisse veröffentlicht hat, „erhält er zwei Anrufe. Eine Klageandrohung und ein Stellenangebot. Beide von Facebook.“

Smartphone: Ein Bewegungssensor für „Emotionale Instabilität“

Die Datenmengen, die Psychologen zur Verfügung stehen, steigen immer weiter an. Das Smartphone ist einer dieser psychologischen Fragebögen, die wir ständig ausfüllen, sagt Kosinski.

Der Bewegungssensor zeigt zum Beispiel, wie schnell wir das Telefon bewegen oder wie weit wir reisen (korreliert mit emotionaler Instabilität)“.

Psychologie ist wie ein Messer: Man kann damit Brot schneiden oder auch Menschen töten

Die Psychologen können ihre Testergebnisse auch anders nutzen: Indem sie ganz bewusst nach bestimmten Menschentypen suchen. Also alle besorgten Familienväter, Homosexuelle, wütende Introvertierte, unentschlossene Demokraten.

Oder nach denjenigen, die Kanzlerin Merkel kritisch sehen, die Grünen wählen oder Genderpolitik kritisch betrachten.

2014 bekommt das Team um die Forscher Kosinski eine Anfrage eines Unternehmens namens SCL – Strategic Communications Laboratories. Es sollen Facebook-Profile von 10 Millionen US-Nutzern auf diese Weise ausgewertet werden.

SCL ist eine weltweit agierende Wahl-Management-Agentur und bietet Marketing mit dem Schwerpunkt Wahlbeeinflussung auf Basis psychologischer Modelle.

Die Forscher lehnten ab – doch ihr Albtraum wird wahr

SCL managte den Wahlkampf von Donald Trump. Aber das dürfte nicht der einzige Wahlkampf-Einsatz sein. So beauftragte Nigel Farage ebenfalls eine Big-Data-Firma, seinen Wahlkampf online zu unterstützen: Cambridge Analytica, eine Tochterfirma von SCL. Cambridge Analytica gibt als Kernkompetenz an: Neuartiges Politmarketing, sogenanntes Mikrotargeting – auf Basis des psychologischen Ocean-Modells. 

Das Team um Kosinski hat die Anfrage bereits bei Trump abgelehnt, andere haben ihre Tests, Methoden und Software nachgebaut und benutzt. Auch andere Psychologen nutzen diese Instrumente.

Alexander Nix, einer der entsprechenden Wahl-Psychologen, der für Trump arbeitet, sagte in einem Vortrag (siehe VIDEO): „Wir bei Cambridge Analytica haben ein Modell entwickelt, das die Persönlichkeit jedes Erwachsenen in den USA berechnen kann.“

„Wir haben Psychogramme von allen erwachsenen US Bürgern – 220 Millionen Menschen“

Das Modell von Alexander Nix beruht auf den drei Komponenten der Verhaltensanalyse nach dem Ocean-Modell, Big-Data-Auswertung und Ad-Targeting. Ad-Targeting ist personalisierte Werbung, also Werbung, die sich möglichst genau an den Charakter eines einzelnen Konsumenten anpasst.

Er erklärt auf Youtube ganz offen innerhalb von 10 Minuten, wie das geschieht: Cambridge Analytica kauft persönliche Daten (Grundbucheinträge, Bonuskarten, Wählerverzeichnisse, Clubmitgliedschaften, Zeitschriftenabonnements, medizinische Daten etc.). Dazu werden auch die globalen Datenhändler wie Acxiom und Experian genutzt – in den USA sind quasi alle persönlichen Daten käuflich zu erwerben.

Diese Ergebnisse wurden mit den Wählerlisten der Republikaner und Onlinedaten kombiniert – auch den Facebook-Likes – und so entsteht ein sehr gutes Persönlichkeitsprofil. Mit diesem können nun schwankende Wähler aufgesucht werden, die individuell und speziell bei „ihren“ Schwachstellen gepackt werden.

„Das Cambridge-Analytica-Team, angeblich nur ein Dutzend Leute, hatte im Juli von Trump etwa 100 000 Dollar erhalten, im August bereits 250 000 Dollar, fünf Millionen im September. Insgesamt, so sagt Nix, habe man etwa 15 Millionen Dollar eingenommen.“, schreibt dasmagazin.ch.