Fahruntüchtige Phono Sapiens: Intelligenzeinbußen zeigen sich auch beim Führerschein

Intelligenz im Sinkflug: Inzwischen 40 Prozent Durchfallquote beim Führerschein.
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Symbolbild.Foto: Istock
Von 11. Januar 2023

Fahrschüler werden immer schlechter – zunehmend mehr Fahrschüler fallen durch die Prüfung, mittlerweile sind es mit 40 Prozent fast die Hälfte der Prüflinge. Fahrlehrer geben an, dass viele Probleme hätten, sich zu konzentrieren. Die Folge davon: Der Anteil der bestandenen Prüfungen verringert sich stetig. Auch der Fahrlehrerverband sieht den Grund in mit den Jahren zunehmender Konzentrationsschwäche. Nicht zuletzt deshalb würde seit Jahren die Durchfallquote bei Führerscheinprüfungen ansteigen. 

Keine Fahrtauglichkeit: Immer mehr Fahrschüler schaffen Prüfung nicht

Die gleiche Information kommt aus dem Kraftfahrt-Bundesamt (KBA): Seit Jahren fallen immer mehr Fahrschüler durch die Prüfungen. Der Anteil nicht bestandener Theorieprüfungen ist von 29 Prozent im Jahr 2013 auf 37 Prozent im Jahr 2021 gestiegen. Bei den praktischen Prüfungen für die Pkw-Klasse B ist die Durchfallquote von 37 Prozent 2013 auf 43 Prozent im Jahr 2021 gestiegen. Auch der Fahrlehrerverband sieht einen wichtigen Grund darin, dass die Fahrschüler über die Jahre unaufmerksamer geworden sind.

Smartphonesucht versus Konzentration

Der Vize-Vorsitzende der Bundesvereinigung der Fahrlehrerverbände, Kurt Bartels, vertritt gegenüber der „Deutschen Presse-Agentur“ (dpa), dass als Ursache die zunehmende Handynutzung zu identifizieren sei: „Schauen Sie mal in ein Auto, ob die Kinder auf die Straße schauen. Nein, sie gucken auf ihr Smartphone. Sie gehen zu Fuß und gucken auf ihr Smartphone.“ Deshalb hätten junge Menschen nicht mehr diese „natürliche Affinität zum Verkehrsgeschehen wie früher“.

Diese sich erhöhende Durchfallquote bei den Führerscheinprüfungen wird jetzt also der vermehrten Smartphonenutzung angelastet, als eine Kehrseite der zunehmenden Digitalisierung betrachtet. Für viele machen Handys und Computer das Leben erst einmal vermeintlich leichter. Sie sind zu mittlerweile unverzichtbaren Alltagshelfern geworden. So ist es inzwischen für viele kaum noch vorstellbar, in einer fremden Stadt den Weg ohne Navi zu suchen oder zu finden, das Restaurant zu checken oder gar eine Partnerschaft ohne Dating-App einzugehen.

Mythos Multitasking, ein Intelligenzkiller?

„Die digitalen Medien sind also nicht per se das Problem, sondern ihre ständige Präsenz. Denn dadurch muss das Gehirn seine Aufmerksamkeit immer teilen. Es gibt sogar Studien, die belegen, dass selbst ein ausgeschaltetes Handy in unserem Blickfeld die Konzentrationsfähigkeit beeinträchtigt, weil ein Teil unserer Aufmerksamkeit immer dafür reserviert wird“, äußert sich Martin Korte, Professor für Neurobiologie an der Technischen Universität Braunschweig, gegenüber RND zum Thema.

Die modernste Technik, die uns im Alltag umgibt, so der Hirnforscher, habe durchaus negative Effekte auf unser Denken und Handeln. Das zeige auch die rückläufige Entwicklung unserer Intelligenzquotienten (IQ).

Die Vermessung der Intelligenz 

Der Ausdruck Intelligenz für allgemeine Aufgabenlösefähigkeit wurde schon Ende des vorletzten Jahrhunderts vom französischen Psychologen Albert Binet eingeführt. Schon vor mehr als hundert Jahren wurden standardisierte Verfahren zur Messung der geistigen Leistungsfähigkeit, sogenannte Intelligenztests, entwickelt und eingeführt. 

Diese Tests beschreiben im Ergebnis als Kenngröße den Intelligenzquotienten (IQ). Der einheitliche Durchschnittsintelligenzquotient der Bevölkerung ist auf 100 festgelegt. Eine gewisse Standardabweichung wird beim Test einzelner Personen mit einkalkuliert  und beträgt +/- 15 IQ-Punkte. Wenn jemand einen IQ von 130 oder mehr hat, gehört er zu den „besten 2 Prozent“.

Konzentration ist maßgeblich für die Intelligenz

In den Intelligenztests geht es darum, so Korte, wie schnell und zielgerichtet man Aufgaben lösen und wie gut man sich konzentrieren könne. Zum Beispiel wird mit dem statistischen Faktor „g“ unser Konzentrationsvermögen gemessen. Sprich: Je länger man sich auf eine Aufgabe konzentrieren kann, desto besser das Testergebnis, desto höher dann die bescheinigte Intelligenz.

Wenn Menschen digitale Medien verwenden, verbringen sie einen Großteil des Tages im Multitasking-Modus. „Oft liegt das Smartphone in Reichweite und vibriert oder blinkt, wenn Nachrichten eingehen. Die meisten Arbeitnehmer in Deutschland reagieren zum Beispiel innerhalb von 40 Sekunden auf Mails.“ Das Gehirn sei ständig in Alarmbereitschaft. Korte weiter: „Es gibt eine Reihe von Studien, die zeigen, dass diese ständige Alarmbereitschaft des Gehirns unserem Konzentrationsvermögen nicht guttut. Die Konzentrationsspanne wird kürzer und die Ablenkbarkeit höher. Dies könnte tatsächlich dazu beitragen, dass der IQ in einigen Ländern stagniert.“ Studien würden besagen, dass dieser IQ-Wert, der sonst alle zehn Jahre um etwa drei bis vier Punkte gestiegen ist, seit der Jahrtausendwende stagniert hat, wenn nicht sogar leicht gesunken ist.

IQ im Sinkflug

Die Zunahme der Intelligenz der Menschen von Dekade zu Dekade bis vor circa 20 Jahren nennt man den Flynn-Effekt. Namensgeber ist der neuseeländische Psychologe James Flynn, der als erster in den 1980er Jahren festgestellt hatte, dass der durchschnittliche Intelligenzquotient alle zehn Jahre um circa drei Punkte ansteigt. Während die Fragen der IQ-Tests sogar mit den Jahren schwieriger gestaltet werden mussten, damit der Durchschnittsmensch auch bei durchschnittlichen 100 Punkten landet, stagnierte dieser Trend jetzt nicht nur seit ein paar Jahren, mehr noch – oder im Resultat eigentlich weniger – unser Intelligenzquotient sinkt.

Die Ursachen dafür sind rätselhaft,  genauso wie auch die Ursachen für den Flynn-Effekt als ungeklärt gelten. Forscher vermuten, dass die ehemals steigende Intelligenz beispielsweise auf bessere Ernährung oder auch auf einen Trainingseffekt des Gehirns durch Schulbesuche zurückzuführen sein könnte.

Diesen Zenit haben wir nun überschritten, etwa auf dem Weg zum Phono Sapiens? Der durchschnittliche IQ-Wert fällt seit 1998. Betroffen sind die Jahrgänge ab 1975, wie Ergebnisse von Studien in Dänemark, Norwegen und England zeigen.

Studie: Exzessiver Handygebrauch und niedriger werdende Intelligenz

Bei Intelligenz geht es nicht nur um ein schnelles Abrufen von Informationen, sondern auch darum, Fakten in Verbindung zu bringen und Schlüsse zu ziehen. Jonathan Fugelsang hat den Einfluss des Smartphonegebrauchs auf das Denken untersucht und mit seinem Forschungsteam von der University of Waterloo in Kanada festgestellt, dass diejenigen der Studienteilnehmer, die Smartphones täglich viel nutzen, in den Tests schlechter abschnitten – sie neigten eher zu „mentalen Abkürzungen“, waren denkfauler und liefen „eher Gefahr, ständig ihr Smartphone zu konsultieren“. Diese Forschung, so der Wissenschaftler, stütze die Annahme, dass es einen Zusammenhang zwischen exzessivem Smartphonegebrauch und niedrigerer Intelligenz gebe. 

Teilweise Auslagerung des Hirns via Smartphone

In Großbritannien wurde bei einer Untersuchung der Schulleistungen von mehr als 100.000 Schülern festgestellt, dass an Schulen mit Smartphoneverbot die Schüler bei Tests im Durchschnitt sechs Prozent besser abschnitten als an Schulen ohne Verbot, schlechte Schüler sogar 14 Prozent. Britische und auch amerikanische Forscher konnten mittels Kernspintomografie sogar Hirnveränderungen durch Navinutzung im Hippokampus, zuständig für Lernen und Erinnerung, sichtbar machen.

Rückläufiger IQ trifft Bildungsnotstand?

Aber auch Deutschland muss nachsitzen: Die im Fünf-Jahres-Rhythmus erscheinende IQB-Studie zum Bildungstrend, die im Herbst 2022 veröffentlicht wurde, zeigt auf, dass landesweit 30 Prozent der Viertklässler in Orthographie den Mindeststandard nicht erreichen, sprich, sie können nicht schreiben. Ganze 22 Prozent sind in Mathematik unter dem Mindeststandard geblieben, das heißt, sie können nicht ihren Altersanforderungen entsprechend rechnen. Ein Abwärtstrend, der sich fortsetzt im Vergleich zu den zwei vorherigen Studienergebnissen von 2011 und 2016.

Worauf dieser eklatant negative Trend in den Basiskompetenzen zurückzuführen ist, behandelt die Studie zwar nicht, sie zeigt aber das zunehmend abfallende Lern- und Wissensniveau auf. Der Lösungsansatz, den Hirnforscher Korte der sinkenden Konzentrationsfähigkeit entgegenzusetzen hat, die mutmaßlich Einfluss auf IQ und kognitive Leistungsfähigkeit hat, könnte auch gleich dem fahrtaufnehmenden Bildungsnotstand entgegenwirken.

Das ABC des Intelligenztrainings: Lesen

Im Interview mit RND weist er darauf hin, dass Algorithmen, die unsere Gewohnheiten studieren, eine Art negativen Lerneffekt haben, obwohl oder gerade weil uns am Ende viele Entscheidungen abgenommen werden: Wir verlernen, selbständig zu denken: „Unser Arbeitsgedächtnis wird immer dann trainiert, wenn wir selber Entscheidungen treffen und Dinge hinterfragen. Dass man über Suchmaschinen so viele Informationen erhalten kann, ist zwar schön, aber ohne eine kluge Frage zu stellen oder die Fähigkeit, das Material bewerten zu können, ist das nicht viel wert.“ 

Unsere Intelligenz zu trainieren, sei jedoch möglich. Lesen sei hierzu besonders gut geeignet. Mit einer Buchseite halte man sich statistisch drei Minuten auf. „Das trainiert nicht nur das Konzentrationsvermögen, sondern auch unsere Empathiefähigkeit, fördert die Fantasie und das räumliche Vorstellungsvermögen. Es gibt also noch Hoffnung!“

Vielleicht klappt’s dann ja auch wieder mit der Fahrprüfung.



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