Fake-News-Skandal um Relotius: „Stern“ gibt sich trotzig – „Spiegel“ übt tätige Reue

Von 25. Dezember 2018 Aktualisiert: 25. Dezember 2018 21:21
Deutschlands Medien ringen immer noch um Fassung nach dem Skandal um den preisgekrönten Nachwuchsjournalisten Claas Relotius. Während der "Spiegel" den Flurschaden zu beheben sucht, nimmt "Stern"-Herausgeber Petzold Anstoß an einer jüngsten Kritik des US-Botschafters.

Eine eigenwillige Form von Solidarität unter Berufskollegen offenbart Andreas Petzold angesichts der Relotius-Affäre des „Spiegel“, die in der Vorwoche bekannt geworden war.

Der Herausgeber des – für den bis dato größten Medienskandal der deutschen Nachkriegsgeschichte bekannten – „Stern“ nahm auf Twitter Anstoß an der Reaktion des US-Botschafters in der Bundesrepublik Deutschland, Richard Grenell, auf die Enthüllungen.

Grenell hatte den Fake-News-Skandal mit einer „Kampagne institutioneller Voreingenommenheit“ in Zusammenhang gebracht. Die anti-amerikanische Berichterstattung des „Spiegel“ habe in den vergangenen Jahren stark zugenommen, „seitdem Präsident Trump im Amt ist, stieg diese Tendenz ins Uferlose“.

Petzold zeigte sich darob pikiert und äußerte auf Twitter:

Damit fand er die Zustimmung des nordrhein-westfälischen Landesvorsitzenden Armin Laschet, der den Text retweetete.

„Spiegel“ entfernt Relotius-Reportage über Fergus Falls

Dem „Spiegel“ hingegen war offenbar weniger nach Trotzhaltung zumute. Wie „Die Welt“ zuerst meldete, hat die Redaktion in Hamburg die von Claas Relotius verfasste Reportage „In einer kleinen Stadt“ über das angebliche Leben in der Kleinstadt Fergus Falls in Minnesota mittlerweile vollständig entfernt. Dies geschah nach eigener Aussage auf Ersuchen von Bürgern der Stadt selbst.

Die Story gehörte augenscheinlich zu den besonders schwerwiegenden Fällen von Fake-News, wie sie der ehemalige Mitarbeiter über Jahre abgeliefert hatte. In einem umfangreichen Artikel hatten Bewohner der Stadt unter Federführung von Michele Anderson und Jake Krohn eine zweistellige Anzahl an zum Teil gravierenden Unregelmäßigkeiten aufgedeckt, die der Text von Relotius enthalten hatte.

Einige Charaktere und Ereignisse waren offenbar sogar frei erfunden, darunter ein angebliches Schild „Mexikaner draußen bleiben“, das im Umfeld des Verwaltungsgebäudes angebracht und erst nach Tagen entfernt worden sein soll.

Der „Spiegel“ zeigte nun sogar tätige Reue und hat sowohl Anderson und Krohn zu den Vorfällen selbst interviewt als auch seinen Mitarbeiter Christoph Scheuermann nach Fergus Falls geschickt, der mit der Kurzreportage „In einer fantastischen Stadt“ zurückkam. Das Fazit des Reporters über seinen Kurzbesuch lautet:

Drei Tage im echten Fergus Falls, nicht im erfundenen, sind eine Lektion in Demut. Natürlich hat auch diese Stadt ihre Probleme, aber die Leute strengen sich an, sie sind freundlich, sie arbeiten hart. Die Mehrheit hat für Donald Trump gestimmt, ja, und die Menschen sind wesentlich interessanter, vielschichtiger als die Karikaturen, die Relotius aus ihnen gemacht hat.“

Inspiriert von Karl-May-Romanen?

Über den Schaden hinaus, den der Relotius-Skandal dem deutschen Journalismus insgesamt an Glaubwürdigkeit bereitet haben könnte, stehen mittlerweile auch Vorwürfe gegen den mehrfach preisgekrönten Journalisten im Raum, die strafrechtlich relevant sein könnten.

Die – wie Relotius selbst einräumte – weitgehend erfundene Reportage „Königskinder“ über syrische Waisenkinder in der Türkei hatte dieser offenbar mit einem Spendenaufruf verbunden. Tomas Spahn meint übrigens auf „Tichys Einblick“, die Reportage selbst erinnere sehr stark an Karl-May-Romane, Relotius habe diesen gegenüber lediglich ein paar Details und die Geschlechterrollenzuordnung verändert – als „Leckerli an die Feministinnen“.

Relotius gab, wie der „Spiegel“ selbst berichtete, Spendeninteressierten über seinen privaten E-Mail-Account seine private Kontoverbindung bekannt. Der Verlag sei darüber nicht informiert gewesen und wolle nun Anzeige erstatten.

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Augstein: „Krise einer bestimmten Art von Journalismus“

Mittlerweile hat sich auch Jakob Augstein, Erbe des „Spiegel“-Gründers Rudolf Augstein, in „Bild“ zu Wort gemeldet und darin systemische Ursachen für den Relotius-Skandal angedeutet:

Der Fall Relotius ist keine Krise des ,Spiegels‘, sondern die Krise einer bestimmten Art von Journalismus.“

Die Konsequenz, die Rudolf Augstein gezogen hätte, wäre die gleiche gewesen, die die derzeitige Führung zeige: „[…] sich entschuldigen, personell aufräumen, nach vorne sehen“.

Wie die „Zeit“ berichtete, sollen bereits 2017 Redakteure von „Spiegel TV“ auf Ungereimtheiten im Umfeld der Relotius-Reportage „Löwenjungen“ über vom IS verschleppte Jungen im Nordirak gestoßen sein. Diese seien als „Brüder“ dargestellt worden, was sich jedoch im Zuge der Nachrecherche als unzutreffend herausgestellt habe. In der Redaktion des Magazins habe man allerdings keine Konsequenzen gezogen.

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.