Soros und Koch als Großsponsoren: Poynter ist der weltweite TÜV für die Faktenchecker

Von 30. April 2019 Aktualisiert: 30. April 2019 15:33
Im Vorfeld der Europawahlen hat Facebook mit fünf weiteren sogenannten Faktenchecker-Diensten ein Kooperationsabkommen abgeschlossen. Auch sie mussten sich erst als vertrauenswürdige Anbieter zertifizieren lassen. Die Verlässlichkeit bestätigt in allen Fällen die Poynter-Journalistenschule in Florida.

Mutmaßliche russische Einflussversuche auf die Meinungsbildung im Vorfeld der US-Präsidentenwahlen 2016 und mehrere Fälle von falschen oder irreführenden Artikeln auf zweifelhaften Plattformen, die eine Reichweite von teilweise mehr als einer Million Impressions erzielen konnten, haben eine neue Marktnische geschaffen: die der Faktenchecker für soziale Medien, insbesondere Facebook.

Russische Staatsmedien hatten, nachdem deren bevorzugter Kandidat Bernie Sanders bereits ausgeschieden war, über den Inhalt einiger zweifelhafter oder ungeprüfter Dokumente von WikiLeaks berichteten, die Hillary Clinton und ihre Mannschaft belasteten. Während etablierte Medien und sogar die konservativen „Fox News“ nicht oder sehr kritisch über „Pizzagate“ oder andere auf WikiLeaks gestützte Räuberpistolen berichteten, verbreiteten diese sich dennoch wie ein Lauffeuer über die sozialen Medien.

Demokraten machten „Fake-News“ dieser Art und deren Verbreitung sowie russische Einflussversuche für die Niederlage ihrer favorisierten Präsidentschaftskandidatin verantwortlich. In Europa hieß es aus liberalen Kreisen, ähnliche Phänomene seien bereits im Vorfeld der Brexit-Abstimmung in Großbritannien zu beobachten gewesen. Kirchen in Deutschland bedachten prominente Opfer von Fake-News mit Fürbitten.

Geringe tatsächliche Bedeutung von Falschnachrichten

In weiterer Folge verstärkte die Politik den Druck auf Facebook und andere sozialen Medien, gegen die Verbreitung von Falschmeldungen vorzugehen. Kritiker witterten Zensur-Bestrebungen – und tatsächlich zeigten später veröffentlichte Studien, dass Politik und Medien die Verbreitung dieser „Fake-News“ und deren Einfluss auf die Meinungsbildung erheblich überschätzt hatten.

Insgesamt hätte, so eine Untersuchung der Northeastern University in Boston unter der Leitung des Politikwissenschaftlers David Lazer, nur etwa ein Prozent der US-Amerikaner Geschichten wie „Pizzagate“ oder jene von der „Wahlempfehlung von Papst Franziskus für Donald Trump“ angezeigt bekommen. Insgesamt hätten die Falschnachrichten zu 80 Prozent innerhalb eines identischen Nutzerkreises Verbreitung gefunden.

Angesichts der bevorstehenden Europawahlen schlagen Politik und Medien neuerlich Alarm in Anbetracht einer vermeintlich drohenden Gefahr breit angelegter Desinformationskampagnen. Während manche EU-Kritiker darüber schmunzeln und in sozialen Medien kommentieren, die reine Wahrheit über Brüssel und dessen Politik wäre schlimm genug, berichten Plattformen wie „Bloomberg“, „The Guardian“ oder das „Wall Street Journal“ darüber, dass professionelle Faktenchecker-Dienste in Europa personell völlig unterbesetzt und arbeitsmäßig überlastet wären.

Das Poynter-Institut für Medienwissenschaften, eine Journalistenschule in St. Petersburg, Florida, die gleichzeitig selbst die „Tampa Bay Times“ betreibt, hatte bereits im Sommer des Vorjahres Ergebnisse einer selbst beauftragten Umfrage präsentiert. Diesen zufolge arbeiteten die meisten Faktenchecker, die mit sozialen Medien eine Vertragsverbindung aufweisen, regelmäßig mit weniger als fünf Personen.

In Deutschland nur zwei Faktenchecker zertifiziert

Andererseits aber, so freut sich die Einrichtung, habe Facebook die Zahl ihrer Partner für die Qualitätssicherung der verbreiteten News-Inhalte vervielfacht – und es würden stetig weitere dazustoßen. Allein in Europa habe das soziale Netzwerk jüngst fünf weitere Factchecker-Einrichtungen aus Griechenland, Nordirland, Litauen, Kroatien und Portugal dazugewonnen.

Mittlerweile arbeitet Facebook auf dem alten Kontinent mit 21 Partnern im Bereich des Faktenchecks zusammen, die 14 Sprachen abdecken. Insgesamt hat das Netzwerk damit weltweit 52 Partner in 33 Ländern, dazu kommt AFP Arabic, das im Nahen Osten und in Nordafrika tätig ist. Die meisten dieser Dienste gehören bekannten Nachrichtenagenturen oder Verlagshäusern an. Facebook habe damit die Zahl seiner Faktencheck-Partner seit April des Vorjahres vervierfacht.

Die meisten Verträge mit Dienstleistern dieser Art unterhält Facebook in Indien mit sieben, gefolgt von Indonesien und den USA mit jeweils sechs.

Das Poynter-Institut besitzt besonders eingehende Marktkenntnisse, denn die Einrichtung stellt mehr oder minder einen weltweiten TÜV für Faktenchecker-Dienste dar. Facebook selbst verweist in seinen Erläuterungen über den Umgang mit Falschmeldungen auf die Standards, die durch den „Poynter’s International Fact Checking Code of Principles“ gesetzt werden.

Die fünf tragenden Prinzipien dieses Codes sind nach Darstellung Poynters:

  1. Das Bekenntnis zu Überparteilichkeit und Fairness, alle Seiten sollen gecheckt werden.
  2. Das Bekenntnis zur Quellentransparenz. Faktenchecker müssen ihre Beweismittel offenlegen.
  3. Transparenz bezüglich Finanzierung und dahinterstehenden Organisationen.
  4. Transparenz der Methode.
  5. Bereitschaft zur offenen und ehrlichen Selbstkorrektur.

Wer ertappt wird, büßt Reichweite ein

Poynters „International Fact-Checking Network“ (IFCN) überwacht mithilfe eines eigenen weltweiten Journalistennetzwerks, ob die Faktenchecker ihrer Aufgabe im oben genannten Sinne gerecht werden. Im Fall der Erfüllung der Kriterien erteilt Poynter ein Prüfsiegel. In Deutschland tragen dieses das umstrittene „Rechercheportal“ Correctiv sowie der Faktenprüfer-Dienst der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Weltweit erfüllen 65 Dienstleister nachgewiesenermaßen die IFCN-Kriterien.

Neben Algorithmen, die Spam-Strukturen erkennen sollen, beruht das Faktencheck-System bei Facebook vor allem auf Meldungen durch Nutzer. Identifizieren die Faktenprüfungsorganisationen Beiträge als gefälscht, werden diese mit einem Warnhinweis versehen, wonach der Inhalt der Artikel durch diese widerlegt sei – plus Link zum entsprechenden Artikel.

Als unglaubwürdig eingestufte Meldungen erscheinen im Regelfall weiter unten im News Feed, zudem wird beim Teilen ein Warnhinweis eingeblendet. Seiten, die wiederholt durch das Teilen von Falschnachrichten in Erscheinung getreten sind, werden in ihren Werbemöglichkeiten eingeschränkt. Außerdem drohen Shadow-Bans und andere Maßnahmen zur Drosselung der Reichweite.

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Facebook publiziert bislang keine offiziellen Daten über den Erfolg des Factcheckings. Jedoch gehen Beobachter davon aus, dass die Einstufung eines Artikels als „falsch“ dessen Sichtbarkeit künftig um etwa 80 Prozent reduziere. Dies geschehe bereits innerhalb von drei Tagen.

Meinungen dürfen nicht geprüft werden

Angie Drobnic Holan von PolitiFact zieht eine positivere Bilanz. Die Partnerschaft mit Facebook stelle einen Dienst an der Öffentlichkeit dar, Facebook helfe dabei, zweifelhaftes Material zu identifizieren und trage „zu unserer überwiegenden Nachhaltigkeit“ bei.

Mark Hemingway vom „Weekly Standard” kritisierte hingegen sämtliche Faktenchecker-Portale von Nachrichtenmedien. Diesen gehe es „weniger darum, Fakten zu überprüfen, sondern lieber eine Torwächter-Funktion auszuüben, um unbequeme Wahrheiten aus der Konversation herauszuhalten“.

Vielfach werden die Faktenchecker-Portale tatsächlich den Ruf nicht los, politisch voreingenommen zu sein, vor allem rechte und konservative Portale in überdurchschnittlichem Maße zu maßregeln. Die Dienste selbst weisen Anschuldigungen dieser Art regelmäßig zurück.

Untersuchungen wie eine von Real Clear Politics haben ergeben, dass die meisten Dienste zwar tatsächlich bemüht sind, nur nachprüfbare Tatsachenbehauptungen unter die Lupe zu nehmen und nicht Meinungen. Dennoch arbeite nicht jeder Dienst gleich. So sei der Faktencheckerdienst des „Weekly Standard“ am akkuratesten, aber er veröffentliche auch zahlenmäßig wenige Überprüfungsergebnisse.

Warum sind Rechte überdurchschnittlich betroffen?

Demgegenüber arbeite Snopes fachlich akkurat und veröffentliche mit die meisten Ergebnisse, doch halte der Dienst in der Begründung seiner Urteile oft die Trennung zwischen nachgewiesenen Fakten und eigener Interpretation nicht ein.

Dafür, dass der Eindruck entsteht, mehr Beiträge und Seiten der Rechten würden Maßnahmen der Faktenchecker anheimfallen als solche der Linken, könne – neben einem unterschiedlichen Meldeverhalten – auch im Verhältnis von Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit sowie im Selbstverständnis liegen.

Erst jüngst hatte eine Untersuchung über Facebook-Aktivitäten der Parteien und ihrer Anhänger in Deutschland zum Ergebnis, dass die AfD und ihre Anhänger in dem sozialen Netzwerk eine stark überdurchschnittliche Präsenz und Aktivität aufwiesen. Die Rechte betrachtet die sozialen Medien offenbar als wichtiges Instrument zur Herstellung einer Gegenöffentlichkeit und verbreite deshalb besonders proaktiv eigene Inhalte.

Obwohl, wie anderweitige Studien zeigten, auch Anhänger der Rechten nicht ausschließlich Artikel aus Nischenblättern, sondern hauptsächlich aus etablierten Medien teilen, könnten die höhere Beitragsfrequenz und das höhere Zutrauen zu gleichgesinnten Nischenportalen die Neigung erhöhen, auch Beiträge zu teilen, die Falschinformationen enthalten.

Der Relotius-Effekt, wonach Aussagen leichter ungeprüft geglaubt werden, wenn sie dem eigenen Weltbild entsprechen, ist unter Rechten möglicherweise weiter verbreitet – insbesondere wenn es um ausgesuchte Feindbilder wie Islam, Flüchtlinge oder bestimmte Politiker geht.

Auf der Linken sind hingegen nachweisbare Falschbehauptungen oder erfundene Begebenheiten seltener anzutreffen, weil diese die etablierten Medien dominiert und somit automatisch subtilere Möglichkeiten zur Manipulation nachprüfbarer Fakten zur Verfügung hat – von tendenziösem Wording über unterschiedliche Betonung von Aspekten oder implizite Unterstellungen bis hin zum Verschweigen von Gegenpositionen.

Ein Soros allein schafft noch keinen Bias

Einrichtungen wie Poynter haben auch selbst mit Argwohn zu kämpfen, der davon herrührt, dass einige ihrer Sponsoren eindeutig mit einer bestimmten politischen Ausrichtung oder Zielsetzung verbunden werden. Insbesondere die Open Society Foundations des bekannten liberalen Milliardärs und Philanthropen George Soros, der zudem auch eine Reihe von Faktenchecker-Diensten mitfinanziert, die von Poynter zertifiziert werden, dürfte vor allem auf konservativer Seite für Misstrauen sorgen.

Ein weiterer Großsponsor ist das National Endowment for Democracy (NED), dem insbesondere Gegner eines weltweiten Engagements der USA im Nation Building vorwerfen, in mehreren fremden Ländern mithilfe des Auslandsgeheimdienstes CIA subversive Kampagnen gegen dort amtierende Regierungen geführt zu haben.

Demgegenüber erhält Poynter allerdings auch erhebliche Summen von der Charles Koch Foundation – und damit von einer Stiftung mit nachgewiesenen konservativen Credentials sowie einer klaren Position des Non-Interventionismus. Eine einseitige Ausrichtung Poynters lässt sich somit zumindest auf der Ebene der Sponsoren nicht verifizieren.

Dieser Beitrag stellt ausschließlich die Meinung des Verfassers dar. Er muss nicht zwangsläufig die Sichtweise der Epoch Times Deutschland wiedergeben.