BIB will Babyboomer-Lücke auf Arbeitsmarkt mit Müttern und Rentnern schließen

Von 15. Oktober 2019 Aktualisiert: 22. Oktober 2019 6:53
Altersgerechte Arbeitsplätze statt altersgerechtes Wohnen und Kita-Ausbau für noch mehr arbeitende Mütter. So könnte die Regierung die drohende Babyboomer-Lücke schließen, lautet eine Empfehlung im Bericht des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung.

Weniger Berufseinsteiger, deutlich mehr Rentner. So lautet die Prognose des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung (BiB) für die kommenden Jahre. Denn die Jahre der sogenannten „Babyboomer“ sind dann gezählt – jedenfalls die Arbeitsjahre. Die geburtenstarken Jahrgänge aus den 1950er und 1960er Jahren werden in den kommenden 20 Jahren ihr Rentenalter erreichen.

„Dies kann für Staat und Gesellschaft potenziell in mehreren zentralen Bereichen wie etwa dem Arbeitsmarkt oder dem Renten- bzw. Gesundheitssystem zu gravierenden Herausforderungen führen“, heißt es im Bericht des BiB.

Die konkret entstehende Lücke lässt sich nur schwer erfassen, da es für das Erwerbsleben kein festgelegtes Ein- und Austrittsalter gibt. Doch die Lücke, die in den nächsten Jahrzehnten angekündigt wird, könnte ab 2020 klaffen und um 2030 ihren Höhepunkt erreichen.

Im Jahr 2018 gab es 44,8 Millionen Erwerbstätige in Deutschland – so viele wie nie zuvor in der Geschichte der BRD. Grund hierfür sei, dass mehr Frauen als früher arbeiten, auch der Anteil der arbeitenden Bevölkerung von über 50 Jahren sei erheblich angestiegen, heißt es im Bericht des BIB.

Die Erwerbstätigenquote von Menschen zwischen 60 und 64 Jahren beträgt in Deutschland  laut BiB 58 Prozent – einzig Schweden überbietet diese Zahl innerhalb der Europäischen Union mit 68 Prozent. In diesem Altersbereich hat sich die wöchentlich geleistete Stundenzahl fast verdoppelt. Statt 11,2 durchschnittlichen Wochenstunden gehen die Fast-Rentner jetzt 21,6 Wochenstunden arbeiten.

Mehr Bildung, mehr Arbeit

Menschen mit einem höheren Bildungsstandard, beispielsweise Akademiker, steigen in der Regel später in den Arbeitsmarkt ein, bleiben aber auch länger dort. Sie arbeiten laut Studie durchschnittlich 36 Wochenstunden. Bei mittlerer Bildung werden 30 Stunden je Woche angesetzt, bei niedriger nur etwa 21. Insgesamt wurden in Deutschland im Jahr 2017 etwa 1,45 Milliarden Stunden je Woche gearbeitet.

Geht man nun vom Renteneintritt der Babyboomer aus, müsse dies nicht zwangsläufig einen starken Rückgang der wöchentlichen Arbeitsstunden bis 2030 bedeuten. Zu diesem Fazit kommt das BiB. Hierfür setzt es drei Szenarien an.

West-Frauen

Es würde schon reichen, wenn sich die Westfrauen an die Beschäftigungsleistungen der Frauen im Osten angleichen. Im Bericht der BIB wird dies als „Szenario 1“ dargestellt und heißt im Wortlaut wie folgt:

„Anstieg der Frauenerwerbsbeteiligung auf ostdeutsches Niveau: Hier wird davon ausgegangen, dass die Erwerbsbeteiligung westdeutscher Frauen bis 2030 bei den Erwerbstätigenquoten und der durchschnittlichen Arbeitszeit das Niveau erreicht, welches ostdeutsche Frauen 2017 verzeichneten. Dieses Szenario trägt dem Umstand Rechnung, dass die Frauenerwerbsbeteiligung in den letzten Jahrzehnten stark gestiegen ist.“

Aus einer  Statistik der Bundesagentur für Arbeit geht hervor, dass der prozentuale Anteil der arbeitenden Frauen im Jahr 2018 im Osten (außer Berlin) von 61,1 bis 64,6 Prozent reichte, im Westen von 50,4 bis 59,4 Prozent.

Über 55-Jährige

„Szenario 2“ prognostiziert längere Arbeitszeiten für Arbeitnehmer ab 55 Jahren:

„Anstieg der Erwerbsbeteiligung im höheren Alter: Hier wird angenommen, dass sich der über die vergangenen Jahre erfolgte Anstieg der Erwerbsbeteiligung im höheren Alter in den nächsten Jahren fortsetzt. Im Vergleich zu den Anstiegen zwischen 2004 und 2017 wird dabei von relativ moderaten weiteren Zuwächsen ausgegangen. In der Altersgruppe 55 bis 59 wird von einem Anstieg von einer Wochenarbeitsstunde pro Kopf (auf 30,0 Stunden) ausgegangen, bei den 60- bis 64-Jährigen von einem Plus von vier Stunden (auf 25,6 Stunden), bei den 65- bis 69-Jährigen ebenfalls von einem Plus von vier Stunden (auf 8,4 Stunden) und bei den 70- bis 74-Jährigen von einem Zuwachs um eine Stunde (auf 2,5 Stunden).“

Kommen nun im Szenario 3 beide höhere Erwerbsbeteiligungen von Frauen und älteren Menschen zusammen, würde sich ansatzweise ein ähnlicher Wert von Wochenarbeitsstunden wie im Jahr 2017 ergeben – nämlich 1,44 Milliarden.

Bildung – lebenslänglich

Zieht man dann noch die weitere Komponente der „Bildungsexpansion“ hinzu, wonach mit erhöhter Bildung die Erwerbsbeteiligung steigt, erhöht sich die „Pro-Kopf-Produktivität“, sagt das BiB:

„Durch die Alterung der Babyboomer ist zumindest bis 2030 nicht mit einem starken Rückgang der Arbeitsstunden zu rechnen. Die Zahl der von Personen mit hoher Bildung geleisteten Stunden wird sogar noch weiter ansteigen.“

Der Weg zu diesem Ziel ist denkbar einfach, zumindest im Wortlaut. Die Empfehlung des BiB sieht wie folgt aus:

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„Investitionen in lebenslange Bildung können dazu beitragen, dass möglichst viele Personen bis ins höhere Alter über adäquate Qualifizierungsniveaus verfügen, um produktiv an der wirtschaftlichen Entwicklung mitzuwirken. Dies beginnt schon mit frühkindlicher Förderung und beinhaltet auch Qualifizierungsangebote für Zuwanderer.

Zusätzliche Erleichterungen der Vereinbarkeit von Familie und Beruf für beide Geschlechter schaffen. Erforderlich ist insbesondere der weitere Ausbau von Kinderbetreuungsmöglichkeiten in Westdeutschland sowie weitere Maßnahmen zur besseren Vereinbarkeit von Erwerbstätigkeit und Familienpflege.

Maßnahmen zur Gesundheitsförderung und zu einer altersgerechten Arbeitsplatzgestaltung können wichtige Beiträge leisten, um Erwerbstätigkeit auch im höheren Alter zu ermöglichen.“