Drosten: Kita- und Schulschließungen sind „gesellschaftlich nicht mehr vermittelbar“

Von 27. Mai 2020 Aktualisiert: 27. Mai 2020 22:27
Kinderärzte fordern die Öffnungen von Schulen und Kitas - und dass die Politik den Kindern als Berater zur Seite steht. Dazu nahm nun auch der Charité-Virologe Christian Drosten Stellung. Die Bundesregierung will die Öffnung von Kitas mit einer großangelegten Studie zu deren Rolle im Corona-Geschehen begleiten. Teil der Untersuchung ist zudem ein bundesweites Kita-Register.

Abstandsregeln und Kontaktsperren würden einen tiefen Einschnitt bedeuten, sagte Jakob Maske vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Gemeinsam mit der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) und der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin (DAKJ e.V.) fordert die BVKJ in einem gemeinsamen Papier eine rasche Öffnung der Kitas und Schulen. Dazu nahm auch der Charité-Virologe Christian Drosten nun Stellung.

„Ich finde es total wichtig und total berechtigt, dass hier auch eine gewisse Meinung mitschwingt“, sagte Drosten in seinem neusten Podcast zum Thema der Kinder. Es sei auch gut, dass diese gerade von Kinderärzten käme und auch von Wissenschaftlern. Gerade mit der Betonung auf das Kindeswohl und die vielen anderen Faktoren, die bei der Schulschließung zum Tragen kommen, hätten die Autoren eine „ganz wichtige gesellschaftliche Diskussion“ eröffnet, die von Politikern berücksichtigt werden müsse.

Und insoweit brauche die Politik auch gerade die „Vielstimmigkeit der Wissenschaft“. Da könne es durchaus sein, dass ein Virologe, der sich ausschließlich auf seine Forschungen und Daten berufe, auf „gestandene Kinderärzte“ treffen, die sagen: „So nicht!“ Das sei richtig.

Unterschiedliche Betrachtungsweisen

Bei Betrachtung der unterschiedlichen Aspekte stünden dann einerseits die Daten der Wissenschaft, die davon ausgehen, dass Kinder ebenso infektiös sein könnten wie Erwachsene, aber noch Fragen offenlassen. Insoweit würde Drosten „als Einzelperson und mitredender Wissenschaftler“ in einem derartigen Diskurs sagen: „Ich erkenne das komplett an, dass man die Schulen und Kitas komplett geschlossen hat.“

Gleichzeitig sei es bei den derzeitigen Lockerungen der Maßnahmen auch „gesellschaftlich nicht mehr vermittelbar“, warum man Teile der Gastronomie und viele andere Bereiche öffnet, den Kindern aber nicht ermöglichen will, in die Schulen zu gehen. „Das muss ich anerkennen“, stellte der Virologe fest. Als Privatperson könne er in diesem Fall ausnahmsweise seine Meinung äußern, die „vollkommen klar“ sei:

Natürlich können wir nicht weiter auf der Basis einer unsicheren wissenschaftlichen Datenlage die Kitas geschlossen halten, während wir andere Bereich auf der Basis einer unsicheren Datenlage einfach öffnen.“

Aus Sicht der Wissenschaft gäbe es dann konkrete Vorschläge: „Mit Testmethoden kenne ich mich wirklich aus“, betonte Drosten. Da könne er einschätzen, was möglich sei. So gebe es Erziehungspersonen im Kita-Bereich. Die Erwachsenen würden bei einer Infektion Symptome zeigen. Bei Kindern sei dies anders. „Wer zeigt also an, dass ein Ausbruch im Gange ist?“ Es sei die Erziehungsperson, die symptomatisch wird.

Und „hinter Symptomen hertesten“, können wir relativ gut, erklärte Drosten. Das sei keine Verschwendung von Ressourcen und könnte auch von den Laboren bewältigt werden. Ebenso könne man schätzen, dass alle „besorgten“, aber a-symptomatischen Personen durch die Labore getestet werden. Insoweit sei es denkbar, dass Labore Rahmenverträge mit Kitas machen oder eine Stadt Entsprechendes organisiert. „Das ist technisch durchaus drin.“

Testen, aber richtig

Der Verein Akkreditierte Labore in der Medizin e.V. (ALM) ging bei seiner Pressekonferenz am 26. Mai auf den jüngst ohne Ausschreibung geschlossenen Vertrag einer Landesregierung mit einem Industrieunternehmen ein, welches Tests zum Selbstabstrich unter anderem in Schulen verteilt hatte: „Diagnostische Tests gehören als Bestandteil der Patientenversorgung in ärztliche Hand – auch das breite Testen von Personen ohne Symptome“, warnt der erste Vorsitzende des Berufsverbandes, Michael Müller.

„Wir Fachärztinnen und Fachärzte im Labor sehen es als unsere Pflicht an, darauf hinzuweisen, dass Qualität und Sicherheit Vorrang vor dem Einkauf vermeintlich billiger Lösungen haben sollten. Die untersuchten Menschen können nicht einschätzen, in wessen Interesse eine Testung erfolgt.“

Besonderen Anstoß nahm Müller daran, dass „solche Anbieter mit den Unsicherheiten und Ängsten Schutzbefohlener arbeiten, um das eigene Konzept durchzusetzen. Ein solches Vorgehen beschädigt das Vertrauen in eine am Patienten- und Gemeinwohl ausgerichtete Medizin insgesamt und in die Menschen, die sich in der aktuellen Krisensituation im Sinne eines funktionierenden Gesundheitssystems engagieren.“

Pooling gehört nicht in Routineversorgung

Ein weiteres derzeit immer wieder in die Diskussion gebrachtes Thema sprach Vorstand Jan Kramer an: Das sogenannte Proben-Pooling, bei dem Einzelproben in einem Reaktionsgefäß vermischt als „Proben-Pool“ zur Analyse zusammengeführt werden. Der breite Einsatz des Proben-Poolings im Rahmen einer andauernden Pandemie mit noch offener Entwicklung und vielen offenen technischen, rechtlichen und ethischen Fragen sei aus fachärztlicher und wissenschaftlicher Perspektive nicht ohne Weiteres in der Routineversorgung von Patientinnen und Patienten anwendbar, heißt es dazu in einem Positionspapier des ALM.

„Fragen der Produkt- und Arzthaftung lassen das unkritische Anwenden von Pooling-Protokollen als hochrisikoreich erscheinen. Daher sollten Gruppentestungen ausschließlich in definierten Studiensituationen und unter Beachtung der Heterogenität der in der Routine verwendeten Entnahmesysteme weiterentwickelt und erforscht werden“, fasst Prof. Kramer zusammen.

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Vorstand Evangelos Kotsopoulos ergänzt: „Anders, als immer wieder angeführt, sind durch das Pooling auch keine Kostenvorteile zu erwarten. Denn die über den verminderten Reagenzverbrauch erwirtschaftbaren Kostenvorteile werden durch die mit dem Pooling verbundenen deutlich erhöhten Organisations- und Prozesskosten mehr als verbraucht.“

Das Fazit des ALM e.V.: „Ein Einsatz in der Routineversorgung und insbesondere die Vermarktung solcher Konzepte durch rein gewerbliche und nicht fachärztlich geführte Labore ist abzulehnen!“

Bundesregierung plant Corona-Kita-Studie

Die Bundesregierung will die Öffnung von Kitas einem Medienbericht zufolge mit einer großangelegten Studie zu deren Rolle im Corona-Pandemiegeschehen begleiten. Die in enger Abstimmung mit den Bundesländern geplante Untersuchung solle klären helfen, ob und wie stark der Betrieb in den bislang nur teilweise geöffneten Kitas mit einer Häufung von Infektionsfällen einhergehe, berichtete die Zeitung „Die Welt“ am Mittwoch.

Sie berief sich dabei auf ein ihr vorliegendes internes Papier mit Einzelheiten zum Ablauf der Studie, die demnach im Juni starten und bis Dezember kommenden Jahres laufen soll. Geplant ist die Befragung der Leitungen von 3.000 Kitas. In 600 Einrichtungen sollen ergänzend dazu auch die Erzieher und Eltern befragt werden.

Teil der Untersuchung ist zudem ein bundesweites Kita-Register, in dem wöchentlich verzeichnet wird, wie sich Betreuungskapazitäten entwickeln und ob es zu infektionsbedingten Schließungen einzelner Gruppen oder ganzer Einrichtungen kommt. Dazu kommt ein weiterer Studienteil, in dem erforscht werden soll, wie häufig betreute wie nicht betreute Kinder an Corona erkranken und ob es zu Übertragungen in den Familien oder auf Erzieher kommt.

FDP fordert Planungssicherheit

Vor den Beratungen der Familienminister der Länder über die nächsten Schritte bei der Kita-Öffnung hat die FDP mehr Planungssicherheit für Eltern gefordert. „Eltern brauchen nach den vielen kräftezehrenden Wochen endlich eine verlässliche Perspektive für ihre Kinder und Planungssicherheit für ihren Beruf“, sagte FDP-Parlamentsgeschäftsführer Marco Buschmann der Nachrichtenagentur AFP in Berlin.

Als Vorbild empfahl Buschmann das Öffnungskonzept der CDU/FDP-Regierung von Nordrhein-Westfalen, wo alle Kinder ab dem 8. Juni ihre Kindertageseinrichtung besuchen können. Dieser Weg könne auch „eine Blaupause für die Schulen sein“, sagte Buschmann. Kinder bräuchten Kinder und einen geregelten Alltag, auf den sie sich verlassen können.

Die Jugend- und Familienminister der Länder schalten sich am Mittwoch per Video zu Beratungen zusammen. Den Vorsitz führt Baden-Württemberg. Dabei soll es auch um die Frage gehen, wie die wegen der Corona-Krise geschlossenen Kitas wieder zum Normalbetrieb zurückkehren können. Die Regelungen der einzelnen Länder unterscheiden sich hier erheblich.

(Mit Material von afp)

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