Olaf Scholz auf einer Wahlveranstaltung. 27. August 2021.Foto: Maja Hitij/Getty Images

Olaf Scholz: Vom Bekämpfer des staatsmonopolistischen Kapitalismus zum Kanzler in spe

Von 25. September 2021 Aktualisiert: 26. September 2021 0:24
Noch-Finanzminister und SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz pflegte als Jungsozialist eine enge Zusammenarbeit mit der kommunistischen Jugendorganisation FDJ in der DDR. Tritt er nach der Wahl in Koalitionsverhandlungen mit der Linken ein, könnte sich der Kreis schließen.

Olaf Scholz gilt zweifellos als erfahrenster Kanzlerkandidat bei der Bundestagswahl. Den Stallgeruch des Polit-Business schnupperte er bereits im Jahr 1975, als er sich für die Jungsozialisten engagierte. In den Zuschauerbefragungen nach den TV-Triellen ging er als Sieger hervor – und liegt laut aktuellen Umfragen in der Wählergunst vorne. Der Jurist gilt als durchsetzungsstark, loyal und als Meister des Kompromisses, aber auch als nüchtern und uninspirierend. Nüchtern, sachlich, hanseatisch hat er das Hamburger Rathaus und das Amt des Vizekanzlers erobert.

Viel wurde geschrieben, gelobt und gelästert über Scholz und seine Herausforderer im Rennen um die Kanzlerschaft. Bisher nicht bekannt ist seine große Nähe zur Führungsriege der DDR, über die Hubertus Knabe, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Neueste Geschichte der Universität Würzburg, in einem Gastbeitrag für „Focus Online“ berichtet. Danach vereinbarten im Mai 1980 der damalige Juso-Vorsitzende Gerhard Schröder und der Chef des kommunistischen Jugendverbandes FDJ in der DDR, Egon Krenz, dass FDJ und Jusos offizielle Beziehungen aufnehmen. Zwei Jahre später geriet Scholz als stellvertretender Bundesvorsitzender der Jusos erstmals ins Visier der SED, die versuchte, die Bundesrepublik gegen einen NATO-Beschluss zu bewegen.

Glühender Marxist in den 80er-Jahren

In den Augen der Einheitspartei war Scholz der richtige Mann, da er sich nicht nur als vehementer Kritiker des Nordatlantikpakts profiliert hatte, sondern auch dem marxistischen Stamokap-Flügel der Jungsozialisten angehörte, der den namensgebenden „staatsmonopolistischen Kapitalismus“ bekämpfte. „Scholz war in den 80ern glühender Marxist“, schreibt auch „Handelsblatt“-Redakteur Martin Greive. Den damaligen Juso-Chef Willi Piescyk auf dessen Frage, warum es zwischen beiden so oft kracht, soll er einmal so angeschrien haben: „Weil Du den Kapitalismus nicht so sehr hasst wie ich!“

Laut Greive warb Scholz für „die Überwindung der kapitalistischen Ökonomie.“ Und für die „Zeitschrift für sozialistische Politik und Wirtschaft“ schrieb er: „Diese Situation macht die Herausbildung eines wirklichen linken Parteiflügels notwendig, in dem sich Marxisten und linke Reformisten sammeln.“ Aufrüstung und Kriegsgefahr bezeichnete er als „notwendige Begleiterscheinungen des Imperialismus.“ Eine dauerhafte Friedenssicherung sei daher nur möglich, wenn das kapitalistische Gesellschaftssystem vom Sozialismus abgelöst werde.

Laut Historiker Knabe finden sich in den Hinterlassenschaften der FDJ eine Reihe aufschlussreicher Dokumente über den SPD-Kanzlerkandidaten: In einer Information über den Bundeskongress im März 1983 sei etwa hervorgehoben worden, dass die Jusos – trotz eines bestehenden Unvereinbarkeitsbeschlusses – erstmals eine Abordnung der DKP-nahen Jugendorganisation SDAJ eingeladen hätten. In dieser Zeit, so Knabe, nahmen die Jusos erstmals an einem Internationalen Jugendlager teil, das die FDJ einmal jährlich für linke Jugendfunktionäre aus der Bundesrepublik und Österreich durchführte. Auf Wunsch der Jusos sei es neben den Gesprächen mit FDJ-Chef Eberhard Aurich auch zu einem Zusammentreffen mit dem damaligen ZK-Sekretär für Sicherheit, Egon Krenz, gekommen.

Beziehungen zur FDJ konstruktiv fortsetzen“

„Die DDR-Nachrichtensendung „Aktuelle Kamera“ zeigte Scholz, wie er gegenüber von Krenz vor einer Schale Obst sitzt“, schreibt Knabe unter Bezug auf ein Dokument aus dem Bestand DY24 in der Stiftung Archiv der Parteien und Massenorganisationen der DDR im Bundesarchiv. Für die SED war dieses Treffen offensichtlich so wichtig, dass man mit Herbert Häber Honeckers Verantwortlichen für Deutschlandpolitik an der illustren Runde teilnehmen ließ. Zwischen 1985 und 1988 fanden nach den Recherchen Knabes allein neun Treffen auf Spitzenebene statt. An welchen dieser Begegnungen Olaf Scholz teilnahm, sei indes nicht überliefert.

„Die Jusos wurden Partner der FDJ im Friedenskampf“, lautete 1988 das Fazit der SED-Funktionäre, als Scholz auch Vizepräsident des Weltverbandes sozialistischer Jugendorganisationen IUSY geworden war. Einem weiteren Dokument zufolge reiste Scholz im Mai 1988 ein weiteres Mal in die DDR. Anlass war ein Seminar der FDJ mit dem sperrigen Titel: „Zur Verantwortung von Jugendorganisationen aus Staaten unterschiedlicher Gesellschaftsordnungen für die Erhaltung und Sicherung des Friedens. Möglichkeiten und Notwendigkeiten der Zusammenarbeit junger Kommunisten und junger Sozialdemokraten“. Das Auftreten der Juso-Delegation sei geprägt gewesen „vom offensichtlichen Willen, den erreichten Stand der Beziehungen zur FDJ konstruktiv fortzusetzen.“

Interessant ist diese Episode aus Scholz‘ beachtlicher Polit-Karriere, da sich der Kreis für den 63-Jährigen nach der Bundestagswahl schließen könnte – bei möglichen Koalitionsverhandlungen mit den Erben der Sozialistischen Einheitspartei.



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