Plagiat und mangelnde Distanz? FU-Professor fordert Rücktritt von Ministerin Giffey

Von 3. April 2019 Aktualisiert: 3. April 2019 19:07
Sozialwissenschaftler Peter Grottian von der FU Berlin fordert in der „Süddeutschen“ den Rücktritt von Bundesfamilienminister Franziska Giffey und ihren Verzicht auf den Doktortitel. Ihre Dissertation weise nicht nur grobe Unregelmäßigkeiten auf, Giffey habe zudem „über sich selbst geschrieben“.

Hat die Politik ihren Respekt vor dem deutschen Hochschulwesen verloren? Oder gibt das deutsche Hochschulwesen selbst keinen Anlass mehr dazu? Die jüngste Aufregung rund um die Dissertation von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey ist nicht der erste Fall in den letzten Jahren, da behauptete oder nachgewiesene Mängel in wissenschaftlichen Arbeiten deutscher Spitzenpolitiker für Wirbel sorgen.

Nach einer breit angelegten Kampagne sogenannter Plagiatsjäger sah sich 2011 der damalige Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg am Ende gezwungen, sein Amt niederzulegen. Zuvor hatten ihm die Protagonisten des „GuttenPlag Wikis“ in seiner Dissertation nach eigenen Angaben auf 324 von 393 Seiten des Haupttextes plagiierte Stellen nachgewiesen.

Ein Viertel der Seiten beanstandet

Zwei Jahre später trat Bundesbildungsministerin Annette Schavan von ihrem Amt zurück, nachdem ihr der zuständige Fakultätsrat mehrheitlich eine „vorsätzlichen Täuschung durch Plagiat“ in ihrer Dissertation vorgeworfen hatte. Auch FDP-Europaabgeordnete Silvana Koch-Mehrin, ihr Parteikollege Jorgo Chatzimarkakis, der niedersächsische Kultusminister Bernd Althusmann (CDU) und einige weitere Politiker sind seither ins Visier sogenannter Plagiatsjäger geraten. Nicht in allen Fällen endeten diese mit Rücktritt.

Franziska Giffey hatte 2010 mit einer Dissertation unter dem Titel „Europas Weg zum Bürger“ an der FU Berlin promoviert. Wie der „Focus“ schreibt, will das Plagiatsjägerportal „VroniPlag Wiki“ nun nachgewiesen haben, dass etwa ein Viertel ihrer rund 200 Seiten langen Arbeit Unregelmäßigkeiten enthalte.

Nun gehen auch Teile des akademischen Personals ihrer Alma Mater gegen Giffey in die Offensive. In der „Süddeutschen Zeitung“ fordert der Sozialwissenschaftler und emeritierte Professor Peter Grottian die Aberkennung ihres Doktortitels und ihren Rücktritt als Ministerin. Giffey habe, so Grottian, eine „höchst anfechtbare Doktorarbeit im Fach Politikwissenschaft an der FU Berlin geschrieben“. Die bis dato aufgedeckten Mängel seien „so schwerwiegend, dass sie mutmaßlich zur Aberkennung des Doktorgrades ausreichen“.

„Weniger gravierend als zu Guttenberg, schwerwiegender als Schavan“

Die Ministerin habe, so erklärt er weiter, „vom Handwerk wissenschaftlichen Arbeitens nur einen blassen Schimmer“. Sie demonstriere ein „oft naives, fehlerhaftes und verantwortungsloses Verhältnis zu ihrem Fach“. Ihre Verfehlungen seien gravierender als im Fall Schavan, aber erreichten nicht den Schweregrad des Falls zu Guttenberg.

Giffey solle von selbst den Rücktritt aus ihrem Amt vollziehen und die FU um Aberkennung ihres Doktortitels bitten, meint Grottian. „Sie hätte Haltung gezeigt und ihre politische Karriere vor weiterem Schaden bewahrt“, und für die Medien wäre der Fall „in drei Tagen erledigt“.

Der Sozialwissenschaftler übt jedoch auch Kritik an VroniPlag Wiki. Diese richtet sich jedoch nicht grundsätzlich gegen die Arbeit der „Fußnotenzähler“, die vor allem Guttenberg-Anhänger einst schon mal mit Denunziantentum vonseiten frustrierter Rentner („Knöllchenhorst“) verglichen hatten.

Vielmehr hätte die Schwarmintelligenz-Plattform das aus seiner Sicht möglicherweise noch größere Problem an der Arbeit völlig außer Acht gelassen. Dieses bestehe darin, dass Giffey in ihrer damaligen Position als Europabeauftragte des Bezirks Neukölln über die „Beteiligung der Zivilgesellschaft an der EU-Politik am Beispiel von Berlin-Neukölln“ geschrieben habe – und damit in stetiger Versuchung war, Werbung in eigener Sache zu betreiben.

Kollision von Wissenschaft und Eigennutz?

Giffey sei es nicht nur nicht gelungen, den Verdacht mangelnder wissenschaftlicher Distanz zu ihrem Forschungsgegenstand auszuräumen. Zudem hätte diese mögliche Diskrepanz bereits ihrer Betreuerin auffallen müssen. Es wäre ihre Aufgabe gewesen, Giffey zu helfen, „die Doktorarbeit auf ein Feld zu konzentrieren, wo Wissenschaft und Eigennutz nicht kollidieren“.

Bereits im Februar hatte die Ministerin selbst gegenüber der „Tagesschau“ Anschuldigungen abgestritten, bewusst „geguttenbergt“ zu haben. Auch der bei VroniPlag aktive Juraprofessor Gerhard Dannemann warnte damals vor voreiligen Schlussfolgerungen. Es müssten viele Beanstandungen noch unabhängig geprüft werden. Bei VroniPlag gelte das Vieraugenprinzip. Allerdings sei die Arbeit Giffeys, so erklärte er nach einer ersten Sichtung kleiner Teile davon, ein „ernst zu nehmender Fall“.

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