Schon in der kommenden Saison könnte es eine Be- und Überlastung in Kinderkliniken geben, so der Corona-Expertenrat der Regierung.Foto: iStock

„Sehenden Auges in Pflegekatastrophe“ – Kinderärzte kritisieren Expertenrat

Von 16. Juni 2022 Aktualisiert: 16. Juni 2022 15:00
Wissenschaftlich nicht nachvollziehbare Empfehlungen und Ideen, deren Umsetzung nicht klar ist. Mit seiner neuesten Empfehlung sorgt der Corona-Expertenrat, der die Bundesregierung beraten soll, für heftige Kritik beim Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte.

In seiner neuesten Stellungnahme zur „Pandemievorbereitung auf Herbst/Winter 2022/23“ vom 8. Juni malt der „ExpertInnenrat der Bundesregierung zu COVID-19“ ein düsteres Szenario. Er rechnet in der kommenden Saison mit einer Be- und Überlastung der Kinderkliniken, bedingt durch einen Wiederanstieg saisonaler Atemwegserreger und einer davon begleiteten „noch stärkeren Infektionswelle“, vor allem bei Kindern im Kita- und Grundschulalter.

Dadurch komme es zu Arbeitsausfällen der Eltern, die ihre kranken Kinder betreuen müssen oder selbst aufgrund einer Erkrankung ausfallen. Des Weiteren müsse mit Engpässen in der ärztlichen Versorgung von Kindern und Jugendlichen aufgrund von Pflegepersonalmangel gerechnet werden.

Als Lösung schlägt die Beratergruppe „eine besondere Unterstützung durch pflegeentlastende Berufsgruppen“ vor, zudem Impfintensivierung an Schulen und im außerschulischen Konzept. „Die allgemeine Entwicklung kann durch das Tragen von Masken in Innenräumen positiv beeinflusst werden“, heißt es gleichzeitig von den Autoren des Papiers.

Kritik vom Kinderärzteverband

Kritik gibt es dafür vom Bundesverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ). Wer mit den pflegeentlastenden Berufsgruppen gemeint sei und wie diese Idee zur Reduzierung des befürchteten Behandlungsbedarfs ab Herbst umgesetzt werden solle, lässt das Gremium völlig unklar.

„Eine Praxis wie meine versorgt im Jahr genauso viele ambulante Patienten wie eine große Ambulanz einer Kinder- und Jugendklinik“, schildert der Berliner Kinderarzt und BVKJ-Bundespressesprecher Jakob Maske.

Mehr als 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen sind laut BVKJ ambulant versorgt worden, was zu einer übermäßigen Belastung der dortigen Beschäftigten geführt habe. Eine staatliche Honorierung bleibe leider aus. Wenn man in diesem Bereich medizinische Fachangestellte abziehe, käme es zu einer deutlich höheren Belastung der Kliniken, da diese die ambulante Versorgung mit übernehmen müssten. Sein Fazit: „Das ist völlig unrealistisch“, so Maske.

Sparpolitik als Auslöser

Ausdrücklich weist der BVKJ darauf hin, dass die schwierige Situation in den Kinder- und Jugendkliniken nicht auf die Pandemielage zurückzuführen ist, „sondern ausschließlich das Ergebnis unangemessener Sparpolitik im klinischen Bereich der Versorgung von Kindern und Jugendlichen“ sei.

Dazu gehören auch die fehlende Ausbildung pädiatrischer Pflegefachkräfte, die laut BVKJ auf Änderungen im Ausbildungssystem zurückzuführen sind, sowie das DRG-System. Letzteres wurde 2004 unter Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt als bundesweites Abrechnungssystem für stationäre Patientenversorgung eingeführt, bei dem lediglich Psychiatrien und Reha-Einrichtungen ausgenommen sind.

Hier wird sehenden Auges auf eine Pflegekatastrophe im Bereich der Kinder- und Jugendmedizin im ambulanten und stationären Bereich zugesteuert“, so Maske.

Auch das Empfehlen von Masken sieht der BVKJ kritisch. „Die Vermeidung von normalen Infektionskrankheiten durch das Tragen einer Maske erscheint jedoch wissenschaftlich nicht sinnvoll und ist daher für Kinder abzulehnen.“

Der Verband begrüßt es hingegen, dass das Beratergremium eine Abschaffung von anlasslosen Corona-Tests vorschlägt. In Hamburgs Schulen werden beispielsweise rund zwei Millionen Corona-Tests zum größten Teil „im Schrank verschwinden“, wie der NDR berichtete. Ihre Haltbarkeit läuft noch bis Ende 2022. Falls es notwendig sei, könne man die Tests im Herbst wieder hervorholen, erklärte Schulsenator Ties Rabe (SPD).



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