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Warum geht China im Handelskrieg mit den USA auf Kosten der eigenen Wirtschaft in die Offensive?

Von 7. Oktober 2019 Aktualisiert: 8. Oktober 2019 8:30
Nach der Hinhalte-Taktik China im Handelskrieg mit den USA ist Peking nun in die Offensive gegangen und schreckt auch vor Verlusten der eigenen Wirtschaft nicht zurück. Doch was ist der Grund für Pekings Strategieänderung?

Der Handelskrieg zwischen den Vereinigten Staaten und China hat mit der Anhebung der Zölle von chinesischer Seite eine neue Wendung genommen.

Pekings plötzliche Offensive gegen die amerikanische Wirtschaft könnte für US-Präsident Donald Trump zu einem politischen Fiasko werden und Einfluss auf die US-Präsidentschaftswahlen im nächsten Jahr haben.

Erstmals in der Geschichte hat eine Weltwirtschaftsmacht die Wirtschaft einer anderen Weltwirtschaftsmacht angegriffen, mit dem Ziel die innenpolitische Lage eines Landes zu destabilisieren.

Zweifellos befinden sich China und die Vereinigten Staaten weniger in einem Handelskrieg sondern vielmehr in einem Wirtschaftskrieg. Das Ziel geht sogar noch über den wirtschaftlichen Bereich hinaus und richtet sich direkt auf das Oval Office von Trump.

Die amerikanische Wirtschaft im Visier

Wie „Duowei News“, eine chinesischsprachige Zeitung im Ausland mit Verbindungen nach Peking berichtet, kündigte das chinesische Finanzministerium am 23. August an, Zölle auf US-Importe im Wert von 75 Milliarden Dollar zu verhängen.

Die Zölle sollten ab 1. September beziehungsweise 15. Dezember in Kraft treten. Einfuhrzölle auf US-Autoteile, die im Dezember letzten Jahres ausgesetzt worden waren, sollten ebenfalls wieder erhoben werden.

Zusatzzölle von 30 Prozent sollten ab September auf US-Sojabohnen veranschlagt werden; auf Meeresfrüchte, Obst und Fleisch 35 Prozent und ab Mitte Dezember sollten die Zölle auf Getreide und Fahrzeuge aus den USA um 35 Prozent steigen. Auch richteten sich die Zölle erstmals auf amerikanisches Rohöl.

Nur wenige Stunden nach Pekings Vorstoß kündigte Trump auf Twitter an, die bestehenden Zölle auf chinesische Waren im Werte von 250 Milliarden Dollar am 1. Oktober von 25 auf 30 Prozent zu erhöhen. Gleichzeitig würden die Zölle auf chinesische Importe im Wert von 300 Milliarden Dollar ab 1. September von 10 auf 15 Prozent angehoben.

Chinesische Medien bestätigten, dass die Initiative weitere Zölle zu erheben diesmal von Peking ausging und es Trump war, der sich verteidigen musste.

In einigen westlichen Medien wurde die chronologische Reihenfolge der Ereignisse vertauscht, um die Öffentlichkeit zu täuschen. Es schien so, als ob die Zölle von den USA ausgingen und die Kommunistische Partei Chinas lediglich aus Notwehr reagierte.

Es ist wichtig, dort genau hinzuschauen, um die Motive und Ziele der Kommunistischen Partei Chinas zu verstehen. Insbesondere weil dieser Schritt der KP Chinas eine Kehrtwende der chinesisch-amerikanischen Beziehungen der letzten Jahrzehnte bewirkt.

Die Strategie der Kommunistische Partei Chinas im Kampf gegen die USA ist es, die USA zum Feind zu machen und eine wirtschaftliche Konfrontation zu provozieren.

Ein US-Gegenangriff ist genau das, was Peking will

Pekings Initiative die Zölle zu erhöhen, scheint taktischer Art zu sein, aber ihr Zweck liegt auf der Hand. China hat in den wirtschaftlichen Verhandlungen mit den USA kein Interesse an einer ehrlichen Verhandlung. Ihr Ziel ist stattdessen die US-Wirtschaft zu ruinieren.

Nachdem Peking Anfang Mai plötzlich die Vereinbarung mit den USA umgeworfen hatte, nämlich 90 Prozent der Forderungen umzusetzen, reagierten die USA mit Strafzölle auf Chinas Exporte in die USA, um weiter Druck auszuüben. Dennoch erklärten sie sich bereit, die Verhandlungen fortzusetzen.

Hätte China das Spiel noch eine Zeit lang mitgespielt, nämlich die USA hinzuhalten, wäre das Verhältnis zu den USA zwar auch nicht sonderlich gut, aber bei weitem nicht so schlecht wie jetzt.

Doch konnte Peking für diese Art Spiel keine Geduld mehr aufbringen und ist in die Offensive gegangen, indem die KP Chinas plötzlich Zölle auf amerikanische Produkte erhob.

Nach dieser „Offensive“ Pekings ist es durchaus wahrscheinlich, dass Trump über eine generelle Zollanhebung nachdenkt. Nachdem Peking die Verhandlungen im Mai quasi abgebrochen hatte, gibt es von Seite der USA nur noch wenig Raum im freundschaftlichen Dialog nach Lösungen zu suchen. Obwohl Trump die Kommunikation mit China am Laufen hält, ist sie nur mehr zu einer reinen Formalität geworden.

Nachdem Peking nun auf Konfrontationskurs gegangen ist, ist es den USA nicht mehr wie geplant möglich, ihr Handelsdefizit von Hunderten von Milliarden Dollar zu China auszugleichen. China versucht die USA unter Druck zu setzen und den Export von US-Waren nach China zu verhindern.

Die USA können nun nicht mehr auf eine Kooperation seitens China hoffen, wie beispielsweise in der Frage des Diebstahls des geistigen Eigentums. Die einzige Möglichkeit, die Trump noch hat, um das US-Handelsdefizit mit China zu verringern, besteht darin, die Zölle auf chinesische Waren umfassend und stark zu erhöhen.

Aktuell ist es um die Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zwischen den USA und China schlecht gestellt. Doch auch das gehört zu Pekings Plan. Laut eines Artikels in der „Global Times“, einem Sprachrohr der Kommunistischen Partei Chinas, halte es die Partei für notwendig, die USA strategisch im Handelskrieg zu zermürben.

Die Zeitung „Duowei“ schrieb:

Nach dem Ende des ersten Schlagabtauschs ist der Markt Blut befleckt. Neben dem sprunghaften Anstieg des Goldpreises sind der US-Aktienindex, der Offshore-RMB-Wechselkurs, die Rohölpreise und die Renditen des US-Finanzministeriums stark gefallen. Obwohl beide Seite im Handelskrieg hohe Verluste einfahren, entsteht allmählich die Möglichkeit einer Rezession in den USA.“

Das ist genau das, womit China im derzeitigen Handelskrieg mit den USA rechnet.

Warum nimmt Peking Schäden auf beiden Seiten in kauf?

In den seit mehr als einem Jahr andauernden Verhandlungen mit den USA hat sich Pekings Haltung zum Schutz des geistigen Eigentums um 180 Grad gewendet.

Schien Peking anfänglich noch kooperativ und passiv auf den Druck aus den USA, stellt sich nun die Frage nach dem Motiv für Peking sich offensiv auf diesen Krieg einzulassen. Liegt es daran, dass die chinesische Regierung vom „unvermeidbaren amerikanischen Niedergang“ überzeugt ist?

Oder versucht China das Beste aus der miserablen Lage zu machen und kurzfristig Schäden der eigenen Wirtschaft in Kauf zu nehmen, um längerfristig am längeren Hebel zu sitzen und Trump aus seinen Büro zu zwingen, indem es einen schweren Schlag gegen die US-Wirtschaft landet?

Peking hat sich für ein Szenario entschieden, bei dem keine der beiden Seiten gewinnt, sondern beide verlieren. Warum nur? Es hat sich gezeigt, dass die US-Wirtschaft beim vorigen Kurs weiter florierte, während sich die chinesische Wirtschaft in einer kontinuierlichen Abwärtsspirale befand.

Unter normalen Handelsbedingungen schafft China es nicht, die US-Wirtschaft in die Knie zu zwingen und „einen Sieg nach Hause tragen“.

Doch wird Peking aufhören, bevor das ganze zu weit geht? Würde das chinesische Regime die eigene Wirtschaft tatsächlich retten wollen, wäre der vernünftigste Schritt, sich kompromiss- und gesprächsbereit zu zeigen, anstatt eine derart konfrontative und verlustreiche Haltung einzunehmen.

Doch das tun die Chinesen nicht. Im Gegenteil haben sie die USA absichtlich herausgefordert. Sie verfolgen ganz klar ein politisches Ziel, nämlich die Einmischung in die Präsidentschaftswahlen der USA. Diese Strategie hat höchste Priorität und hat die Ära der höflichen sino-amerikanischen Beziehungen beendet.

China geht in die Offensive – Wen trifft es am meisten?

Was will Peking mit dieser Strategie genau erreichen? Der Konfrontationskurs schadet der chinesischen Wirtschaft zweifellos kurzfristig. So können billige Agrarerzeugnisse aus den Vereinigten Staaten beispielsweise nicht importiert werden, so dass China auf andere Mittel zurückgreifen muss, um die notwendigen Soja- und Maisimporte zu erhalten.

Der Preis für Sojabohnen, die von Brasilien nach China exportiert werden, ist in letzter Zeit um 70 Prozent gestiegen – auch für Sojabohnen, die aus den USA nach Brasilien importiert werden.

Für Brasilien ist es leicht verdientes Geld. In China hingegen sind die Preise für pflanzliches Öl und Futtermittel stark angestiegen und damit sind auch die Fleisch- und Lebensmittelpreise rasant angezogen.

Kaum ein Chinese oder Ausländer hätte gedacht, dass die KP Chinas sich für die „Verlust-Verlust“-Strategie auf Kosten der eigenen Bürger entscheidet. Doch wie sich jetzt zeigt, lässt sich die Partei nicht von ihrem Vorhaben abhalten, auch wenn die Bevölkerung dadurch leidet.

Wie ich bereits in „Distinguishing True and False in the Winning and Losing of US-China Negotiations“ am 20. Juli geschrieben habe:

Menschen, die stillschweigend wirtschaftlichem Druck ausgesetzt sind, haben keinen Einfluss auf die Politik. Dies ist der Grund, weshalb die KP Chinas gegen ‚wirtschaftlichen Druck‘ weitestgehend immun ist.“

Wie hingegen das amerikanische Volk auf die Preissteigerungen durch Zölle auf chinesische Importe sowie auf die Schwankungen an der US-Börse und die Panik der US-Unternehmen reagiert, bleibt abzuwarten.

Es ist davon auszugehen, dass die USA unter dem Handelskrieg ebenfalls kurzfristig leiden wird. Im Allgemeinen leben die Menschen in Demokratien in der Regel weniger nach dem „Big Picture“-Motto, wie es die Chinesen bezeichnen. Wenn sie in ihrem Leben beeinträchtigt werden, kann sich das in der nächsten Präsidentschaftswahl zeigen.

Und genau das ist es, weshalb Peking wirtschaftliche Verluste in Kauf nimmt, gerade weil die US-Führung weniger gegen die unzufriedene Bevölkerung tun kann als die kommunistischen Machthaber in China.

Peking will mit dem Wirtschaftskrieg die amerikanische Bevölkerung gegen ihre eigene Regierung aufbringen, um Veränderungen im Weißen Haus herbeizuführen und Trump aus dem Amt zu heben.

Auf die langfristigen Auswirkungen, mit denen China und die USA konfrontiert sind, gehe ich einem Folgeartikel ein: „Why the Sino-US Trade War has Escalated into an Economic War: A Second Analysis of the Reversal in Diplomatic Relations“.

China ändert seine Strategie im Handelskrieg

In dem Wissen, dass US-Politiker bereits „kurzfristige Schmerzen“ schlecht aushalten können, diese dem totalitären System der kommunistischen Partei Chinas aber kaum Schwierigkeiten bereitet, hat Peking bewusst seine Hinhalte-Taktik zur Offensive geändert.

Dennoch bleibt abzuwarten, wie Peking mit den Langzeitschäden umgehen wird, nämlich, dass immer mehr ausländische Unternehmen und Investoren abwandern. Hierfür gibt es nur wenige Optionen und keine klare Lösung.

Aber es ist klar, wenn die KP Chinas Trumps Kurs marginaler Tariferhöhungen weiter mitgemacht und an ihrer Verzögerungstaktik festgehalten hätte, wären die Folgen für Chinas Wirtschaft schwerwiegend, während Trump nur wenig Schaden erleidet hätte und sogar seine Chancen auf eine Wiederwahl gefestigt würden.

Durch die Offensive kann die KP Chinas hingegen Trumps wirtschaftliche Errungenschaften in kurzer Zeit zu Nichte machen und die Stimmung der Wähler in den USA trüben.

Die neue Strategie offenbart Pekings feindselige Haltung gegenüber den USA. Das leere Gerede von „der Freundschaft der beiden Wirtschaftsmächte“ funktioniert nicht einmal mehr auf rein formaler Ebene.

Trump twitterte kürzlich: Ist „China ein Feind oder nicht?“ Diesen Status hat sich die KP Chinas selbst zuzuschreiben. Nun bleibt abzuwarten, wie die amerikanischen Wähler auf die Auswirkungen des Handelskriegs reagieren: Wird ihr Groll gegen Trump wachsen, oder wird der US-Präsident ganz im Gegenteil mehr Unterstützung für seine China-Politik erfahren?

Dr. Cheng Xiaonong ist ein Wissenschaftler für China Politik und Wirtschaft mit Sitz in New Jersey. Er absolvierte seinen Master-Abschluss in Wirtschaftswissenschaften an der Renmin Universität in China. Später promovierte er an der Princeton Universität in Soziologie. In China arbeitete Cheng als politischer Berater und Analyst für den damaligen Parteichef Zhao Ziyang. Cheng arbeitet zudem als Gastdozent an der Universität in Göttingen und Princeton und war Chefredakteur der Zeitschrift „Modern China Studies“. Seine Kommentare und Kolumnen erscheinen regelmäßig in chinesischen Medien im Ausland.

Der Originalartikel erschien in The Epoch Times USA (deutsche Bearbeitung von nh) Originalfassung: What Can We See From the Sudden Escalation of the Sino–US Trade War?



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