„Hoffen, dass Kahlköpfe aus der Mode kommen“: NZZ beendete Zusammenarbeit mit Relotius schon 2014

Von 2. Januar 2019 Aktualisiert: 2. Januar 2019 13:21
Der mannigfacher Fake-News überführte Ex-Spiegel-Journalist Claas Relotius hatte schon 2014 bei Medien in der Schweiz Argwohn hervorgerufen. Deutsche Formate schöpften hingegen jahrelang keinerlei Verdacht.

Bevor der im Dezember des Vorjahres wegen nachgewiesener Fake-News in Ungnade gefallene Claas Relotius beim „Spiegel“ Karriere machte, hatte der mehrfach preisgekrönte Journalist auch bei Schweizer Medien Texte veröffentlicht. Allerdings hatten Leser bereits damals mehrere Ungereimtheiten in seinen Darstellungen entdeckt – was ein angesehenes Format dazu veranlasste, bereits 2014 die Zusammenarbeit mit ihm zu beenden.

Zu den Medien, für die er dort als freier Journalist arbeitete, gehörte neben der „Weltwoche“ und dem Magazin „Reportagen“ unter anderem auch die „Neue Zürcher Zeitung“. Diese druckte zwischen 2012 und 2014 die Beiträge „Auge um Auge, Blut um Blut“, „Castros schöne neue Welt“, „Der Geist von Antioquia“, „Die bessere Welt“, „Im Tal der Mannsweiber“ und „Gangster’s Paradise“ ab.

Zudem schrieb er zwei Texte für die Beilage „NZZ Folio“. Beide Beiträge erschienen im Rahmen der Serie „Beim Coiffeur“. Der erste Beitrag im August 2013 über den Inhaber eines Frisörladens in Kolumbien blieb bis dato noch unbeanstandet.

Der zweite, der im Februar 2014 erschien und einen Besuch bei einer Coiffeuse im finnischen Lahti zum Thema hatte, geriet hingegen zum Ärgernis für das Format, nachdem in den Leserkommentaren Hinweise auf Unzulänglichkeiten auftauchten.

Hannu statt Hanna, Bild aus Helsinki statt aus Lahti

Offenbar wollte Relotius für seinen Artikel eine „Hannu Sundell“ besucht haben und machte dabei auch Angaben über die Preise in dem Salon und für weitere Güter des täglichen Bedarfes. Diese Darstellungen deckten sich nicht mit den eigenen Beobachtungen einer Leserin in Finnland, weshalb diese die Inhalte des Beitrages wie folgt bemängelte:

Erstens ist der Name Hannu ein Männername (Hans), zweitens existiert dieser Coiffeursalon in Lahti nicht, und drittens sind die Preise pro Haarschnitt bedeutend höher (z.B. Kinder bis 8-12 Jahre 26€). Auch die Preise für Milch, Brot und Kinobillette sind höher. Ein Liter normale Milch kostet ungefähr 1,20 €. Vom NZZ Folio erwarte ich eigentlich recherchierte Berichte.“

Die Redaktion zeigte sich einsichtig und kündigte an, den Darstellungen nachzugehen:

In der Rubrik ‚Beim Coiffeur‘ im Februar-Folio sind uns zwei Fehler unterlaufen, die leider unentdeckt blieben, weil sie einander gegenseitig ein wasserfestes Alibi gaben. Die Coiffeuse heißt nicht Hannu Sundell, sondern Hanna Sundell. Und das Foto zeigt nicht Hanna Sundells Salon, sondern Hannu Sundells Salon, der zwar auch in Finnland ist, aber nicht in Lahti, sondern in Helsinki. Es scheint, als hätten Hanna und Hannu samt ihren Salons unseren Autor etwas verwirrt. Was die Preise angeht, teilt er uns mit, er habe sie in drei Geschäften in Lahti überprüft.“

Ob es in Lahti tatsächlich einen Frisörsalon einer Hanna Sundell gibt – Google und Facebook kennen unter anderem eine Finnair-Beraterin oder eine Optometristin dieses Namens, aber keine Coiffeuse -, ist ungewiss. Möglicherweise war das Interview auch nur ein Aufhänger für verborgene Botschaften des Haltungsjournalismus.

Frisösen gegen rechts

So war die Überschrift des Artikels, „Blondinen färben ihr Haar dunkel“, für sich genommen eigentlich eher geeignet, einwanderungskritische Leser anzuziehen. Immerhin sind im Laufe der letzten Jahre vielfach in entsprechenden Medien Berichte erschienen, wonach ein solcher Trend in skandinavischen Ländern bedingt sei durch vermehrte Angst vor sexuellen Übergriffen auf Frauen mit heller Haarfarbe.

In dem Interview mit Hanna Sundell selbst gab diese jedoch einige Antworten, die Balsam auf die Seele fortschrittlich gesinnter Leser in Deutschland sein mussten. So wünschte sich die Unternehmerin, dass „Kahlköpfe aus der Mode kommen“. Zwar bezog sich diese Äußerung in ihrem Gesamtzusammenhang nur darauf, dass Frau Sundell in einer bloßen Rasur hin zum Kurzhaarschnitt keine Herausforderung sehe – möglicherweise hat Relotius sie allerdings auch bewusst als „Dog Whistle“ für Leser inszeniert, die eine solche Haartracht als politisch bedenklich empfinden.

Während Arbeiter und Kleinunternehmer diesem auch in Finnland bei Wahlen in überdurchschnittlichem Maße zuneigten, gab Coiffeuse Sundell am Ende ein klares Statement gegen den „Rechtspopulismus“ ab, was Relotius wie folgt zitierte:

Ja, auch hier werden die Wohnungen teurer. Ich finde es richtig, dass Bürger dagegen protestieren, aber in der Politik wird das Thema auf verlogene Weise instrumentalisiert. Die Partei der ‚Wahren Finnen‘, die es mit ihrem Rechtspopulismus sogar ins finnische Parlament geschafft hat, geht damit auf Stimmenfang und behauptet, es seien Zuwanderer aus Russland und dem Baltikum, die für die hohen Preise sorgten. So ein Unsinn! Diese Leute sind meist so arm, dass sie sich hier sowieso nie eine Wohnung leisten könnten.“

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Fake-Knacki beschwert sich über „Ferienheim-Justiz“

Nicht nur die Interviews für die Monatsbeilage warfen jedoch Fragen auf, auch einige in der „NZZ am Sonntag“ erschienene Reportagen – Relotius schrieb für diese bis Juli 2014 – stellten sich im Nachhinein eher als Belletristik denn als Journalismus heraus.

So will sich Relotius im Frühjahr 2012 auf der norwegischen Gefängnisinsel Bastoy aufgehalten haben, auf der sich Häftlinge frei bewegen können, und dort mit dem Gefangenen Per Kastaad, „47 Jahre alt, graue Locken, breite Schulter, verschlagener Blick“, gesprochen haben. Dieser habe sich despektierlich über die dortige „Ferienheim-Justiz“ geäußert und um seine Verlegung in ein normales Gefängnis gebeten – der Bitte sei nach nur fünf Tagen entsprochen worden.

Der Gefängnisdirektor von Bastoy erklärte auf spätere Nachfrage eines Journalistenkollegen jedoch, einen Häftling dieses oder eines ähnlichen Namens habe es den Aufzeichnungen zufolge weder zum angegebenen noch zu einem anderen Zeitpunkt gegeben.

Auch einen albanischen Mitarbeiter des „Nationalen Versöhnungskomitees“ namens Jenva Bashi, der in Relotius‘ Artikel „Auge um Auge, Blut um Blut“ über die Blutrache in Albanien vom 9. Dezember 2012 eine bedeutende Rolle gespielt hatte, habe es der genannten NGO zufolge dort nie gegeben. Den Wollpullover und die Gummistiefel, die der 43-Jährige getragen haben soll, entsprechend wohl auch nicht.

Die Existenz zahlreicher weiterer Protagonisten wird sich, so meint die NZZ, möglicherweise nie verifizieren lassen. Das Ende der Zusammenarbeit mit der bekannten schweizerischen Zeitung war stellte für Relotius jedoch keinen Karriereknick dar: Deutsche Qualitätsmedien rollten ihm über Jahre hinweg noch ihre Teppiche aus.

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