Google „Don’t be Evil“ – Kein Tanz mit dem Wolf

Von 11. Juni 2006 Aktualisiert: 11. Juni 2006 23:34
„4. Juni“ – Verschärfte Internetkontrolle seit Chinas sensiblem Tag

Im chinesischen Kalender sind mehr Tage „rot“ angestrichen als bei uns. Die Chinesen sind aber nicht glücklicher, weil sie mehr Feiertage haben als wir. Im Gegenteil, solche rot markierten Tage bedeuten für viele Chinesen eher Unheil. In China werden sie „Ming Gan Ri“ genannt, auf Deutsch „sensible Tage“. Sie sind in den Augen des Regimes politisch besonders heikel, daher ergreift man in den Tagen davor besondere Maßnahmen, um das chinesische Volk noch intensiver zu kontrollieren. 

Der „4. Juni“ zählt zu eben solchen sensiblen Tagen. Seit dem Blutbad auf dem Platz des Himmlischen Friedens sind schon 17 Jahre vergangen, und noch immer sitzt im kommunistischen Regime die Angst fest, dass das chinesische Volk zu viel über diesen 4. Juni 1989 und das Massaker an den Studenten der demokratischen Bewegung auf dem Platz der Himmlischen erfahren könnten. Die überflutende staatliche Propaganda sprach nach dem Ereignis von der „Niederschlagung einer kontorrevolutionären Revolte“, bei der das Leben vieler Soldaten geopfert worden sei. Die auf mehrere hundert bis tausend geschätzten Studenten, die bei ihrem Einsatz für Demokratie das Leben ließen, wurden aber nicht erwähnt. Seit Jahren wird das Thema von offizieller Seite tot geschwiegen, und bis heute wird versucht, alle weiteren Informationen darüber zu blockieren.

Das Unheil für Chinas Internetbenutzer

Voller Begeisterung berichtete der chinesische Professor für Publizistik, Jiao Guobiao, kürzlich bei seinem Vortrag in Berlin über die „Atombombe“ Informationsfreiheit in China. Seit 2004 benutzt er spezielle Programme wie Dynapass, Ultrasurf, Freegate oder Garden Networks, um „Golden Shield“, Chinas dicken elektronischen Schutzschirm, zu umgehen. „Ich fühle mich so frei und glücklich, weil ich mit diesen Programmen die in China staatlich zensierten Nachrichtenseiten so ungehindert wie im Ausland lesen kann. Diese Programme sind eine wahre „Atombombe“ gegen die Internetblockade der KP! In China benutzen viele Korrespondenten ausländischer Medien aus meinem Bekanntenkreis auch diese Programme.“, so Prof. Jiao.

Schätzungsweise mehrere hunderttausend Chinesen kennen und benutzen diese speziellen Software-Programme. Im Vergleich zu den restlichen mehr als 200 Millionen chinesischen Internetbenutzer, die durch diese virtuelle Wand vom Rest der Cyberwelt abgeschnitten sind, konnten die wenigen Chinesen bisher genau so wie Prof. Jiao staatlich blockierte Nachrichtenseiten wie die von BBC, Radio Free Asia oder Epoch Times besuchen. Am 24. Mai dieses Jahres ist es dem Regime gelungen, diese Software aus dem Westen weitgehend zu neutralisieren. Mehrere Tage lang hatten auch die wenigen glücklicheren Chinesen keinen Zugang zu unzensierten Informationen. Der Exil-Chinese Bill Xia, Entwickler von Dynapass, sprach einem bisher unbekannten Ausmaß der Blockade. Das Regime habe in großem Umfang neue Technik und Software eingesetzt, so Xia. Am 1. Juni habe Dynapass eine neue Version herausgebracht, die allerdings noch nicht so effektiv arbeite wie die vorhergehende.

Den Benutzern der Suchmaschine Google ergeht es in diesen Tagen auch nicht besser. Seit dem 1. Juni können die chinesischen Internet-User nicht mehr auf die ungefilterte englische Version der Suchmaschine von Google, google.com, zugreifen. Chinas Zensur hat diese und sogar deren Nachrichten- und Maildienst blockiert. Nur die zensierte Version google.cn ist für sie zugänglich. In der von China genehmigten Version werden Ergebnisse mit politisch heiklen Informationen über Menschenrechte, die Tibetfrage, Falun Gong oder Kritik an der Kommunistischen Partei gar nicht erst angezeigt, während Google seine Kunden bis dahin noch wissen ließ, wenn ein Begriff zensiert war. Reporter ohne Grenzen kommentierte: „Es war zu erwarten, dass das [internationale] google.com schrittweise verdrängt wird, nachdem die zensierte Version im Januar gestartet ist.“ 

Kein Tanz mit dem Wolf  

Nach der Argumentation des Google-Gründers Sergey Brin wird zensierte Suchmaschine nur von rund einem Prozent der Anwender im Land genutzt, die Mehrheit habe bisher auf die unzensierte Seite google.com zurückgegriffen. Doch seine Aussage, „wir zensieren somit in China eigentlich nicht“, ist schon heute dadurch widerlegt, dass google.com sogar mit entsprechender Software nicht mehr erreicht werden kann. Google würde sich eventuell aus dem Geschäft in China zurückziehen, war von Gründer Brin in den letzten Tagen zu hören. Entspricht diese neuerliche Überlegung von Google nicht eher Googles Unternehmensprinzip „Don’t be Evil“, als wenn es sich auf den Tanz mit dem Wolf einlässt? 

Der nächste „Ming Gan Ri“ wird der 20. Juli sein. An diesem Tag vor sieben Jahren hat Chinas Regime die Meditationsbewegung Falun Gong verboten.



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