Nordkoreanische Studenten und Jugendliche am 6. Juni 2020 in Pyongyang bei einer Massenveranstaltung im Open-Air-Theater des Jugendparks Pjöngjang, bei der "Überläufer aus dem Norden" angeprangert werden.Foto: KIM WON JIN/AFP über Getty Images

Nordkorea: Kim Jong-un verschiebt militärische Vergeltungsmaßnahmen gegen Südkorea

Von 24. Juni 2020 Aktualisiert: 24. Juni 2020 13:05
Kim Jong-un hat einen bereits geplanten militärischen Vergeltungsschlag gegen Südkorea verschoben. Der militärische Generalstab Nordkoreas kündigte an, Truppen zum stillgelegten gemeinsamen Industriegebiet in Kaesong und zum Diamond Mountain zu schicken.

Nordkorea erklärte am heutigen Mittwoch (24. Juni), dass Kim Jong-un einen bereits geplanten militärischen Vergeltungsschlag gegen Südkorea verschoben habe.

Analysten vermuten, dass sich Nordkorea nach Wochen der absichtlichen Erhöhung der Spannungen möglicherweise nun gerade so weit zurückziehe, dass Platz für südkoreanische Zugeständnisse geschaffen werde.

Nordkorea zerstörte mittels Sprengungen am 16. Juni ein innerkoreanisches Verbindungsbüro auf seinem Territorium und drohte mit einer nicht näher spezifizierten Militäraktion, um Seoul wegen mangelnder Fortschritte in der bilateralen Zusammenarbeit und wegen Aktivisten, die Anti-Pjöngjang-Flugblätter über die Grenze schickten, zu maßregeln.

Militäraktion gegen Südkorea aufgeschoben

Machthaber Kim Jong-un habe am 23. Juni per Videokonferenz den Vorsitz bei einer Sitzung der Zentralen Militärkommission der regierenden Partei geführt, berichtete die offizielle Zentrale Nachrichtenagentur Koreas (KCNA) in Pjöngjang.

Dabei wurde von den Teilnehmern beschlossen, die von den Militärführern eingebrachten Pläne für eine Militäraktion gegen Südkorea aufzuschieben.

Die KCNA gab nicht an, warum diese Entscheidung fiel. Die Debatte beinhaltete der KCNA zufolge auch eine Stärkung der „Krieg-Abschreckungsmaßnahmen“ des Landes.

Südkorea: Bericht wird geprüft

Yoh Sang-key, Sprecher des südkoreanischen Wiedervereinigungsministeriums, erklärt, Seoul prüfe den Bericht des Nordens „eingehend“, gehe aber nicht weiter darauf ein.

Es sei der erste Bericht in den staatlichen Medien über eine Videokonferenz von Kim. Auf eine Frage, ob das etwas mit COVID-19 zu tun habe, gab Yoh keine konkrete Antwort.

Nordkorea behauptet, dass es im Land keinen einzigen Fall der Wuhan-Lungenseuche gegeben habe. Experten bezweifeln die Angaben.

Gemeinsames Verbindungsbüro seitens Nordkorea gesprengt

Kim Dong-yub, ein Analyst vom Seouler Institut für fernöstliche Studien, sagte, es sei wohl eher so, dass der Norden auf weitere Maßnahmen des Südens warte, um seine (aus eigener Sicht) starke Position zu retten, anstatt seine Haltung gegenüber seinem Rivalen zu lockern.

„Klar ist, dass der Norden sagte, die Militäraktion wurde verschoben, nicht abgesagt“, so Kim, ein ehemaliger südkoreanischer Militärbeamter, der an innerkoreanischen Militärverhandlungen teilnahm.

Andere Experten vermuten, dass der Norden etwas Großes vom Süden verlangen will; möglicherweise eine Zusage zur Wiederaufnahme der Arbeit in dem gemeinsamen, derzeit geschlossenen Fabrikpark in Kaesong, wo sich das Verbindungsbüro befand, oder zur Wiederaufnahme der südkoreanischen Touren im Resort Diamond Mountains.

Diese Schritte sind durch die internationalen Sanktionen gegen Nordkorea wegen seines Atomwaffenprogramms verboten.

Generalstab Nordkoreas will Truppen nach Kaesong und Diamond Mountain schicken

Das öffentliche Gesicht der jüngsten Angriffe Nordkoreas auf Südkorea war Kim Yo-jong, die Schwester des Machthabers Kim Jong-un, die als seine Spitzenvertreterin für innerkoreanische Angelegenheiten bestätigt wurde. Sie gab in den staatlichen Medien harsche Erklärungen ab und sagte, dass die Zerschlagung des Verbindungsbüros durch den Norden nur der erste in einer Reihe von Vergeltungsmaßnahmen gegen den „feindlichen“ Süden sei. Sie werde es dem Militär des Nordens überlassen, die nächsten Schritte einzuleiten.

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Der Generalstab des Militärs des Nordens kündigte an, Truppen zum stillgelegten gemeinsamen Industriegebiet in Kaesong und in die Diamond Mountains zu schicken. Die militärischen Übungen sollen in den Frontgebieten wieder aufgenommen werden.

Derartige Schritte würden eine Reihe von Vereinbarungen zunichte machen, welche die Koreaner 2018 während diplomatischer Gespräche getroffen haben und die es ihnen verbieten, feindselig gegeneinander vorzugehen.

Flugblattaktionen

Der Norden verurteilte den Süden auch wegen Aktivisten aus Nordkorea, die Anti-Pjöngjang-Flugblätter über die Grenze schickten. Als Reaktion habe Nordkorea 12 Millionen seiner eigenen Propagandaflugblätter gedruckt und werde diese als Teil einer bisher größten Anti-Seoul-Flugblattkampagne über dem Süden abwerfen.

In den Flugblättern, die meist mit Ballons über die Grenze geschickt werden, wird Nordkoreas Machthaber Kim Jong Un für Menschenrechtsverletzungen und seine Atompolitik kritisiert.

Es war nicht sofort klar, ob Kims Entscheidung, die Militäraktion zurückzuhalten, sich auf die Kampagne mit den Flugblättern auswirken würde. Das Militär des Nordens erklärte in diesem Zusammenhang, dass es die Grenzgebiete zu Land und zu Wasser öffnen und den Schutz der an den Flugblattaktionen beteiligten Zivilisten gewährleisten würde.

Südkorea hält die Sanktionen ein – Nordkorea ist frustriert

Der Norden hat in der Vergangenheit immer dann Druck auf den Süden ausgeübt, wenn er von den Vereinigten Staaten nicht bekommt, was er will.

Die jüngsten Schritte des Nordens erfolgten nach Monaten der Frustration über die mangelnde Bereitschaft Seouls, sich den von den USA geführten Sanktionen zu widersetzen und die innerkoreanischen Wirtschaftsprojekte wieder in Gang zu bringen, die seiner instabilen und nahezu kollabierten Wirtschaft Leben einhauchen würden.

Die Verhandlungen zwischen Pjöngjang und Washington kamen nach dem zweiten Gipfeltreffen von US-Präsident Trump und Machthaber Kim weitgehend zum Stillstand. Dort lehnten die Amerikaner Nordkoreas Forderungen nach größeren Entlastungen bei den Sanktionen im Tausch gegen eine teilweise Aufgabe seiner nuklearen Fähigkeiten ab.

Der Artikel erschien zuerst in The Epoch Times: North Korea: Kim Jong Un Suspended Military Retaliation Against South Korea (deutsche Bearbeitung ks)