Atomforscher im 1. Weltkrieg – Erlösung oder Verdammnis? (Teil 2)

Von 27. May 2018 Aktualisiert: 28. Mai 2018 11:53
Atomforscher Nils Bohr zur Zeit des 2. Weltkriegs: Was er sah, war ein Land, das von einem Rassisten und Despoten unterjocht worden war. Einer, der um jeden Preis unschädlich gemacht werden musste. Was sollten die Forscher tun? Eine geschichtliche Betrachtung von Manfred von Pentz zu Werner Heisenberg und anderen Atomforschern seiner Zeit (Teil 2).

Gott hat mich mir selbst anvertraut. Epictetus (AD 55 – 135)

Im Alter von nur zweiundzwanzig Jahren (1923) erhielt Werner Heisenberg eine Einladung nach Göttingen und dessen international berühmte Universität, um dort den Ausführungen eines hoch respektierten Wissenschaftlers zu lauschen. Der wollte, wie die zutiefst beeindruckte Zuhörerschaft vorab erfuhr, seine letzten Schlussfolgerungen mit Hinblick auf eine konsistente Quantum-Theorie erklären, welche die klassische Mechanik und Elektrodynamik auf atomarer Ebene ersetzen würde und so als adäquates Instrument zur Handhabung jeglichen Aspektes der atomaren Welt dienen konnte.

Der Mann war Nils Bohr, Direktor des Kopenhagener Instituts für Theoretische Physik. Während Heisenberg den Ausführungen folgte, bemerkte er in dem ganzen labyrinthischen Argument eine Inkonsistenz und wagte es, den großen Mann darauf hinzuweisen. Welcher sofort die intellektuelle Kapazität des jungen Studenten erkannte und ihn zu einem langen Spaziergang in den angrenzenden Hügeln einlud.

Im Verlauf des Treffens, das einige Stunden dauerte, verloren sich beide Männer in den unendlichen Feinheiten der neuen Wissenschaft. Für Heisenberg wurde die Tagung in Göttingen zu einer Zäsur. Seine gesamte wissenschaftliche Wahrnehmung, bis dahin auf einem rein klassischen Zugang gegründet, änderte sich über Nacht.

Ich verstand zum ersten Mal, dass das Wissen um eine begriffliche Kohärenz nicht aus der mathematischen Analyse der zugrunde liegenden Tatsachen bestimmt wird, sondern einer intensive Auseinandersetzung mit dem Phänomen, die es möglich machte, die inhärenten Beziehungen auf intuitive Weise zu erfassen.

Eine bedeutsame Freundschaft entwickelte sich zwischen den beiden Männern. Sie führte zu einer Zusammenarbeit, die deutliche Fortschritte bei der Aufgabe zuwege brachte, ein zunehmend kompliziertes nukleares Rätsel zu entschlüsseln. Als Heisenberg, gerade fünfundzwanzig Jahre alt, die theoretischen Grundlagen für ein funktionierendes Modell der sogenannte Quantenmechanik entwarf und damit erklärte, in welcher Weise ein Atomkern und seine zahlreichen planetaren Trabanten aufeinander einwirken, erweiterte Bohr diese Erkenntnisse und brachte sie zu einem praktikablen Abschluss.

Die Lage in Deutschland um 1930

Die vereinten Anstrengungen verursachten grosse Aufmerksamkeit in den internationalen wissenschaftlichen Veröffentlichungen und Heisenbergs Genie wurde entsprechend gewürdigt. Im Jahre 1927 nahm er die Stelle des Ordinarius oder ordentlichen Professors für theoretische Physik in der Universität Leipzig an. Es war das erste Mal in seiner Karriere, dass er seinen Lehrplan nach eigenem Ermessen gestalten und organisieren konnte. Er fand schnell einen Kreis von engagierten Anhängern und schuf weitreichende Kontakte in der Welt der Wissenschaft. Sein Ruhm war inzwischen derartig, dass Studenten aus allen Teilen der Welt anreisten, und er unterrichtete sie genauestens und gebrauchte ihre neu gewonnenen Fähigkeiten für seine eigene experimentelle Forschung.

Doch während er diesen höchst anspruchsvollen Tätigkeiten nachging, wurde jeden Tag deutlicher, wie die Welt um ihn herum dem Aufruhr und Untergang zustrebte. Bernard Baruch und seine Wall-Street Bankster, alle bereits maßgeblich mitverantwortlich für den Ausbruch des Ersten Weltkrieges, hatten 1928 den so genannten Schwarzen Donnerstag inszeniert, eine finanzielle Katastrophe, die sie unermesslich bereicherte und Millionen von Bürgern um ihre Ersparnisse brachte. Diese schreckliche Intrige löste eine weltweite Rezession aus, die mehr als ein Jahrzehnt andauerte. Sie hatte entsetzliche Auswirkungen für Deutschland, das sowieso schon kontinuierlich bis auf die Knochen von den verbrecherischen Versailles-Verträgen ausgeblutet wurde.

Auch geschah sie zu einer Zeit, als die ins Stocken geratenen Wirtschaft langsam wieder an Schwung gewonnen hatte. Mit der Folge, dass die Arbeitslosigkeit auf ein bislang unbekanntes Ausmaß hoch schnellte. Extreme Armut und Folgeerscheinungen wie Diebstahl, Prostitution oder gar Mord nahmen ständig zu. Ganze Bereiche der Gesellschaft begannen ideologischen Blöcke zu bilden, die sich radikal gegen einander aufstellten. Der von Moskau finanzierte kommunistische Spartakus-Bund kontrollierte ganze Stadtviertel mit gestohlenen Lastwagen, auf deren offenen Ladeflächen rote Kämpfer ihre Pistolen und Gewehre schwenkten. Hitlers braune SA-Truppen benahmen sich ähnlich in ihren eigenen Gebieten. Dies führte immer öfter zu weitläufigen Straßenschlachten, die geflissentlich von Polizei und Behörden übersehen wurde.

Die wenigen Reichtümer des Landes waren längst vereinnahmt worden durch eine Clique von Geldakrobaten, die genau wussten, wie man das allgemeine Leiden in großen persönlichen Gewinn umfunktionieren konnte. So mag es also nicht verwundern, dass sich in Berlin allein von den dortigen hundertundfünfzehn Banken nur ganze drei in rein deutschem Besitz befanden. Dieses sich stets wiederholende Szenario, basierend auf einem pathologischen Mangel an Mäßigung, krimineller Gier und der völligen Abwesenheit jeglicher humaner Überlegungen, spielte eine wichtige Rolle bei einer Entwicklung, die schließlich zu Hitlers Machtübernahme im Jahre 1933 führte.

Hitler wollte das Land aus dem Würgegriff der Geldakrobaten befreien

Der machte sich sofort an die Arbeit und konzentrierte die gesamte Exekutive des Landes in einer Hand, indem er das chaotische, zerstrittene und korrupte Parlament einfach abschaffte. Dies ermöglichte sofortige und weitreichende Reformen, einschließlich eines erzwungenen Exodus der Geldakrobaten.

Deren Würgegriff, einschließlich der Versailles Reparationen, wurde dieserart über Nacht gebrochen und ersetzt von einem sorgfältig ausgewogenen monetären System, das jedem ehrlichen und hart arbeitenden Bürger zugute kam. Das Ergebnis war atemberaubend. Innerhalb von nur drei Jahren stieg Deutschland wie ein Phönix aus der Asche. Seine Würde war wiederhergestellt, Recht und Ordnung stellten sich ein, und die Wirtschaft erholte sich und wurde stark und konkurrenzfähig.

Kein Wunder also, dass ein großer Teil der Bevölkerung in dem „Führer“ zunächst das sah, was er selbst zu sein glaubte, nämlich der von einer nicht näher definierten Gottheit eingesetzte Messias mit dem heiligen Auftrag, die Menschheit vor Vermorschung und Untergang zu bewahren. Dass dies allerdings nur mit Hilfe einer hehren Weißen Rasse geschehen konnte, die weniger lupenreine Völker praktisch in einen Zustand der Leibeigenschaft zwang, leuchtete zumindest den christlich gesinnten Deutschen nicht ein.

Die neue Religion – Hitler brachte eine neue Pseudo-Religion

Es war hier, dass die ersten schwerwiegenden Bedenken auftauchten und sich mit der Zeit zu einem klaren moralischen Dissens verdichteten. Denn alle halbwegs intelligenten Menschen, und insbesondere solche, deren Überzeugungen fest verwurzelt waren in der christlichen Ethik, kamen nicht umhin, ihren neuen Häuptling einerseits als Erretter aus Chaos und Ruin anzuerkennen, ihn andererseits aber auch als eine Art heidnischen Oberpriester zu sehen, der es auf das Gedankengut und Seelenheil seiner Untertanen abgesehen hatte. Versuchte er doch, dem Land eine ganz persönliche und völlig archaische Pseudo-Religion aufzuzwingen, die so weit von Christi Lehren entfernt war wie die Funken eines Scheiterhaufens von den Sternen des Himmels.

Ein Credo, das bald übermächtig in jeden Aspekt des täglichen Lebens sickerte. Wie zum Beispiel im entschieden katholischen Bayern. Hier hatten sich die Einwohner seit Urzeiten ein frohes „Grüß Gott“ zugerufen, wurden nun aber, wie im ganzen Reich auch, dazu angehalten, den rechten Arm hochzureißen und „Heil Hitler“ zu rufen. Auf der visuellen Ebene zeigte sich die neue Doktrin noch überwältigender. Das Kruzifix, bis dahin weit verbreitetes Symbol in Häusern, öffentlichen Gebäuden und selbst an Straßenrändern, ertrank praktisch in einem Meer von roten Fahnen, die in einem weißen Kreis das machtvolle Hoheitszeichen des neuen Herrschers führten.

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„Er hat die Arme unseres Kreuzes gekrümmt und zu einem Hakenkreuz verbogen, um so Christi Symbol der Liebe und des Mitgefühls durch ein Symbol der brutalen Macht zu ersetzen. Das Überleben des Stärkeren ist sein ehernes Gesetz, bestimmt von einer grausamen Natur, die Wölfe favorisiert und Lämmer verurteilt. Er beabsichtigt, eine Nietzscheanische Herrenrasse zu erschaffen, ohne dabei zu bedenken, dass sie in emotionaler Verödung untergehen wird.“

Wenn wir eins der irrealsten Kapitel der Menschheitsgeschichte betrachten, erscheint uns das Ausmaß der Selbstüberschätzung des Mannes schier unfassbar. Hier sehen wir uns konfrontiert mit einem Sterblichen, der sich grandioser erachtete als alle Reichs- und Religionsgründer vor ihm, Jesus Christus eingeschlossen. Einer, der nach seinem irdischen Ableben erwartete, jahrhundertelang in einem gewaltigen Tempel verehrt zu werden, vielleicht daselbst geisternd als Nachhall seiner selbst, während ein Hohlpriester in Stiefeln und schwarzer ϟϟ-Uniform zeitlose Weisheiten aus Mein Kampf für hunderttausend und mehr Gläubige zum Besten gab.

Das Gebäude, bis zu diesem Zeitpunkt die größte Versammlungsstätte der Welt, welche je erdacht wurde, bestand aus einer riesigen Halle, die zwischen 150.000 und 180.000 stehende Personen fassen konnte. Die Halle war im Wesentlichen ein Ort der Anbetung. Seine Idee bestand darin, im Laufe der Jahrhunderte durch Tradition und Verehrung eine Bedeutung zu erhalten wie es der St. Petersdom in Rom für die katholische Christenheit hat. Ohne diesen im Grunde pseudo-religiösen Anspruch wäre der enorme Aufwand sinnlos und unverständlich gewesen.

Heisenberg liebte Deutschland – was sollte er tun?

Die neue Ideologie machte auch nicht vor den Universitäten halt, und so geschah es bald, dass alle jüdischen Professoren oder Assistenten gezwungen wurden, Deutschland zu verlassen. Heisenberg bedauerte diese pauschale Ungerechtigkeit zutiefst und sprach sich offen dagegen aus. Aber als Kollegen ihn ermutigten, Deutschland ebenfalls den Rücken zu kehren, lehnte er das Ansinnen ab.

Ein Grund dafür war seine tiefe und fast mystische Liebe zu seinem Land, ein weiterer möglicherweise die Erkenntnis, dass die verjagten Kollegen mit Hilfe eines schwer durchschaubaren akademischen Netzwerkes ausgesprochen überproportional vertreten waren. Was auch immer die Antwort sein mochte, sie definierte fortan seine Position im Regime. Als ihm der Nobelpreis verliehen und er aufgefordert wurde, öffentlich seine Solidarität mit dem Führer unter Beweis zu stellen, lehnte er das Ansinnen ruhig aber entschieden ab.

Seine Position war von nun an prekär, aber sein berufliches Ansehen als einer der weltweit führenden Autoritäten auf dem Gebiet der nuklearen Wissenschaft bewahrte ihn vor möglichen Repressalien. Ein unbehaglicher status quo war das Ergebnis, und er fuhr fort, ungehindert zu lehren und zu forschen, während sein Ruhm stetig wuchs. Dieser recht beschauliche Zustand fand ein Ende im Jahre 1938, als ein wahrer Donnerschlag die wissenschaftliche Welt in ihren Grundfesten erschütterte.

Er geschah, als Otto Hahn, ein nuklearer Chemiker und Direktor des Berliner Kaiser-Wilhelm-Instituts, die erste Kernspaltung durch Beschuss eines Uraniumkerns mit Neutronen gelang. Seine Entdeckung ebnete den Weg für ein Konzept der nuklearen Kettenreaktion, welche versprach, sofern richtig gezähmt, eine derartig gewaltige Menge an Energie frei zusetzen, die jegliches menschliches Vorstellungsvermögen weit übertraf.

Als Werner Heisenberg das eher trockene Exposé in einer wissenschaftlichen Zeitschrift las, muss er sofort die tatsächliche Tragweite des Experiments erkannt haben. Und vielleicht fühlte auch er, wie die Erde unter seinen Füßen schwankte. Denn die Erfindung beinhaltete auf der einen Seite eine nahezu unerschöpfliche Quelle von Kernenergie für friedliche Zwecke, alternativ aber den Bau einer Bombe mit einer Sprengkraft tausend Mal stärker als aller bis dahin bekannten Waffen.

Es war der Moment, in dem ein schreckliches Verhängnis begann, sich zu entfalten, denn er wusste sehr genau, welche Art von Konfrontation früher oder später auf ihn zukommen würde.

Und sie kam.

Die leitenden Militärs im Heereswaffenamt hatten frühzeitig erkannt, dass Otto Hahns Entdeckung den Bau einer Bombe ermöglichen könnte, die allen bisher bekannten Waffensystemen bei Weitem überlegen war. Aber da das ganze Thema vorläufig noch in einer rein theoretischen Phase steckte und umfangreiche praktische Forschungen zum Beweis seiner Machbarkeit benötigte, wurde beschlossen, die Koordinierung aller Anstrengungen dem Mann zu übertragen, der am meisten bewandert schien in dieser komplexen Wissenschaft.

Das Deutsche Kernenergie-Projekt

Im September 1939 erklärte Großbritannien und Frankreich dem Deutschen Reich den Krieg, ein weitgehend unvorhergesehenes Ereignis, dass die Bedeutung moderner Waffentechnologien noch erheblich vergrößerte. Heisenberg erhielt die Aufforderung, sich im Heereswaffenamt zu melden, und während einer angespannten Sitzung wurde ihm mitgeteilt, dass die Möglichkeiten für eine praktische Nutzung der Kernspaltung ernsthaft überprüft werden müssten.

Der organisatorische Rahmen für das Unternehmen wurde schnell gefunden. Das Kaiser-Wilhelm-Institut für Physik in Berlin verfügte über alle nötigen Einrichtungen, und hier nahm das Deutsche Kernenergie Projekt seinen Anfang. Es hätte in kürzester Zeit, wie später in Amerika auch, zu einem wahren Koloss anwachsen müssen, ganz einfach deshalb, weil seine Protagonisten die weltweit fähigsten Nuklearphysiker waren und genau wussten, was vonnöten war, um eine Bombe zu bauen.

Aber das ganze Unternehmen blieb für immer in den Kinderschuhen stecken.

Grund für diese merkwürdige Situation war Werner Heisenberg selbst, der als Leiter des gesamten Projekts das Forschungsprogramm auf eine Art und Weise betrieb, die ihn, wäre sie von seinen Vorgesetzten durchschaut worden, sofort in die Verliese der Gestapo und, in logischer Folge, auf das Schafott befördert hätte.

Denn ihm war absolut klar, genau wie einer Handvoll von Wissenschaftler auf der ganzen Welt auch, welch grauenhaftes Monster sich daran machte, die globale Arena zu betreten. Nämlich eine Bombe mit einer derart zerstörerischen Kraft, die nach damaligen Kalkulationen ein Loch von einem Kilometer Tiefe und eine verglaste Landschaft mit einem Radius von fünfzig Kilometern verursachen würde. Fiele sie auf London oder Paris, bliebe kein Stein auf dem anderen und Millionen von Menschen würden in einem entsetzlichen Feuersturm zugrunde gehen.

Als Professor Hahn, der in Aussehen und Benehmen dem Patrizier einer Thomas Mann Novelle glich, kurz darauf bei Heisenberg vorsprach, erklärte er kategorisch: Ich würde eher sterben als die Bombe bauen!

Sicherlich eine moralisch einwandfreie Haltung, aber auch der einfachste Ausweg. Denn Heisenberg und der kleine innere Kreis seiner Mitarbeiter, alle Männer mit zutiefst ethischen Überzeugungen, wussten genau, was irgendwann passieren würde. Nämlich dass andere Länder sich weniger behindert fühlten durch moralische Beschränkungen und die monströse Waffe bauen würden. Vor allem die USA, wo so viele jüdische Wissenschaftler Zuflucht gefunden hatten nach ihrem erzwungenen Exodus aus Deutschland. Und die alle einen massiven Groll gegen das Land ihrer Geburt hegten.

Sollte er die Bombe für Hitler bauen? Oder doch nicht?

Von nun an überschattete ein furchtbarer Konflikt Heisenbergs Leben. Denn genauso wie er in der Lage war, auf wissenschaftlicher Ebene die kompliziertesten Schlussfolgerungen zu bewerkstelligen, verstand er auch alle Konsequenzen der politischen und moralischen Entscheidung, die er schließlich zu treffen hatte.

Deren Wahl aus zwei Alternativen bestand.

Nämlich aufrecht zu sein angesichts einer akuten Lebensgefahr für sich selbst und seine Mitarbeiter, indem er vorgab, das ganze Unternehmen sei nichts als eine Chimäre, die riesige Mengen an Geld und Arbeitszeit verschlingen und nirgendwo hinführen würde. All dies in dem klaren Wissen, dass andere Länder keinerlei Hemmungen hatten und ihr eigenes Atomprogramm mit größtmöglicher Geschwindigkeit vorantrieben.

Oder er baute die Bombe für Hitler in der Hoffnung, dass jener die entsetzliche Waffe niemals verwenden würde, sondern nur gebrauchte als den höchstmöglichen Stellenwert in einem Gleichgewicht des Schreckens, an dem niemand zu rühren wagte. Letzteres schien eine realistische Möglichkeit, immer vorausgesetzt, die Gegenseite hielt sich an die Spielregeln der Vernunft.

Denn was würde geschehen, wenn die Wall-Street Pharisäer und ihre politischen Marionetten in England und Amerika den Konflikt bis zu einem Punkt vorantrieben, an dem es kein Zurück mehr gab?

Ein ebenfalls durchaus denkbares Szenario, denn die wirklichen Strategen der alliierten Offensive gebrauchten ja ihr ungeheures Vermögen, wie jeder Eingeweihte wusste, seit jeher zu einer gewissenlosen und machtvollen politischen Einflussnahme, um ihre Ziele zu erreichen. Wie in diesem Fall eine Rückeroberung Deutschlands, dessen Banken und Märkte sie seit Jahrhunderten kontrolliert hatten, und dem sie sofort nach ihrem erzwungenen Exodus von 1933 den Krieg erklärten.

Sollte dies den Tod von Millionen unschuldiger Zivilisten und Soldaten auf beiden Seiten beinhalten, so war dies, wie bereits im Ersten Weltkrieg eindringlichst vorgeführt, ein Kalkül, dass sich problemlos in die generelle Strategie einfügte.

Heisenberg suchte Hilfe bei Nils Bohr in Kopenhagen

Ganz abgesehen von diesen Erwägungen ergab sich die quälende Frage, ob die Bombe einem Mann anvertraut werden konnte, dessen grundlegenden ethischen Perspektiven diametral zu Christi Botschaft der Liebe und des Mitgefühls standen. Ein Mann, der vorhatte, die humanistischen Errungenschaften der Welt radikal zu annulieren, um sie sodann mit einem heidnischen Götzenkult zu ersetzen und sich so einer Perversion und Verfälschung der göttlichen Ordnung schuldig machte (Pius XII). Ein Mann also, dessen messianisches Sendungsbewusstsein kombiniert mit einer pathologischen Selbstüberschätzung ihn zu einem unberechenbaren und unkontrollierbaren Verhandlungspartner machte.

Nun könnte jemand daherkommen und durchaus überzeugend darlegen, dass er, Werner Heisenberg, in keiner Weise verantwortlich gemacht werden könnte für die Entscheidung, was letztlich mit der furchtbaren Waffe geschah und wie sie verwendet würde. Eine leerer Trost jedoch, denn in der allerletzten Analyse war es immer er, und nur er allein, der die Voraussetzungen für seine Nutzung geschaffen hatte.

Von allen Verzierungen befreit und gesehen im grellen Lichte einer kalten und gnadenlosen Wahrheit, musste er sich eingestehen, dass es einzig und allein von ihm abhing, ob er das wohl größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte ermöglichte oder nicht.

Wie wir wissen, tat er es nicht …

Aber er unternahm einen letzten verzweifelten Versuch, um das Blatt zu wenden. Zutiefst deprimiert und nach langen Beratungen mit seinen engsten Mitarbeitern, entschied er sich dazu, Nils Bohr in Kopenhagen aufzusuchen. Dies geschah zu einer Zeit, in der die genaue Kenntnis darüber, wie Otto Hahns Entdeckung einer atomaren Kettenreaktion auf praktischer Ebene angewendet werden konnte, sich weltweit auf eine Gruppe von höchstens zwölf Wissenschaftlern beschränkte.

Heisenberg versuchte daher, Bohr von der dringenden Notwendigkeit zur Schaffung eines international bindenden Vertragswerkes zu überzeugen, das aus humanitären Gründen und für eine unbestimmte Zeitspanne alle weitere Forschung zur Herstellung der schrecklichen Waffe verbot.

Nils Bohr wanderte nach El Alamo aus

Ein völlig naives und sinnloses Bemühen, wie er nach seiner Rückkehr zugeben musste. Denn die beiden Männer hatten sich zu weit voneinander entfernt. So weit, dass nicht einmal ein Anhauch von ihrer einstigen Freundschaft übrig geblieben war. Bohr, dessen Mutter Jüdin war, hatte kein Verständnis für Heisenbergs subtilere Überlegungen hinsichtlich der Situation in Deutschland. Alles, was er sah, war ein Land, das von einem Rassisten und Despoten unterjocht worden war. Und einer, der um jeden Preis unschädlich gemacht werden musste. Seit langem informiert über die Entwicklungen in den USA, übersiedelte er nicht lange nach Heisenbergs Abreise dorthin und beteiligte sich intensiv an dem nuklearen Projekt in El Alamo.

Wieder zu Hause, täuschten Heisenberg und seine Freunde weiterhin die Behörden, so sehr, dass ihre Arbeit und die lächerlich geringen Mittel, die sie hierfür beantragten, das ganze Unternehmen zu einem völlig unbedeutenden Nebenschauplatz des stets mehr eskalierenden Krieges machte.

Deutschland, Gott sei Dank, kapitulierte, bevor die Bombe zur Anwendung kam, und es war das Privileg der Zivilisten von Hiroshima und Nagasaki, die ersten Zeugen seiner zerstörerischen Kraft zu werden.

Was Heisenbergs liebliches altes Würzburg betraf, so war sein Schicksal nur geringfügig weniger schrecklich.

Die Bombe als solche bekam noch drei Geschwister, eine jede mit immer schrecklicherer und verheerender Wirkung. Euphemistisch als Neutronenbombe, Wasserstoffbombe und Kobaltbombe bezeichnet, wurde die letztere nie getestet. Denn es besteht der Verdacht, dass sie möglicherweise eine Kettenreaktion auslöst, die erst endet, nachdem die gesamte Erdoberfläche in eine glühende Wüste umgewandelt wurde. Wobei gemunkelt wird, dass Bibi und seine Likudniks eine unter dem Bett versteckt haben… für alle Fälle.

Was die Hebammen der schrecklichen Vier anbelangt, so waren dies Robert Oppenheimer, Edward Teller, Samuel T. Cohen und Leo Szilard.

Und vielleicht bedurfte es einer Klasse von Männern, die gänzlich unbelastet von den ethischen Beschränkungen unseres christlichen Glaubens ihre jeweiligen Erfindungen zu einem praktischen Abschluss bringen konnten. Obwohl ich nicht wissen möchte, was geschah, nachdem sie ihre irdischen Hüllen abgelegt hatten und auf der Schwelle zum Jenseits mit ihren Verbrechen konfrontiert wurden. Sieht man in ihre Gesichter, mögen sie bereits eine Ahnung von dem gehabt haben, was auf sie zu kam.

Was Werner Heisenberg betrifft, kann man nur vermuten, wie sehr er für den Rest seines Lebens gelitten hat. Denn sicher ist, dass er nie geahnt haben konnte, welch entsetzliches Ausmaß die Verwüstung seines Heimatlandes letztlich annehmen würde.

Als er jedoch an die Tore des Paradieses klopfte, ist davon auszugehen, dass er ohne grosse Verzögerung eingelassen wurde.

Erstveröffentlichung auf:

www.Der deutsche Michel.net

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