Fake-News-König Relotius: Sinnbild für Merkel-Deutschland wie „Hauptmann von Köpenick“ für den Wilhelminismus

Von 1. Januar 2019 Aktualisiert: 1. Januar 2019 11:45
Alexander Wendt vom Blog „Publico“ hält die Empörung von Journalisten über ihren geschassten Kollegen Claas Relotius für scheinheilig: Nicht er als Person sei das eigentliche Problem, sondern der Typus des Haltungsjournalisten, den er verkörpert.

In einem Kommentar auf seinem Blog Publico fordert Alexander Wendt „Gerechtigkeit für Claas Relotius“. Für ihn steht fest:

„In der Art und Weise, wie jetzt viele über Relotius als Person und nicht als Typus herfallen, zeigt sich eine tiefe Ungerechtigkeit.“

Die Geschichte von Claas Relotius sei eine Wahrheitsgeschichte. Sie greife wie alle Geschichten, die eine ganze Szenerie erleuchteten, weit über ihren Ursprung hinaus. Die Figur Relotius selbst sei „eine serielle, und deshalb erzählen wir seine Geschichte, um es mit Thomas Mann zu sagen, um ihretwillen, nicht seinetwegen, denn er ist simpel“.

Immerhin sei das problematische an der Affäre rund um Jürgen Schneider auch nicht dieser selbst, sondern jene Banker, die es nie gemerkt haben wollen, dass seine Angaben über die Quadratmeterzahl der Zeilgalerie in Frankfurt am Main sogar von seinen eigenen Baustellenschildern erheblich abwichen. Und auch im Fall des Kunstfälschers Wolfgang Beltracchi sei nicht dieser selbst die eigentlich handelnde Figur gewesen, sondern „Kunstsachverständige, Museumsdirektoren und Sammler, die unbedingt daran glauben wollten, dass jemand einen unbekannten Max Ernst und einen nie gesehenen Franz Marc nach dem anderen aus einer Alibabahöhle ziehen konnte“.

Der Fall Relotius wiederum jedoch besitzt, zitiert Wendt seinen Kollegen Bernd Zeller, „für die merkelistische Bundesrepublik mindestens die gleiche Signifikanz wie der Marsch des Hauptmann von Köpenick für das wilhelminische Deutschland“. Schreiber Relotius sei „eine so überragende Wahrheitsfigur wie des seinerzeit Schuster Voigt war, der an die Stadtkasse nur kommen konnte, weil er in die richtige Hülle schlüpfte und Haltung zeigte“.

„Extramessbecher Kitsch macht das Gute garantiert besser bekömmlich“

Relotius hat, so beschreibt es Wendt, den Katechismus des deutschen Haltungsjournalismus und des Juste Milieus, dessen Befindlichkeiten dieser artikuliert, im Grunde nur durch Kreativität und angenehmes Wortgeklingel besser verdaulich machen wollen:

„Jede im eigenen Sud gargezogene Bewegung folgt einem Katechismus. Im Fall des deutschen guten medienwirklichkeitsschaffenden und sehr unvielfältigen Milieus kann der Katechismus flott heruntergebetet werden: Rechts ist schlecht, und der rechte Rand beginnt mit Alice Schwarzer und Boris Palmer, Ostler sind schlecht, denn sie sind nicht so wie wir, wer aus dem globalen Süden nach Europa kommt, ist ein Flüchtling und bringt ein goldenes Herz mit, Trump ist dumm und dumpf und sein Ende seit 2016 nur eine Frage von Tagen, der Kapitalismus ist unser Unglück, und wahrlich, jede Wärme, Kälte, Nässe und Trockenheit ist ein untrügliches Zeichen der Klimakatastrophe, außerdem sind die Juden in Israel schuld an aller Gewalt im Nahen Osten.

Um diesen immergrünen Erkenntnissen zu genügen, sind Hinzufügungen, Weglassungen, Ausschmückungen wie gelegentliche Kompletterfindungen nicht nur erlaubt, sondern geboten, und der Extramessbecher Kitsch macht das Gute garantiert besser bekömmlich.“

Was Relotius sich geleistet habe, sei jedoch weder neu noch für deutsche Leitmedien untypisch. Vielmehr gab es schon viele Fälle, in denen ein kolportierter Sachverhalt und die moralische Haltung, die man als deutscher Journalist einzunehmen hatte, so klar erschienen wären, dass ein kritisches Nachfragen gleichsam als unanständig gegolten hätte.

Der Skandal von Sebnitz: Mit Fake-News ins neue Jahrtausend

Wendt blickt zurück auf mehrere Medienskandale seit der Jahrtausendwende, und diese verbindet sich gleich mit einem besonders gravierenden Fall von Kompletterfindung. Am 13. Juni 1997 war der sechsjährige irakisch-deutsche Junge Joseph Kantelberg-Abdullah im Freibad von Sebnitz ertrunken. Im November 2000 berichteten die ersten Medien von Haftbefehlen der Oberstaatsanwaltschaft in Dresden, die verhängt worden waren, nachdem Zeugenaussagen – die der bekannte Kriminalist Christian Pfeiffer in einem Gutachten als glaubwürdig beurteilte – davon gesprochen hatten, dass mehrere Dutzend Skinheads den Jungen vor den Augen hunderter Badegäste ertränkt hätten.

Die „Bild“ schlagzeilte „Neonazis ertränken Kind“, die „taz“ mit „Badeunfall erweist sich als rassistischer Mord“ und die „Süddeutsche“ nahm die Behauptung zur Grundlage für eine Berichterstattung, die das angebliche tatenlose Schweigen eines gesamten Ortes anprangerte („Erstickt in einer Welle des Schweigens“).

Über Monate hinweg stand die „rechte Gefahr“ im Mittelpunkt der Medienberichterstattung. Der damalige Kanzler Gerhard Schröder, der erst wenige Monate zuvor nach dem – bis heute noch nicht aufgeklärten – Rohrbombenanschlag auf eine S-Bahn in Düsseldorf zum „Aufstand der Anständigen“ aufgerufen hatte, empfing die Mutter des angeblichen Mordopfers sogar persönlich.

Erst im Februar 2001 stellte sich heraus, dass es den angeblichen „Nazi-Angriff“ nie gegeben hatte und das Kind beim Schwimmen einen Herzinfarkt erlitt. Die Mutter hatte im Zuge der Ermittlungen zuvor einen angeborenen Herzfehler des Jungen verschwiegen. Selbstverständlich konnte man von den Medien nur schwerlich erwarten, eine Todesursache zu erkennen, die Medizin und Justiz zuvor über drei Jahre nicht entdeckt hatten.

Der erfundene Naziüberfall von Mittweida

Dass es jedoch kaum ein Medium für erforderlich hielt, bezüglich der Geschichte von dem „rassistischen Mord“ kritisch nachzuhaken, war aber umso skandalöser. Offenbar war das Bild vom neonazistisch durchdrungenen Osten, wo sich Skinheads und fremdenfeindliche Gewalttäter der Rückendeckung durch die schweigende Mehrheit sicher sein könnten, deutschen Journalisten deshalb als so plausibel erschienen, weil sie selbst daran glauben wollten. Konsequenzen für die an der Kampagne beteiligten Medienverantwortlichen gab es kaum.

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Ebenfalls in Sachsen, genauer in Mittweida, behauptete im Jahr 2007 ein 17-jähriges Mädchen, sie sei von Neonazis überfallen worden, die ihr ein Hakenkreuz in die Hüfte geritzt hätten. Auch hier waren „Zeit“ und ähnliche Formate schnell mit überregionaler Berichterstattung bei der Hand und berichteten von den Behauptungen als nachgewiesenen Tatsachen, obwohl es in den Aussagen des Mädchens Ungereimtheiten gab und die Ermittlungen erst am Anfang standen. Eine damalige Korrespondentin der „Süddeutschen“ erfand noch vermeintlich tatenlos zusehende Passanten dazu. 

Am Ende stellte sich heraus: Das Mädchen hatte den gesamten Vorfall erfunden. Im Jahr 2010 wurde sie wegen Vortäuschung einer Straftat rechtskräftig verurteilt. Selbstreflexion bei den Medien: Fehlanzeige.

Wendt nennt noch eine Vielzahl weiterer Fallbeispiele für Journalismus, bei dem der Drang, Haltung zu zeigen, auf Kosten der Faktentreue und der Qualität der Recherche ging.

„Erster Pegida-Toter“ immer noch als solcher im Netz

Darunter fällt auch der dem „Stern“ zufolge „erste Pegida-Tote“ im Jahr 2015 – ein erstochener Asylbewerber, der jedoch, wie sich am Ende herausstellte, von einem anderem Asylbewerber getötet worden war. Oder die Praxis nach der Silvesternacht 2015, als tagelang Schweigen in überregionalen Medien herrschte, ehe das ZDF mit der „unbequemen Wahrheit“ herausrückte, dass beim Oktoberfest in München jährlich von einer Dunkelziffer von 200 Vergewaltigungen auszugehen wäre – was die Übergriffe von Köln doch deutlich relativieren würde. Der „Tagesspiegel“ unterstellte Frauen gar, mit erfundenen Anschuldigungen zu operieren, um die Abschiebung von „Schutzsuchenden“ zu erreichen. Weder die Oktoberfest-Story noch jene von den falschen Anschuldigungen stimmten auch nur annähernd.

Verdrehte Aussagen von Frauke Petry, Fake-News über Israel bei Bento, gefälschte Broder-Zitate, „Hetzjagden“, die es nie gab – die Liste lässt sich verlängern und Alexander Wendt nannte wohl lediglich ein paar exemplarische Fälle.

„Selbst, wer nur eine Auswahl von Relotiosiaden vor Relotius in den deutschen Medien durchgehen will“, erklärt er selbst, „muss sich irgendwann mit Stichpunkten begnügen, weil der Text sonst ausufert“.

„Einen Belastungszeugen vom Hals schaffen“

In keinem der aufgezählten Fälle hätten die Erfindungen, Auslassungen, Verdrehungen und unbewiesenen Behauptungen zu irgendwelchen personellen Konsequenzen geführt. Korrekturen wurden im Kleingedruckten versteckt, sofern es sie überhaupt gab. Vor diesem Grund habe Relotius nur den Fehler gemacht, etwas zu dick aufgetragen zu haben, sodass es aufzufallen begann:

„Alle aufgezählten Varianten der Wirklichkeitsbearbeitung stehen für die Verdrängung der Beschreibung durch das so genannte Narrativ und der Distanz durch das Wichtigmachen des Erzählers, sie stehen also für das Typische und Erwünschte und nicht für die Ausnahme und den Unfall. Warum sollte also ausgerechnet an Claas Relotius ein Exempel statuiert werden?“

Sollte der althergebrachte deutsche Medienbetrieb Claas Relotius verstoßen, meint Wendt, dann nur, um sich einen Belastungszeugen vom Hals zu schaffen. Sein Fazit:

„In einem Land, in dem keine angestammten Öffentlichkeitsrollen mehr eine Rolle spielen, in dem Journalisten als Hilfspolitiker auftreten und Politiker als Falschnachrichtenproduzenten, in dem EKD-Ratspräsident Heinrich Bedford-Strohm mühelos die Kommentare der ‚Süddeutschen‘ und Heribert Prantl die Predigten der EKD schreiben könnte, in einem Mediendeutschland, in dem es bei Qualitätsmedien als geradezu irre Idee gilt, eine Nachricht über Migranten, die AfD, Trump und Ostdeutschland nicht zu stauchen, zu strecken, zu drehen, zu wenden, zu färben und mit einem Spin zu versehen, in dem es als üblich gilt, die Medien als ‚Missionsriemen‘ (Cora Stephan) zu verstehen und als lässlich, notfalls für das Gute zu lügen, in diesem Land muss es auch einen angemessenen Platz für Claas Relotius geben. Er verdient eine Kolumne, wenn nicht beim Spiegel, dann anderswo. Oder einen Posten bei ‚Monitor‘, dessen Chef Georg Restle weiß, dass Journalisten sich nicht erst mit der guten Sache gemein machen müssen, weil sie selbst schon die gute Sache sind.“

 

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