Hunderttausende auf Friedensdemo: „Ich bin für Russland, aber gegen Putin“

Von 28. Februar 2022 Aktualisiert: 1. März 2022 10:09
Mit Schildern wie „Stoppt den Krieg“ und ukrainischen Flaggen demonstrierte eine bunte Menschenmenge aller Altersgruppen, auch Familien gemeinsam mit ihren Kindern, entlang der Flaniermeile Unter den Linden, an der russischen Botschaft durch das Brandenburger Tor hindurch bis zur Siegessäule. Aufgrund der hohen Teilnehmerzahl kam es zu Verkehrseinschränkungen im Berliner Stadtzentrum. 

In Berlin sind am Sonntag Hunderttausende Menschen bei einer Antikriegsdemo auf die Straße gegangen. Ein Bündnis unter anderem aus Friedens-, Menschenrechts- und Umweltschutzorganisationen sowie Kirchen und Gewerkschaften hatte angesichts des Krieges in der Ukraine zu der Demonstration aufgerufen. Das Veranstalterbündnis selbst sprach später von 500.000 Teilnehmern – offiziell wurden Zahlen in dieser Größenordnung zunächst nicht bestätigt.

Die Demonstranten forderten den russischen Präsidenten Wladimir Putin auf Plakaten und in Redebeiträgen auf, den Krieg in der Ukraine zu beenden und sich aus dem Land zurückzuziehen. Zudem wurden Forderungen an die Bundesregierung formuliert, die Grenzen für Flüchtlinge aus der Ukraine offenzuhalten.

Zudem wurde an die Bundesregierung appelliert, den Ausstieg aus fossilen Brennstoffen voranzutreiben und als friedenssichernde Maßnahme massiv in erneuerbare Energien zu investieren. Außerdem setzte sich das Bündnis nach Veranstalterangaben dafür ein, dass die Grenzen offen bleiben, die Visa-Freiheit weiter besteht und Deutschland Flüchtende aus der Ukraine aufnimmt.

Erwartet waren im Vorfeld etwa 20.000 Teilnehmer bei der Kundgebung auf der Straße des 17. Juni an der Siegessäule. Etwa 400 Polizeikräfte waren im Einsatz. Die russische Botschaft wurde in besonderem Maße polizeilich geschützt.

„Die Ukrainer sind unsere Nachbarn und auch Brüder“

Die Berlinerin Iwona Jankiewicz (35), aus Polen stammend und seit 14 Jahren in Deutschland lebend, war auch auf der Friedensdemo. Die Büroangestellte erklärt: „Die Ukrainer sind unsere Nachbarn und auch Brüder, die, wie wir 1939, jetzt verlassen wurden. Wir wollen jetzt zeigen, dass wir es nicht so machen wie die anderen damals und definitiv auch für die Ukrainer da sind. Dass wir helfen, wenn wir helfen können.“ Ihre Eltern leben in Polen. Sie würden dort auch die Ukrainer unterstützen. „Sie geben Lebensmittel an der Grenze an die Ukrainer raus.“

„Wir versammeln uns hier, um uns für den Frieden in der Ukraine einzusetzen“, sagte sie weiter. „Mein Freund erstellt gerade eine Webseite als Plattform für verschiedene Hilfsleistungen. Wenn beispielsweise Ukrainer per Annonce eine Wohnung oder Hilfe beim Transport suchen, können sie dort eine Anzeige aufgeben.“ Man wolle die Leute einfach nicht im Stich lassen. Jankiewicz hat den Eindruck, dass die ganze Welt die Ukraine im Stich gelassen hat. „Man könnte alles schneller in die Wege leiten und noch schneller Waffen liefern, den Luftraum der Ukraine schützen. Die Ukraine schafft es nicht alleine“, sagte sie.

„Die Bundesregierung hat ein paar Sachen richtig gemacht, aber sie haben zu langsam gehandelt. Außerdem kaufen sie weiterhin Gas und Öl von Russland. Man will einfach keine Nachteile haben. Das kann ich nicht nachvollziehen. Jeder kann doch ein bisschen einstecken. Dadurch wäre Russland dann von der ganzen Welt [aus]gegrenzt und könnte es dazu bringen, den Krieg zu beenden. (…) Ich wünsche der Ukraine, dass sie unabhängig bleibt und der Krieg schnellstmöglich vorbei ist.“

Zu einer möglichen Schuld des Westens an dem Konflikt, die manche Politiker als auch Historiker sehen, erklärt sie:

„Die Ukraine ist ein Staat, der von Russland unabhängig ist, und er sollte selbst entscheiden können, wo er Mitglied sein möchte oder nicht. Also ich denke, man hätte damit den Krieg langfristig nicht verhindern können… Die Ukraine ist neutral, sie ist kein NATO-Mitglied und trotzdem führt Russland jetzt Krieg gegen sie. Also das ist für mich keine Entschuldigung.“

Das sieht auch Christian Wenk (50) so. Er ist selbständig und nimmt mit seiner Frau und seinen zwei Kindern ebenfalls an der Friedensdemo teil.

„Na, ich denke, freie Staaten sind freie Staaten. Mein Traum wäre es, Russland in die NATO aufzunehmen. Ich glaube, dann wäre es wahrscheinlich ein sehr ausgewogenes Verhältnis.“ Es wäre dann auch gar kein Thema mehr, dass Deutschland zwei Prozent vom Bruttosozialprodukt in das Militär stecke.

Als ein gutes Beispiel für seine Kinder vorangehen

Mit seiner Teilnahme will er als gutes Beispiel für seine Kinder vorangehen. „Man wird sicherlich nicht den Krieg verhindern können oder im Großen und Ganzen etwas ändern können. Aber je mehr Leute hier auf die Straße gehen und sich Richtung russische Botschaft bewegen, umso mehr kann man ein Zeichen setzen, dass das, was in der Ukraine geschieht, die Menschen hier interessiert. Dass den Menschen wichtig ist, was in Europa passiert.“

Er wünscht sich, dass die russische Bevölkerung aufwacht und beginnt, an ihrer eigenen Regierung zu „sägen“, weil es die russische Bevölkerung ja im Großen und Ganzen treffe. „Also wenn Montag die Börsen aufmachen und die großen Kurseinbrüche da sind, dann trifft dies das gesamte Volk.“ Er hofft, dass es eventuell eine Kursänderung gibt, aufgrund der Bevölkerung, die auch Druck ausüben sollte.

Ob er den Eindruck hat, dass das russische Volk geschlossen hinter dem Krieg gegen die Ukraine steht: „Definitiv nein. Ich glaube, die Desinformation ist da so groß, dass das Gefühl für den Krieg und für Putin ein ganz anderes ist als im restlichen Europa.“

„Auf meine Heimatstadt wurde geschossen“

Natalie Herrmann (58) stammt aus der Ukraine. Sie arbeitet als Pflegerin in einem Wohnheim. Sie berichtet: „Meine Mutter, meine beiden Töchter, mein Enkelsohn und meine Enkeltochter wohnen in der kleinen ukrainischen Stadt Alisivka (Алісівка) 60 km entfernt von der ukrainisch-russischen Grenze. Seit vier Tagen wird dort mit Panzern und Artillerie geschossen. Meine Kinder, meine ganze Familie hält sich dort im Keller auf.“

Auf ihre Heimatstadt sei von russischer Seite aus dem Grenzgebiet geschossen worden. „Wenn ich dort anrufe, nimmt keiner ab. Denn sie sind im Keller und von dort aus gibt es keine Verbindung.“

Auf eine mögliche Kapitulation der Ukraine angesprochen erklärt sie: „Damals, als der Donbass übernommen wurde oder die Krim, dachte niemand in der Ukraine, dass sie schießen würden. Denn es waren ja unsere Brüder, ein guter Nachbar. Aber es ist kein guter Nachbar, es ist ein Feind, ein echter Feind.“ Fast acht Jahre schon sitze man dort im Donbass sprichwörtlich im Keller.

„Aber die jungen russischen Soldaten, die dort jetzt an die Front geschickt werden, sie tragen keine Schuld.“ Für die russischen Mütter sei es auch eine Katastrophe, dass ihre Söhne nun in der Ukraine im Kampf sterben. Sie geht davon aus, dass nur die Hälfte der russischen Bevölkerung hinter dem Krieg steht. Sie kennt aber auch Russen, die eigentlich mit Ukrainern befreundet sind, aber jetzt sagten: „Die Ukrainer haben dies verdient!“

Die Schuld an dem Krieg sieht sie nicht bei den Ukrainern und ihrem Wunsch, der NATO beizutreten. Denn sie würden ja nur der NATO beitreten wollen, um vor Russland in Sicherheit zu sein. Ihr größter Wunsch sei, dass dieser Krieg endet. „Ich will, dass unser Volk Ruhe hat vor Russland.“

„Ich bin für Russland, aber gegen Putin“

Jewgenija (19), eine Berliner Studentin aus Russland, erklärt: „Ich bin für Russland, aber gegen Putin. Ich verstehe nicht, warum er das macht. Alle Russen wollen keinen Krieg. Und ich möchte, dass alles so schnell wie möglich gestoppt wird.“

Ihre Freundin, eine Halbrussin, ergänzt: „Also bei weitem nicht alle Russen stehen hinter Putin.“ In Russland würden leider alle Menschen, die auf die Straße gehen, festgenommen. „Das ist auch ein Grund, warum ich hier bin.“ Sie sei froh, protestieren zu können, ihre Meinung zu sagen. „Aber in Russland gibt es diese Möglichkeit einfach bedauerlicherweise nicht.“

Es gebe sehr viele mutige Menschen, die trotzdem auf die Straße gingen, aber auf die warte dann auch ein schreckliches Schicksal, so die Studentin. „Und ich, obwohl ich nur halb Russin bin und hier wohne, habe die Möglichkeit, etwas zu sagen. Auch deshalb bin ich heute hier.“

Mit Material von afp.



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