Douglas Murray über den „Wahnsinn der Massen“: Warum irre Ideologien unsere Gesellschaft zerstören

Von 18. September 2019 Aktualisiert: 18. September 2019 19:09
Am kommenden Dienstag (24.9.) kommt die deutsche Fassung des neuen Buches des britischen Ideologiekritikers Douglas Murray in den Handel. In einem Gespräch mit „Tichys Einblick“ erklärt er, warum hinter dem Bestreben, Menschen durch Political Correctness zu „moralischem“ Handeln zu zwingen, eine Form des religiösen Fanatismus steckt – und vielfach Hass auf die Gesellschaft.

Offenbar gezielt ins zeitliche Umfeld von „Klimastreiks“ und Diktatur-Reden gealterter Popstars hat der Finanz Buch Verlag den Veröffentlichungstermin seiner Übersetzung des Buches des britischen Autors Douglas Murray, „Wahnsinn der Massen: Wie Meinungsmache und Hysterie unsere Gesellschaft vergiften“, gelegt, die am kommenden Dienstag (24.9.) in den Handel kommt.

Im Vorfeld der Veröffentlichung hat Murray auch mit dem Herausgeber der Blogplattform „Tichys Einblick“, Roland Tichy, und mit Satiriker Achim Winter gesprochen. In dem Gespräch hat er über seine Einschätzungen der Ursachen und Wirkungen von Denkweisen Auskunft gegeben, die in der westlichen Welt zunehmend das Zusammenleben in der Gesellschaft belasten.

Murray sieht darin das „Bestreben, eine neue Metaphysik bzw. Religion im Westen einzuführen, beruhend auf Säulen wie Anti-Rassismus, Anti-Sexismus, Anti-Homo- oder Transphobie, und um zu beweisen, dass man ein guter Mensch ist, muss man sich dieser unterordnen.“ Er könne nicht beschreiben, wo das dahinterstehende Denken herkomme, aber er sehe, was es im praktischen Leben für Auswirkungen habe.

Dabei lägen die grundlegenden Widersprüche auf der Hand: Jedes der behaupteten Rechte, für das sogenannte Social Justice Warriors zu kämpfen vorgeben, laufe einem anderen zuwider und man „versucht uns dazu zu zwingen, an etwas zu glauben, was wir nicht sehen oder woran wir nicht glauben wollen oder können“.

Nicht möglich, alle Forderungen ohne Verlust der Selbstachtung zu erfüllen

Obwohl die jungen Menschen, die sich an Bestrebungen dieser Art beteiligen, regelmäßig alles andere als fromm seien, erfüllten die gegenwärtigen Massenhysterien alle Merkmale einer Religion, bis hin zum Umgang mit Häretikern.

„Manche Leute haben die Entwicklung unterschätzt und gemeint, sie könnten den Protagonisten dieser neuen Religion ja zumindest etwas entgegenkommen“, diagnostiziert Murray in Anbetracht der geringen Widerstände, die es insbesondere aus bürgerlichen Kreisen dagegen gegeben hatte, „aber dann kommt immer wieder von Neuem Forderung auf Forderung auf Forderung…“

Es sei aber schlichtweg nicht möglich, alle diese Forderungen zu erfüllen, ohne den eigenen Verstand und die eigene Selbstachtung aufzugeben.

Über US-amerikanische Universitäten habe sich erst in jüngerer Zeit ein Denkansatz über den gesamten Westen ausgebreitet, wonach man eine Gesellschaft am besten deuten könne, indem man betrachte, wer „privilegiert“ und wer „unterdrückt“ sei – wobei der Status des „Unterdrücktseins“ von der Zugehörigkeit zu Rasse, Geschlecht, sexueller Orientierung und einigem mehr anhänge. Wenn es gelänge, diese gesamte „Unterdrückungszusammenhänge“ zu „dekonstruieren“, würde nach der Vorstellung der Urheber dieses Narrativs am Ende offenbar irgendein Zustand ewiger Gerechtigkeit oder weltweiter Fairness oder wessen auch immer einkehren.

Populärkultur als Verstärker

Es sei zu verstehen, dass junge Menschen für Ideen dieser Art empfänglich seien, die mit der Finanzkrise 2008 aufgewachsen seien oder den Eindruck gewonnen hätten, der Kapitalismus funktioniere für sie nicht in der Weise, wie man es ihnen vorausgesagt habe. Wenn es ihnen schon nicht gelänge, ihr eigenes Leben in die gewünschte Richtung zu bewegen, hätten sie immerhin die Gewissheit, über das richtige Rezept zu verfügen, um die Welt in die richtige Richtung einer „globalen Gerechtigkeit“ zu führen. Das sei ein Trugschluss, meint Murray:

Das Problem daran ist: Es wird nicht funktionieren. Im Gegenteil: Der Versuch, die Welt besser zu machen, macht die Situation nur noch immer schlechter.“

Es werde der Eindruck vermittelt, die Gesellschaft befände sich in einem permanenten Kriegszustand gegen irgendwelche Minderheiten. Dabei würden die vermeintlichen Diskriminierungsanlässe selbst zur Waffe im politischen Kampf gemacht gegen alles, was man als die angebliche Wurzel des Problems betrachtet. In diesem Fall sei das die „weiße, männliche, patriarchalische Kultur“.

Das dahinterstehende Denken habe vor allem im Laufe der vergangenen zehn Jahre metastasiert. Es gehe von intellektuell sehr schwachen, aber gut vernetzten Urhebern mit Zugang zu Multiplikatoren aus. Neben den Universitäten fungiere auch die Welt der Populärkultur als Verstärker. Hollywood, Musikindustrie und Medien erweckten den Eindruck, das verquere Denken verwirrter Fanatiker entwickele sich zur neuen Normalität.

Spalten, Zerstören, Zersetzen

Als besonders abstruse Beispiele dafür nennt Murray Überschriften der „New York Times“ wie jene zu einem Artikel über die Frage „Ist es in Ordnung, wenn mein Kind mit weißen Kindern spielt?“ oder einem Beitrag des „Guardian“ über Verkehrstote unter Fahrradfahrern, der die Frage aufwirft, warum „Männer Straßen bauen, auf denen Frauen sterben“. Da stelle sich die Frage, warum in aller Welt man überhaupt daran arbeite, derartig verquere Weltsichten zu entwickeln.

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Tatsächlich gehe es nicht einmal um tatsächliche Benachteiligungen und mögliche Ansätze, um Rechte für bestimmte Gruppen einzufordern. So gehe es im Zusammenhang mit der „Trans-Bewegung“ gerade nicht um die – nicht sehr häufig, aber häufiger als vielfach gedacht auftretenden – Fälle, in denen Menschen mit beiderlei Geschlechtsmerkmalen geboren worden seien und damit „intersexuell“ im eigentlichen Sinne wären. Es gehe vielmehr darum, Menschen anzuprangern, die einen bärtigen Mann mit Penis, der sich aber selbst als Frau identifiziere, nicht als solche zu betrachten bereit sind.

Das Ziel der dahinterstehenden Ideologie sei es gerade nicht, nach Wegen zu suchen, um eine funktionsfähigere, harmonischere oder respektvollere Gesellschaft zu schaffen, sondern im Gegenteil zu spalten, zu zerstören und zu zersetzen.

In einer Welt ohne Religion, so Murray, in der es keine Antworten auf Fragen nach dem Sinn der eigenen Existenz oder dem Ziel im eigenen Leben gebe, verschaffe es vielen Menschen Sinn und etwas zu tun, wenn man sich Ideologien dieser Art verschreibe. Andere würden demgegenüber ausschließlich durch Hass auf die Gesellschaft angetrieben, für die das Bild der „weißen, männlichen, patriarchalischen Machtstruktur“ als Symbol herhält.

Ist Sambia oder Lesotho ohne „alte weiße Männer“ weniger „sexistisch“?

Dabei verzichte man bewusst auf Referenzgesellschaften. Andernfalls müsse jemand, der beispielsweise behaupte, die Gesellschaft in Deutschland sei „in einzigartiger Weise sexistisch“, in der Lage sein, zu erklären, verglichen womit dies der Fall wäre. In den meisten Fällen käme dann lediglich der Verweis auf eine Utopie, an deren Verwirklichung man arbeite. Andere betrögen sich selbst, indem sie auf „Transrechte im Iran“ oder „Schwulenrechte auf Kuba“ verwiesen – und dies zeige, dass es sich bei der „neuen Religion“ um eine aufgewärmte Form des Marxismus handele, die nun unter dem Banner der „sozialen Gerechtigkeit“ zurückkehre.

Die einseitige Fixierung auf vermeintliche oder tatsächliche Macht sage mehr über die Urheber dieses Denkens aus als über die von ihnen beklagten Zustände selbst. Macht sei nur ein Aspekt des Lebens innerhalb einer Gesellschaft und für die meisten Menschen nicht einmal der wichtigste. Wechselseitige Anteilnahme, Fürsorge und Liebe seien für das Leben der meisten Menschen wesentlich wichtiger. Die auf Foucault zurückgehenden Denkansätze des neuen Marxismus stellten hingegen die Frage der Macht in den Fokus ihrer Betrachtungen – wobei sie diese wiederum auf die Frage jener Form von Macht reduzierten, die von den berüchtigten „alten, weißen Männern“ ausgehe.

Sie würden in diesem Zusammenhang sogar vergessen, dass es spezifische und vielfach subtilere Formen von Macht gibt, die Frauen ausüben. Eine gutaussehende junge Dame, die es schaffe, einen doppelt so alten Mann dazu zu bringen, seine Karriere oder Familie zu riskieren für die Aussicht auf wenige Minuten sinnlicher Lust, besitze, wie man auch im Zusammenhang mit der #metoo-Debatte sehen könne, eine Form von Macht, zu der es kein männliches Pendant gäbe.