Historiker Daniele Ganser über den illegalen Syrien-Krieg: „Merkel betreibt Luftaufklärung für die Al-Qaida“

Von 25. October 2016 Aktualisiert: 27. Oktober 2016 12:48
Daniele Ganser ist ein Schweizer Publizist und Historiker. Er wurde mit seiner 2005 veröffentlichten Dissertation über „NATO-Geheimarmeen“ bekannt und veröffentlicht unter anderem Untersuchungen zum globalen Fördermaximum von Erdöl. Ganser greift auch die umstrittenen offiziellen Untersuchungsergebnisse zum 11. September 2001 - 9/11- auf, wobei er immer wieder auf den Einsturz das WTC7 hinweist.

Es gibt verschiedene Meinungen zum Syrienkrieg. In den westlichen Medien ist meistens zu lesen und zu hören, dass es sich in Syrien um einen Bürgerkrieg handele. Doch Kritiker und Beobachter sehen das anders. So auch Daniele Ganser.

Der Historiker und Friedensforscher hat eine klare Meinung zum Syrienkrieg: „Es ist kein Bürgerkrieg“. Aktuell versuche man in Syrien, einen „Regime-Change“ herbeizuführen. Es gebe Staaten, wie Saudi-Arabien, Katar, die Nato-Länder Türkei, USA, Großbritannien, Frankreich und jetzt auch Deutschland, die die „Regierung in Syrien stürzen wollen“, sagt Ganser im Interview mit dem deutschen Journalisten Ken Jebsen. (Vollständiges Interview im Video unten)

Der Grund: Diese Länder wollen das ganze syrische Gebiet, das sehr reich an Öl und Gas ist, kontrollieren.

Der Pipelinekrieg

Im Persischen Golf, der zwischen Saudi-Arabien und dem Iran liegt, befindet sich das größte Gasfeld der Welt. Dieses Gasfeld wird von zwei Ländern genutzt – Katar und dem Iran. Beide Länder möchten ihr Gas auf dem europäischen Weltmarkt verkaufen. Aber nicht in Kooperation. Denn die beiden Länder stehen im Clinch. Es herrscht ein Konflikt zwischen den Schiiten im Iran und den Sunniten in Katar, Saudi-Arabien und der Türkei.

Der Iran und Katar gewinnen bereits heute Erdgas von diesem Feld, erklärt Ganser. Um es wirklich profitabel zu machen, müssen die beiden Länder es nach Europa befördern. Dort wartet ein Milliardengeschäft. Zur Beförderung des Gas, wollen Katar sowie der Iran eine eigene Pipeline bauen. Katar hatte den Plan, die Pipeline durch Saudi-Arabien, weiter durch Syrien und dann in die Türkei zu bauen. Von dort aus sollte das Gas auf den europäischen Markt gelangen. Das Projekt sollte 2009 starten – zwei Jahre vor dem Kriegsausbruch in Syrien. Saudi-Arabien und die Türkei stimmten dem Bau der Pipeline zu, Syrien nicht.

Nach Ansichten des Historikers sind diese Gaspipelines ein Grund, warum in Syrien bereits seit über fünf Jahren Krieg herrscht.

Eine Million Tote durch den Angriffskrieg auf den Irak

Der syrische Präsident Baschar al-Assad gehört zur Religionsgemeinschaft der Alawiten, die dem schiitischen Spektrum angehören. Deshalb steht Assad auf der Seite des schiitischen Iran. Der Iran seinerseits unterstützt Assad.

Sowohl die Pipeline von Katar als auch die vom Iran würden auch durch den Irak führen. „Der Irak ist ein besetztes Land“, sagt Ganser. 2003 haben der ehemalige US-Präsident George Bush und der ehemalige britische Premierminister Tony Blair ohne UNO-Mandat den Irak angegriffen. „Das war ein illegaler Angriffskrieg. Das sagte auch der damalige UNO-Generalsekretäre Kofi Annan“, betont der Historiker. Dies sei ein „großes Verbrechen“ gewesen. Ganser sagt: „Eigentlich müssten Bush und Blair vor ein Kriegsverbrechertribunal in Den Haag gestellt werden“. Aber das passiere nicht, weil „sie sehr, sehr mächtig sind.“

Die Amerikaner und die Briten hätten Saddam Hussain gestürzt und die gesamte irakische Regierung, die aus Sunniten bestanden habe, durch Schiiten ersetzt. Das habe dazu geführt, „dass die Sunniten im Irak keine Partizipation mehr hatten an der Macht. Das bedeutet, sie sind in den Untergrund gegangen. Und entschlossen sich dazu, die Besetzung des Iraks durch die Briten und die Amerikaner zu bekämpfen,“ erklärt Ganser.

In 1940 habe man eine solche Bewegung, als Frankreich von Deutschland besetzt wurde, Resistance also Widerstandsorganisation, genannt. Aber heute würde man die Menschen im Irak, die sich gegen die Besetzung des Westens auflehnten, „als Terroristen bezeichnen“, so Ganser. „Die radikalen Sunniten, die sich jetzt dem IS angeschlossen haben, wurden durch die Besetzung der Amerikaner und Briten radikalisiert. Der Angriff des Westens hat die ganze Region ins Chaos gestützt“. Seit dem Angriffskrieg der USA und Großbritanniens im Jahr 2003 sind eine Million Tote im Irak zu beklagen.

Regime-Change in Syrien seit 2006 geplant

Der Friedensforscher erklärt auch, dass Amerika ein „Imperium“ sei. Die USA haben die meisten militärischen Stützpunkte weltweit, die meisten Flugzeugträger und das größte Militär. Dieses Imperium würde die Religionsgräben im Nahen Osten ausnutzen, um seine geopolitischen Ziele umzusetzen.

Für die USA sei Syrien zu nahe an Russland. Die Russen unterstützen Assad. Auch im eigenen Interesse, so der Historiker. Russland hat Militärstützpunkte in Syrien und beliefert die syrische Regierung mit Waffen.

Zudem wollen die Russen nicht, dass Katar den Erdgasmarkt in Europa überschwemmt. Durch die Firma Gazprom liefert Russland sein Erdgas nach Europa. Sollte Assad von den Nato-Ländern gestürzt werden und Katar diese Pipeline bauen, dann verliert Russland den Einfluss auf dem europäischen Erdgasmarkt.

Amerika habe seinerseits schon im Jahre 2006 studiert – das weiß man aus Wikileaks – wie man „Syrien kaputtmachen könne“, so Ganser weiter. Damals seien die USA zu dem Ergebnis gekommen, die religiösen Spannungen müssten angeheizt werden. Dafür hätten die Amerikaner 5 Millionen Dollar investiert und Dissidenten bezahlt, um ein Chaos in Syrien anzustiften, erklärt der Historiker. Der US-Ausnahmejournalist Seymour Hersh habe darlegen können, dass es sich in Syrien nicht um einen Bürgerkrieg handele, der von einem Tag auf den anderen ausgebrochen sei, sondern der von außen angestiftet wurde. Demnach hätten die USA damals schon einen Regime-Chance vorbereitet. „Was aus der Sicht Washingtons schiefgegangen ist“, so Ganser, ist, „dass der Regime-Chance so lange dauert“. Andere Regime-Changes, wie der Sturz von Muhammad Gaddafi 2011 in Libyen und andere, hätten sich schneller vollziehen lassen.

„Merkel macht Luftaufklärung für die al-Quaida“

Dem Historiker zufolge ist auch klar: Katar, Saudi-Arabien und die Türkei, gemeinsam mit Frankreich, Großbritannien und den USA sind die Angreifer im Syrienkrieg. Ganser wundert sich deshalb, dass die deutsche Kanzlerin Angela Merkel diese Angreifer unterstütze.

„Es ist erstaunlich, dass die deutsche Bundeskanzlerin Merkel sich einfach auf die Seite der Angreifer stellt“, so Ganser. Denn der Angriffskrieg ist seit Hitlers Angriff auf Polen illegal. In Syrien gehe es nicht um Menschenrechte, sondern um Öl und Gas, betont der Friedensforscher.

Die Leute würden sich auch schon wundern: „Warum steht Deutschland auf der Seite von Saudi-Arabien?“ Die Saudis würden jedes Jahr „X Menschen“ enthaupten. „Und mit so einem Partner sollen die Terroristen des Islamischen Staates bekämpft werden, die auch Menschen enthaupten?“, so Ganser.

Die Deutschen machten zwar „nur“ Luftaufklärung, aber das sei schon ein Verbrechen. „Man darf keine Flugzeuge in einen anderen Luftraum schicken. Die Deutschen würden sich auch bedanken, wenn die syrische Luftwaffe über Bayern kreuzen würde“, so Ganser weiter.

Die Deutschen machten in Syrien „Bilder von den Truppenbewegungen am Boden. Diese Bilder werden dem Kommandopunkt der Amerikaner, Saudis, Türken und Briten weitergeleitet. Und diese Länder geben die Angaben an die ‚moderaten‘ Rebellen weiter. Aber von den moderaten Rebellen geht das immer weiter zur Al-Nusra Front und die al-Nursa Front ist die Al-Quaida“, erklärt der Historiker. Und wenn man dann den Bogen spannte, könnte man sagen „Merkel macht Luftaufklärung für die Al-Quaida“. Wenn Merkel wirklich dem Frieden dienen würde, würde sie die Bundeswehr aus Syrien abziehen lassen, so Ganser.

Das Feindbild „böser Muslim“

Die Bombardierung Syriens werde als „Terrorbekämpfung“ und als „humanitärer Krieg“ verkauft. Dies sei „Blödsinn“, meint der Experte. Das Gegenteil sei der Fall, dieser Krieg fördere den Terrorismus. Zudem würde der Einsatz in Syrien auch die Flüchtlingsströme nach Europa fördern. Der Terror entstehe überhaupt erst dadurch, dass der Westen diese Länder besetzt.

Es ist eben Fakt, dass das Gas und das Öl bei den Muslimen ist, so Ganser. Und seit 2001 habe man dem Westen das Feindbild „böser Muslim“ eingeimpft. Dadurch könnten die Nato-Länder nun unter dem Vorwand „böser Muslim“ von einem Krieg zum nächsten ziehen. Dabei würden viel mehr Muslime getötet, als Muslime andere Menschen bei Terroranschlägen in Europa oder Amerika getötet hätten, betont Ganser. Hinzu komme noch, dass „diese Terroranschläge sehr undurchsichtig sind“. In den westlichen Medien werde dann permanent von den 3000 Toten von 9/11 in New York gesprochen, aber die 200.000 Toten in Afghanistan spielten keine Rolle. Auch die eine Million Toten im Irak, sowie die 40.000 Toten in Libyen spielten keine Rolle.

Für die Kriegspropaganda des Westens sei es sehr wichtig, nur von den eigenen Toten aber nie über die anderen Toten, die man selbst produziert habe, zu sprechen. „Wir haben in den Nato-Ländern die Propaganda, welche die Kriegstoten der Nato-Kriege systematisch ausblendet“, kritisiert Ganser und fügt hinzu: „Und wenn von unserer Seite jemand bei einem Terroranschlag stirbt, dann wird das sofort wieder verwendet, um Leute zu töten. Das ist Barbarei!“

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