Deutsches Start-up setzt auf Telefahrer statt KI

E-Autos fahren ferngesteuert zum Kunden, dann übernimmt der Kunde das Lenkrad, und nach dem Zielort steht das Auto – wiederum ferngelenkt – für weitere Jobs bereit. Das Berliner Start-up-Unternehmen Vay will seine Vision vom autonomen Fahren bis 2027 in den großen Metropolen Deutschlands verwirklichen.
Eine Telefahrerin im Telefahrzentrum des Berliner Start-ups Vay
Eine Telefahrerin im Telefahrzentrum des Berliner Start-ups Vay.Foto: Pressefoto Vay
Von 24. Dezember 2022

Als erster Anbieter in Europa hat das Berliner Start-up-Unternehmen Vay eine Ausnahmegenehmigung für autonome Testfahrten erhalten. Die Behörde für Verkehr- und Mobilitätswende der Stadt Hamburg (BVM) erlaubt mit sofortiger Wirkung, dass die von Vay umgerüsteten Autos künftig ohne Sicherheitsfahrer durch ein bestimmtes Areal des Stadtteils Bergedorf kurven dürfen.

Das eigens entwickelte Telefahr-System von Vay bestand die vorgeschriebenen Tests des TÜV SÜD nach den Normvorschriften ISO 26262 und ISO/SAE 21434. Die „Funktionale Sicherheit” und die „Cybersicherheit” beim autonomen Fahren seien gewährleistet, hieß es in einer Pressemitteilung.

Mit weniger Fahrzeugen mehr Menschen von A nach B bringen – dieser Gedanke steht im Mittelpunkt des Geschäftsmodells von Vay. Thomas von der Ohe, Mitgründer und CEO von Vay, denkt als Zielgruppe an Menschen, die nicht auf die Dienste von Taxiunternehmen oder auf einen privaten PKW zurückgreifen wollen – aus welchen Gründen auch immer.

Ein „Telefahrer“ steuert aus der Ferne

Die Vision: Ähnlich wie bei gewöhnlichen Sharing-Diensten können Kunden per Handy-App ein autonomes E-Fahrzeug aus der Vay-Werkstatt vor ihre Haustür bestellen. Das Auto fährt dann zum gewünschten Ort – ferngesteuert von einem „Telefahrer“, der die Lenk-, Blink- und Bremsbefehle in einer „Telefahrzentrale“ ausführt.

Dafür stehen dem Telefahrer ein spezielles Lenkrad, Pedale, sonstige Bedienungseinrichtungen und mehrere Bildschirme zur Verfügung, die mithilfe von Funkkameras das abbilden, was auch ein Mensch auf dem Fahrersitz sehen würde. Nun steigt der Kunde ein, fährt selbstständig zu seinem Ziel, parkt… und dann übernimmt wieder der Telefahrer.

„Wie in einem Taxi transportiert zu werden, wäre mit unserer Technologie zwar prinzipiell möglich, wir planen aber unseren ersten Service genau so“, erklärte eine Sprecherin gegenüber der Epoch Times. „Dadurch, dass die Kund:innen selber fahren, kann der Service preisgünstig angeboten werden.“

Etappe auf dem Weg zum vollautonomen Fahren

„Vay sieht das Telefahren als einen alternativen Ansatz zum autonomen Fahren und will auf der Grundlage hochwertiger Telefahr-Daten schrittweise autonome Funktionen in sein System einführen“, heißt es in der Pressemitteilung des Unternehmens.

Thomas von der Ohe sieht eine Reihe von Vorteilen: Das Thema Parkplatzsuche würde für seine Kunden der Vergangenheit angehören, weil das E-Auto nach einem Einsatz direkt zum nächsten Kunden fahren könnte. „Damit bleibt in den Städten mehr Platz zum Leben“. Außerdem könne das Vay-Konzept dazu beitragen, die Zahl der Fahrten unter Müdigkeits-, Alkohol- oder Drogeneinfluss zu minimieren und Geschwindigkeitsüberschreitungen zu vermeiden.

Neben einer Steigerung der Sicherheit im Straßenverkehr sprächen auch geringere Kosten für die Mobilität für die Idee: „Der Service soll kostentechnisch bei Carsharing-Angeboten liegen“, plant von der Ohe. Der Dienst solle „zu einem Preis pro Kilometer“ angeboten werden, der „mit dem eines eigenen Autos in Städten vergleichbar“ sei, präzisierte die Vay-Sprecherin.

Drei Jahre Testbetrieb mit Sicherheitsfahrer

Nach Angaben von Vay testet das Unternehmen seine Technik bereits seit mehr als drei Jahren auf öffentlichen Straßen in Berlin und Hamburg – bislang allerdings jeweils mit einem Telefahrer in der Zentrale und einem extra „Sicherheitsfahrer“ für nötige Eingriffe ins Lenkrad. Nun wolle man „so bald wie möglich die erste telegefahrene Testfahrt ohne Fahrer:in im Auto“ umsetzen, so die Vay-Sprecherin gegenüber der Epoch Times.

Zum Team von Vay gehören neben Thomas von der Ohe rund 150 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, darunter auch Engineering-Chef Daniel Buchmüller. Der Schweizer hatte bis vor einem Jahr noch im kalifornischen Silicon Valley gearbeitet, berichtet das Portal „Business Insider Deutschland“.

Dort aber sei es stets nur um das vollständig selbstfahrende, computergesteuerte Fahrzeug gegangen. Dessen Einsatz halte Buchmüller bei der Verkehrslage einer deutschen Großstadt in absehbarer Zeit für unerreichbar. Deshalb gefalle ihm der Ansatz von der Ohes, zunächst auf Telefahrer zu setzen: „Das kann man heute schon machen.“

Für seine Idee rüstet Vay elektrisch fahrende Autos anderer Hersteller um. Die Kosten für die Kameras, Mikrofone und das Kommunikationssystem betragen laut „Business Insider“ „einige tausend Euro“. Das sei deutlich weniger als bei Fahrzeugen, die vollständig autonom unterwegs sein können.

Hamburg scheint sich allmählich zum Vorzeigestandort für autonomes Fahren zu entwickeln. Volkswagen will dort nach Informationen von „Business Insider“ bis zum Jahr 2025 eintausend „Robotaxis“ einsetzen.

Mercedes setze ebenfalls auf „hochautomatisierte“ Autos, bei denen der Fahrer alles einem Computer überlassen kann. Der Elektroauto-Pionier Tesla habe eine allein auf Kamera-Informationen basierende Assistenzsoftware namens „Full Self Driving“ entwickelt, die schon heute testweise in über 100.000 Kundenfahrzeugen laufe.

Merkel setzte auf autonomes Fahren

Die frühere Bundeskanzlerin Angela Merkel ging bereits 2017 davon aus, dass es in Deutschland bis zum Jahr 2037 ein Verbot der Mobilität per selbst gesteuertem PKW geben werde. Als Grund gab sie an, dass „der Mensch“ das „größte Risiko im Straßenverkehr“ darstelle. Der Verband der Automobilindustrie erwartete damals, dass vollautomatisiertes Fahren in Städten bis 2030 möglich sein werde.

Der bayerische Autohersteller BMW war bereits 2016 zu der Prognose gelangt, dass vollständig automatisierte Autos bereits 2020 auf deutschen Straßen fahren würden.



Epoch TV
Epoch Vital
Kommentare
Liebe Leser,

vielen Dank, dass Sie unseren Kommentar-Bereich nutzen.

Bitte verzichten Sie auf Unterstellungen, Schimpfworte, aggressive Formulierungen und Werbe-Links. Solche Kommentare werden wir nicht veröffentlichen. Dies umfasst ebenso abschweifende Kommentare, die keinen konkreten Bezug zum jeweiligen Artikel haben. Viele Kommentare waren bisher schon anregend und auf die Themen bezogen. Wir bitten Sie um eine Qualität, die den Artikeln entspricht, so haben wir alle etwas davon.

Da wir die Verantwortung für jeden veröffentlichten Kommentar tragen, geben wir Kommentare erst nach einer Prüfung frei. Je nach Aufkommen kann es deswegen zu zeitlichen Verzögerungen kommen.


Ihre Epoch Times - Redaktion