La Palma: Ein Mega-Tsunami, der „End Day“ und die Westflanke des Vulkans

Von 6. Oktober 2021 Aktualisiert: 8. Oktober 2021 9:37
Das Lava-Schauspiel auf La Palma erregt die Öffentlichkeit. Mittlerweile sind 1.046 Gebäude und 30 Kilometer Straßennetz unter der Lava verschwunden. Mit Beginn des aktuellen Vulkanausbruchs lebte zudem eine alte Hypothese wieder auf. 

Der Schildvulkan „Cumbre Vjeja“ auf La Palma, der seit dem 19. September Asche und Lava spuckt, wird von vielen Menschen interessiert beäugt. Viele der rund 6.000 evakuierten Einwohner wissen weiterhin nicht, wie viel sie verloren haben. Doch das faszinierende Lava-Schauspiel ist nicht der einzige Grund für die weltweite Aufmerksamkeit.

Für Vulkanologen kam der Ausbruch nicht überraschend. Die Vorzeichen waren deutlich: In den Jahren 2006/2007 wurden Deformationen am Boden festgestellt, weil sich Magma in der Tiefe sammelte.

2017/2018 traten intensive Erdbebenschwärme in größeren Tiefen auf, die sich in den letzten Wochen dorthin verschoben, wo der Ausbruch später begann. Allein zwischen dem 11. und 24. September wurden über 25.000 kleinere Erdbeben gezählt. Bisher wurden keine Todesopfer gemeldet.

Schon jetzt ist der Ausbruch deutlich größer als die beiden vorangegangenen Eruptionen in den letzten 100 Jahren.

Das könnte noch sehr sehr lange andauern

Doch ein Ende des Vulkanausbruchs ist noch nicht abzusehen, ganz im Gegenteil. Die Erdbeben treten weiterhin auf und nehmen an Zahl und Stärke zu. Am 4./5. Oktober gab es binnen 24 Stunden 31 Beben der Stärke 3 bis 4 und 47 Beben zwischen 2 und 3, berichten Vulkanologen auf der Website „Volcanodiscovery“. Ein Teil davon befindet sich unter dem zentralen Bereich des Vulkans in 10 bis 15 km Tiefe.

Heikler ist eine Gruppe neuer, tieferer Beben in einer Tiefe von etwa 35 km, etwa 5 km südöstlich des derzeitigen Ausbruchs. Was diese Beben bedeuten ist ungewiss. Sie könnten auf das Eindringen von Magma aus sehr tiefen Quellen hindeuten. Falls das tatsächlich so ist, könnte die Eruption noch sehr lange andauern.

Aktuell ist die Ascheproduktion hoch, die Asche steigt bis in Höhen von 2 bis 3 km auf. Schätzungen zufolge hat die Eruption bisher 250.000 Tonnen Schwefeldioxid (SO2) ausgestoßen. Die Schwefeldioxidfahne schwebte über den Kanarischen Inseln, Nordafrika und dem Mittelmeer, Teile davon wurden über den Atlantik getrieben und erreichten sogar die Karibik und die Arktis.

Es sind mindestens zwei Lavazungen entstanden, sagt das Vulkanologische Institut der Kanaren (Involcan). Dabei entsteht um das relativ dünnflüssige, fließende Magma eine Art Mantel oder Kanal aus abgekühltem Gestein. Im Inneren der Röhre bleibt die Temperatur höher, die Lava fließt darin ab. Ein Vorteil ist, dass die Lavaströme besser überwacht werden können. Nachteilig ist, dass das Magma schneller und weiter fließen kann, weil es nur langsam abkühlt.

„End Day“ und die Westflanke des Vulkans

Mit Beginn des aktuellen Vulkanausbruchs lebte eine alte Hypothese um den Weltuntergang wieder auf.

Ein Vulkanausbruch auf La Palma war für die „National Geographic“ im Dokumentarfilm „End Day“, eine der fünf möglichen Ursachen für das Ende der Tage. In einer anderen BBC-Dokumentation wurde darauf hingewiesen, dass eine der größten Sorgen der Wissenschaftler die Gefahr eines erneuten Mega-Tsunamis ist. Dieser könnte schlimmer als der Ritter-Tsunami (Island, 1888) sein und vom „Cumbre Vieja“ ausgehen.

Konkret geht es um die Westflanke des Vulkans. Dort gibt es geologische Brüche, die durchaus einen Erdrutsch in großem Ausmaß bewirken könnten. Spezialisten des Kanarischen Vulkanologischen Instituts kennen die dazu notwendigen Bedingungen und erklärten 2017, „damit die Flanke des Cumbre Vieja Bedingungen erreicht, die einer Instabilität nahekommen, müsste ein sehr starkes Erdbeben gleichzeitig mit einer Eruption mit hohem Explosionsindex stattfinden.“

Ein Tsunami könnte passieren, sei aber nicht wahrscheinlich, versicherte der Vulkanologe Joan Martí am 4. Oktober in der Tageszeitung „El Dia“. „Damit eine solche Situation eintritt, müssten die Seismizität und die Energieerzeugung viel stärker und intensiver sein, als bisher aufgezeichnet wurde.“ Der Explosionsindex des Vulkans (VEI) ist derzeit niedrig und liegt auf Stufe 2 der achtstufigen, logarithmischen Skala.

Joan Martí versichert, dass es möglich wäre, dass ein Tsunami durch einen Vulkanausbruch auf den Kanarischen Inseln entsteht – dass es jedoch „nicht wahrscheinlich“ ist, dass es aufgrund der Aktivität jetzt passiert.

Ein Tsunami, der auf den Kanaren seinen Ursprung hat, hätte Folgen für die Ostküste Amerikas. New Yorks Stadtrat ist zumindest alarmiert: Im Jahr 2018 hat die Stadt die Möglichkeit eines von den Kanaren ausgehenden Tsunamis in ihre zu beobachtenden Risiken aufgenommen.

Alle Flughäfen der Kanaren sind weiterhin geöffnet

Bisher hatte der Vulkan nur temporäre Auswirkungen auf den Flugverkehr. Ein längerfristiger und großflächiger Ausfall des Luftverkehrs wie bei dem isländischen Vulkan Eyjafjallajökull, der halb Europa lahmlegte, ist kaum zu erwarten.

In Island führten größere Mengen unterirdisches Wasser zu weit stärkerer Aschebildung. Auf La Palma wird diese Art von Asche nicht erwartet. Teilweise wurde der Fährverkehr aufgestockt – um die Einheimischen zu versorgen, Vulkan-Touristen, Journalisten, Forscher und Rettungskräfte.

Die spanische Regierung kündigte Hilfsgelder und einen Wiederaufbauplan in Höhe von 239 Millionen Dollar an. Investiert werden soll neben der Wiederherstellung der Wasserversorgung auch in Arbeitsplätze, Wohnungen, Landwirtschaft und Tourismus.

Bananen mit Asche und verbranntem Dünger

Ein wichtiges Thema für die Einheimischen ist der Einfluss des Vulkans auf die Bananenplantagen. Die rechtzeitige Evakuierung habe zwar Menschenleben gerettet, sei aber für viele Arbeiter eine Katastrophe, sagte ein Bananenbauer den Lokalnachrichten „RTVE Noticias“.

Der Bananenanbau ist der wichtigste Wirtschaftszweig der Insel und macht 50 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus. Jeder dritte Beschäftigte arbeitet in diesem Sektor. Auf 43 Prozent der Agrarfläche wachsen Bananenstauden – beziehungsweise wuchsen.

Ein Teil der Pflanzungen wurden durch Lavaströme zerstört. Zufahrts- und Bewässerungswege sind unterbrochen oder existieren nicht mehr. Düngemittel und Plastik, die in der Bananenproduktion gebraucht werden und vor Ort lagerten, wurden durch Lava erhitzt und brannten mit giftigen Rauchschwaden ab. Viele Landwirte können inzwischen wegen defekter Wasserleitungen ihre Plantagen nicht mehr bewässern, was zu geschätzten Verlusten von 32 Millionen Dollar führt.

Die EU aktivierte am 19. September das Satelliten-Programm Copernicus zur Überwachung des Vulkanausbruchs. Die Daten zeigen (Stand 4.10.):

  • Lava bedeckt über 400 Hektar Landfläche
  • 1.046 Gebäude, 30 Kilometer Straßennetz sind verschwunden
  • über 120 weitere Häuser sind zerstört
  • die Lavaschicht ist zwischen 8 und 50 Meter hoch
  • das von einem Lavastrom im Meer gebildete Lavadelta ist 37,2 Hektar groß
  • das Magma erreicht beim Ausstoß Temperaturen über 1.000 Grad Celsius
  • die Lava bewegt sich mit etwa 700 Metern pro Stunde

Die Insel ist weiterhin für Touristen geöffnet, obwohl der Katastrophenfall ausgerufen wurde. Nur etwa 10 Prozent der Insel sind von den Eruptionen des Vulkans betroffen. „Im Rest der Insel geht das Leben normal weiter“, erklärte Raúl Camacho, Tourismusminister von La Palma, über „Associated Press“ am 5. Oktober.



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