Russland und Ukraine: Erschöpfung der Kriegsparteien naht

Jede Kriegspartei glaubt an den eigenen Sieg, deshalb gehen die Kämpfe weiter. Aktuell erscheint ein Friedensabschluss unrealistisch, vielleicht wäre aber eine Waffenruhe möglich.
Titelbild
Ein Verletzter des Krieges mit Russland – er trägt ein Shirt mit dem Emblem des 20. motorisierten Infanteriebataillons Okhtyrka – vor einer Panzerabwehr im Juni im Zentrum der ukrainischen Hauptstadt Kiew.Foto: SERGEI SUPINSKY / AFP über Getty Images
Epoch Times2. Juli 2022

Der Krieg in der Ukraine scheint noch lange nicht vorbei zu sein. Im Gegenteil, Russland setzt unvermindert seine Angriffe auf Städte in der Ostukraine fort. Und die Bevölkerung Europas fängt an, die Auswirkungen des Krieges immer deutlicher zu spüren. Wie kann es weitergehen? Wir fragten den Osteuropa-Experten Professor Alexander Rahr danach, was künftig zu erwarten ist. Die Fragen stellte Kathrin Sumpf.

Herr Rahr, was erwarten Sie in der nächsten Zeit an Hiobsbotschaften? Oder gibt es irgendwelche Lichtblicke am Horizont?

Bevor der Krieg irgendwann einmal zu Ende geht, werden wir noch einige schlimme Wochen, wenn nicht Monate, erleben. Anders als im März, als Friedensverhandlungen geführt wurden, wollen jetzt alle Seiten den Sieg und die gegnerische Kapitulation. Deshalb eskaliert der Krieg. 

Alle Seiten sind falschen Einschätzungen unterlegen. Putin wollte die Ukraine – wie seinerzeit Georgien 2008 – in einem Blitzkrieg niederwerfen. Das misslang völlig, Russland erlitt hohe Verluste, musste seine Taktik ändern und lernen, dass die Ukrainer ihr Heimatterritorium mit aller Macht verteidigen. Russland hat die ukrainische Streitmacht katastrophal unterschätzt, aber auch den festen Willen des Westens, der Ukraine mit Sanktionen gegen Russland so beizustehen. 

Jetzt kämpft Putin mit dem Rücken zur Wand. Aber auch der kollektive Westen musste die bittere Erfahrung machen, dass die gegen Russland verhängten Sanktionen keine Auswirkungen auf den Krieg haben, und dass außer dem Westen niemand Russland schwächen oder isolieren möchte. Russland hat seinen Handel auf Asien umgestellt. 

Schließlich hat auch die Ukraine geglaubt, den Westen stärker an seine Seite in den Krieg hineinziehen zu können. Doch der Westen sieht die Gefahr einer direkten Konfrontation mit der Atommacht Russland und bleibt vorsichtig. 

Hiobsbotschaften gibt es viele. Als Vergeltung für die westlichen Waffenlieferungen an Kiew könnte Russland seinen Energieexport nach Europa komplett einstellen. Ein partieller Zusammenbruch der westlichen Industrie wäre unausweichlich. 

Eine weitere Hiobsbotschaft wäre ein chinesischer Angriff auf Taiwan, der den Westen zu gleichen Sanktionen gegen China zwingen würde. Ein russisch-chinesisches Militärbündnis als Antwort auf eine weitere NATO- und EU-Osterweiterung bzw. auf die Stärkung der AUKUS oder den Aufbau einer neuen anti-chinesischen Militärallianz im Südpazifik wäre ein Albtraum. 

Sie beschäftigen sich wissenschaftlich mit dem Thema des Ukrainekrieges, bevorzugen eher nüchterne Analysen. Würden Sie bitte Ihren aktuellen Kenntnisstand bezüglich der Ursachen, Ziele und Folgen des Krieges mit unseren Lesern teilen?

Anfangs interpretierten alle den Krieg als aggressiven, brutalen Landraub seitens Russlands. Angesichts der ungeheuerlichen Bilder vom Kriegsgeschehen sprachen wir von Zivilisationsbruch und Zeitenwende. Heute entdecken wir, dass Putins Kriegsziele nicht nur der Versuch eines Regime Changes, der Zerstörung der ukrainischen Nationalkultur und der Entmilitarisierung der Ukraine zur Verhinderung eines ukrainischen NATO-Beitritts sind. 

Je mehr wir der inneren russischen Debatte über den Krieg lauschen, umso mehr verstehen wir, dass Putins eigentliches Angriffsziel die westliche Sicherheits- und Werteordnung ist. Er möchte eigene Vorstellungen von Europa durchsetzen, die der Westen ihm jahrelang vorenthalten hat. 

Russland will als Großmacht in Europa – im europäischen „Konzert der Mächte“ – respektiert werden. Weil er seinen Plan über Diplomatie nicht realisieren konnte, setzt Putin nun auf rücksichtslose Gewalt und eine zuvor als unvorstellbar geltende atomare Einschüchterung. Dazu hofft er, dass Russland resistenter als der Westen aus der Energie- bzw. Nahrungsmittelkrise, die gerade ganz Europa erschüttert, hervorgehen wird. 

Der Westen gibt nicht nach, im Gegenteil. Zur Abschreckung betreibt er wieder eine gigantische Militarisierung Europas. Wir stehen am Anfang einer neuen Rüstungsspirale. Nicht ausgeschlossen sind weitere Krisen, beispielsweise eine nie dagewesene neue Massenflüchtlingsbewegung aus Afrika, dem Nahen und Mittleren Osten infolge von Verarmung, Massenarbeitslosigkeit, Hungersnot. Es wäre politisch kurzsichtig, diese Szenarien zu ignorieren.

Glauben Sie, dass Putins Strategie aufgeht und die EU und die NATO einem durch Sanktionen geschwächten Russland unterliegen? Der Westen wird sich von Putin kaum vorführen oder einschüchtern lassen.

Zweifellos werden die westlichen Sanktionen die russische Wirtschaft in den kommenden Monaten schwer belasten. Russland werden technologische Ersatzteile, Arzneimittel, existenzielle Warenartikel und Kredite ausgehen. Auch Arbeitslosigkeit, Inflation und Verarmung wären mittelfristig denkbar. 

Doch Putin will, dass der Westen durch Russlands Gegensanktionen weitaus größere Einbußen erfährt. Der Westen ist von Energie und Rohstoffen aus Russland auf Jahre hinaus abhängig. Die entscheidende Frage wird sein: Welche Seite kann ihrem Gegenüber den größeren Schlag versetzen? 

Die russische Gesellschaft ist Entbehrungen gewohnt. Doch wie reagieren die aus den fetten Wohlstandsjahren nach dem Krieg verwöhnten europäischen Bevölkerungen auf Konsumverzicht, Arbeitslosigkeit, soziale Verarmung? 

Der Westen versteht, dass seine freiheitliche Ordnung massiv bedroht ist, und er wird allergrößte Opfer aufbringen, um seine Werte aufrechtzuerhalten. Im Kräftemessen auf globaler Ebene ist der kollektive Westen, solange er zusammenhält, stärker als Russland, vorausgesetzt China ergreift nicht in allem Partei für Moskau.

Werden die Lieferungen hochmoderner Waffen an die Ukrainer, die über größere Kampfmotivation als die Russen zu verfügen scheinen, keine Wende auf dem Kriegsschauplatz erzielen?

Sicherlich ist ein solches Szenarium nicht von der Hand zu weisen, obwohl es angesichts der russischen Überlegenheit an Waffen eher unwahrscheinlich ist. Tatsächlich stehen wir in der Ukraine vor der kriegsentscheidenden Phase. Russland hat allerdings noch viele Truppen und hochmoderne Waffen in der Hinterhand. Putin könnte eine Generalmobilmachung im 142-Millionen-Volk ausrufen. 

Westliche Sicherheitsexperten streiten jetzt miteinander, wie der Krieg ausgehen wird. Eine Möglichkeit wäre, dass Russland, nachdem es das gesamte Gebiet von Luhansk und Donezk erobert und gleichzeitig die Küstenregionen des Azow-Meeres unter seine Kontrolle gestellt hat, auf diesen Territorien einen pro-russischen Pufferstaat ausruft und danach der Ukraine Friedensverhandlungen anbietet. 

Weder die Ukraine noch der Westen werden massive territoriale Verluste der Ukraine akzeptieren. Und wie wird sich die Bevölkerung in den von Russland eroberten Gebieten im Referendum verhalten? 

Ein Friedensabschluss erscheint unrealistisch, vielleicht [ist] aber eine Waffenruhe [möglich], weil beide Seiten im Spätsommer nahe an der völligen Erschöpfung angelangt sein werden. Die ukrainische Wirtschaft liegt kriegsbedingt am Boden, irgendwann werden auch die westlichen Finanzhilfen ausgehen. Die Ukraine könnte aus diesem Grund ihren Beitritt zur EU (und NATO) als großen historischen Sieg begreifen und Flexibilität in den Verhandlungen mit Russland zeigen. 

Eine militärische Niederlage Russlands würde indessen katastrophale Folgen für Russlands Innenpolitik haben. Schon jetzt hat es Moskau mit einem Fragmentieren der Eurasischen Wirtschaftsunion zu tun. Moskaus Verbündete in Zentralasien und im Südkaukasus haben allesamt gute Drähte nach Kiew und in den Westen; sie wollen sich durch den Krieg nicht vereinnahmen lassen.

Viele Menschen spüren, dass sie in einer veränderten Welt aufwachen. Sehen Sie eine Chance für eine europäische Friedensordnung, eine funktionierende Koexistenz der Staaten?

Eigentlich glaube ich, dass die gesamte Weltgemeinschaft vor solchen bedeutsamen Herausforderungen steht, dass gemeinsames Handeln alternativlos ist. Dazu zählt insbesondere die Besinnung auf die Menschlichkeit, auf das, was die Schöpfung ausmacht. 

Putins Krieg hat die Globalisierung, wie wir sie gekannt haben, zerstört. Die Nachkriegsinstitutionen wie Bretton Woods, WTO, IWF, Weltbank sollten verschwinden und durch Alternativen wie BRICS ersetzt werden. Die Weltwirtschaft wird eine Regionalisierung erleben und in Machtblöcken aufgeteilt sein. 

Meine Zukunftsvision ist eine dauerhafte Konkurrenz von TTIP (Transatlantic Trade and Investment Partnership) unter den USA und RCEP (Regional Comprehensive Economic Partnership) unter China. 

Doch was bedeutet das für Otto Normalverbraucher? Alles wird teurer, wenn die jahrelangen Lieferketten und billigen Arbeitskräfte wegfallen. Es wird harte Auseinandersetzungen zwischen den westlichen Industrieländern und den Schwellen- und Entwicklungsländern um Märkte und Rohstoffe geben. 

Manche im Westen sagen: Schuld an all dem Unheil ist Putin. Er muss weg. Sollte er gestürzt werden, auf was westliche Politiker hoffen, wäre der Krieg sofort zu Ende. Teilen Sie diese Auffassung?

Sollte Putin etwas zustoßen und er wäre von einem Tag auf den anderen weg, würde laut Verfassung der jetzige Premier Mischustin die Amtsgeschäfte übernehmen. 

Letzterer ist ein Pragmatiker, zum Krieg hat er bislang „strategisch“ geschwiegen. Die Entscheidung über Krieg und Frieden, und wer das Land weiter führen soll, würde dann vom Nationalen Sicherheitsrat getroffen werden. 

Das Sagen hat dort eine mächtige Fraktion der Siloviki (Sicherheitsministerien), wenngleich in Putins Abwesenheit in diesem Gremium der Ex-Präsident und Ex-Premier Medwedew den Vorsitz führt. Medwedew positioniert sich in der Politik gerade als ausgesprochener Hardliner, obwohl er zuvor liberale Ansichten gepredigt hatte. 

Palastrevolutionen und Putschversuche kennt die jüngste russische Geschichte zur Genüge, denken wir an die Entmachtungen von Nikolaus II (1917), Beria (1953), Chruschtschow (1964) und Gorbatschow (1991). Doch im Falle Putins scheint ein solches Szenarium ausgeschlossen zu sein. Laut neuesten Umfragen befindet sich Putins Popularität auf Rekordhöhe; er wird von einer patriotischen Welle getragen. 

Prof. Alexander Rahr gilt als einer der erfahrensten Osteuropa-Historiker, er ist Politologe und Publizist.

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