Das Thema Mobbing werde verharmlost und heruntergespielt, meinen Experten.Foto: istock

Anti-Mobbing-Coach Carsten Stahl: „Jeden zweiten Tag stirbt ein Kind, weil es drangsaliert wurde“

Von 4. Februar 2019 Aktualisiert: 4. Februar 2019 21:36
Nach dem Selbstmord einer elfjährigen Schülerin in Berlin infolge systematischen Mobbings zeigen sich Experten wie Anti-Mobbing-Coach Carsten Stahl bestürzt, aber nicht überrascht. Biologin Dagmar Neubronner warnte schon vor Jahren vor Jahrgangsklassen als Brutstätten für Schultyrannen.

„Ich war schon auf sechs Beerdigungen, bei denen Mobbing Auslöser für Selbstmord war“, erklärt Carsten Stahl in einem Interview mit der „Bild“-Zeitung wenige Tage nach dem Tod einer elfjährigen Grundschülerin in Berlin. Das Mädchen soll vor seinem Selbstmord über längere Zeit systematisch an der Hausotter-Grundschule gemobbt worden sein.

Die Dunkelziffer hält der Coach, der seit fünf Jahren Anti-Mobbing-Seminare im gesamten Bundesgebiet abhält und damit bereits 41 000 Kinder und Jugendliche erreicht hat, für deutlich höher: Er schätzt, dass jeden zweiten Tag ein Kind in Deutschland stirbt, weil es drangsaliert wurde. Dabei kenne Mobbing an Schulen wechselnde Dynamiken – und stoße auf wenig Bereitschaft, dagegen vorzugehen: 

90 Prozent geben an, schon selbst Opfer von Mobbing gewesen zu sein. 90 Prozent waren auch schon mal Täter oder Mittäter. Und 60 bis 70 Prozent haben zugeschaut, statt einzuschreiten.“

Mobber bauen darauf, Beifall zu bekommen

Stahl ist überzeugt: Mobbing wird verharmlost und heruntergespielt, um den Ruf der jeweiligen Schule zu schützen. Dabei habe er Bürgermeister Michael Müller selbst bereits vor drei Jahren darauf aufmerksam gemacht, dass Mobbing in vielen Fällen eine Todesursache sei. Bildungssenatorin Sandra Scheeres habe er mehrfach vergeblich zu seinen Veranstaltungen eingeladen. Dem Anti-Mobbing-Coach zufolge seien alle Schulen von dem Problem betroffen.

Um der Entwicklung gegensteuern zu können, fordert Stahl umfangreiche Investitionen. Es sei nötig, Lehrer und Sozialarbeiter umfassend zu dem Thema zu schulen. „An jeder Schule muss ein Sozialarbeiter mindestens 35 Wochenstunden installiert werden“, zeigt sich Stahl gegenüber „Bild“ überzeugt. Auch sollten Polizei, Pädagogen, Sozialarbeiter und Experten enger zusammenarbeiten, jedes halbe Jahr sollten Präventionsprojekte mit Experten von außen stattfinden.

Eltern sollten auf Alarmzeichen wie Ess- oder Schlafstörungen achten und notfalls der Schule Druck machen. Sollte das keinen Effekt zeigen, sei es sinnvoll, auch noch andere Stellen einzuschalten.

Der seit 23 Jahren in der Gewaltprävention tätige Gymnasiallehrer und Buchautor Wolfgang Kindler hält Mobbing für kein neues Phänomen. Neu seien jedoch zunehmende Willkür, Normenlosigkeit, Hemmungslosigkeit. Kindler war bereits mehrfach in Fernsehsendungen aufgetreten und plädiert für Aufklärung und Sensibilisierung. An seiner eigenen Schule betreibt er selbst eine Anti-Mobbing-AG, um die Zivilcourage zu stärken.

Diese hält er für die wichtigste Stellschraube:

Es gibt Leute [Mobber], die keine Empathie haben. Aber sie achten schon darauf, dass sie Beifall bekommen, dass sie Zustimmung kriegen, dass sie akzeptiert werden. Wenn ihnen das versagt wird, dann überlegen die sich das.“

Neubronner: „Menschliche Gemeinschaft auf Miteinander aller Altersgruppen aufgebaut“

Dass Mobbing dem System Schule immanent sei und es kein richtiges Leben im falschen gäbe, meint hingegen die Biologin und Heilpraktikerin Dagmar Neubronner, die 2005 ihren Kampf gegen deutsche Schulbehörden um das Recht aufgenommen hatte, ihre Kinder zu Hause zu unterrichten.

Sie hält die deutsche Praxis, Kinder zwangsweise in einen monokulturellen Verbund mit Gleichaltrigen einzugliedern, für die eigentliche Brutstätte von Mobbing und anderen dissozialen Verhaltensweisen. Bereits 2012 äußerte sie im „Deutschlandfunk“, dass das Konzept der Jahrgangsklassen der Lebensrealität widerspreche:

„Meine Kinder waren beide so in der Schule, dass sie nach Hause kamen und wirklich erschüttert waren davon, wie die Kinder in der Schule miteinander umgingen. Und aufgrund der Tatsache, dass wir aus ökonomischen, wirtschaftlichen Gründen unsere Kinder in der Schule ja in Jahrgänge einteilen und also alle Sechsjährigen und alle Zehnjährigen und alle 14-Jährigen und so weiter zusammensperren, ist die Schule eigentlich eine Brutstätte für Mobbing und für Schulhoftyrannen, die die Schwächeren drangsalieren und so weiter, weil nämlich unser Gehirn, unsere ganze Entwicklung eigentlich auf urtümliche Verhältnisse designt ist, wo eben Menschen in einer altersgemischten Gruppe von anderen Menschen, von anderen Kindern, die jünger sind, die älter sind, von Erwachsenen, von alten Menschen und so weiter aufwachsen und wo jeder seinen Platz hat.“

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