Facebook-Frust nach Giffey-Auftritt: „Was tun sie nur den Kindern an?“

Von 27. Mai 2020 Aktualisiert: 27. Mai 2020 17:29
Erzieherinnen in Masken, Kinder-Übergabe an der Tür, kein normales Essen. Nach der TV-Sendung "hart aber fair", ließen viele Eltern, hauptsächlich Mütter, ihrem Frust auf der Facebook-Seite von Bundesfamilienministerin Franziska Giffey ihren Lauf.

„Ich war mehr als enttäuscht gestern! Kaum konkrete Antworten auf die gestellten Fragen! Immer versucht, um die Fragen vorbeizureden! Ich sage ihnen es geht nicht so!“, schimpft eine Facebook-Userin auf der Seite von Bundesbildungsministerin Franziska Giffey. Anlass für ihre Unzufriedenheit war Giffeys Auftritt in der ARD-Talkshow „hart aber fair“ am Montagabend (25.5.), in der sich Giffey eindringlich für digitale Bildung ausgesprochen hatte.

„Bevor ich Bundesministerin wurde, war ich Schulstadträtin und verantwortlich als Schulträger für 60 Schulen in Berlin“, sagte Giffey. Sie habe die Erfahrung gemacht, dass es „sehr, sehr“ damit zu tun habe, wie die Schulleitung und die Lehrer vor Ort ticken würden. Schon vor fünf Jahren hätte es „kreidefreie“ Schulen gegeben, die hätten nicht nur die Ausstattung bekommen, sondern auch ein Konzept entwickelt.

Andere hätten gesagt, dass es genug andere Probleme geben würde und lehnten daher eine Digitalisierung zu diesem Zeitpunkt zunächst ab. „Es gehört zur Wahrheit dazu, dass es eine unterschiedliche Bereitschaft gibt“, betonte Giffey. Die müsse jetzt erweckt werden. „Das ist eine Chance, die wir haben.“ In der Corona-Krise hätte sich die Notwendigkeit gezeigt, „dass dieses digitale Lernen auch wirklich überall greift und gemacht wird“. Dafür brauche man allerdings nicht nur die technische Ausstattung, sondern eine Qualifikation der Lehrer. „Die Kinder wollen das. Denen macht das Spaß.“ Für diese sei das „entdeckendes Lernen“.

Giffey glaube daran, dass die Krise eine Chance biete, dass Schulen „sich stärker auf den Weg machen und das digitale Lernen ganz normal wird“. Und zwar überall. Das müsse zum Standard werden. Die Bundesmittel seien da. Jetzt gehe es darum, dass es vor Ort in Ländern und Kommunen umgesetzt werde.

Lernen statt digitale Bildung

„Die Kinder gerade in der Grundschule müssen erstmal richtig lesen und schreiben lernen, bevor sie vor ein Tablet/Laptop/PC geparkt werden!“, widerspricht eine dreifache Mutter. Die Situation sei für sie momentan „schwierig“. Das älteste Kind sei sieben Jahre alt, in der erste Klasse mit Förderschwerpunkt und Pflegestufe. „Die Pflege übernehme ich als Mutter komplett.“ Ihr mittlerer Sohn sei fast fünf. Er vermisse die Kita und leide total, da seine Schwester inzwischen den kompletten Vormittag aufgrund der Schulaufgaben die ungeteilte Aufmerksamkeit in Anspruch nehme. „Dann gibt es noch den Kleinen, der keinen Krippenplatz bekommen hat.“ 

Doch damit nicht genug. Denn zu diesen Problemen gesellen sich nun auch noch finanzielle Sorgen. Ohne Kinderbetreuung kann die dreifache Mutter keiner Arbeit nachgehen und vom Jobcenter gibt es auch kein Geld. „Der Papa verdient zu viel!“ Nun sei die eigentlich arbeitende Mutter, die immer selbständig war und über eigenes Einkommen verfügt habe, eine „Hausfrau ohne Zukunftsperspektive“ – abhängig vom Einkommen ihres Mannes. „So viel zu Vereinbarkeit von Familie und Beruf!“

Vierfache Mutter steht vor Herausforderungen

Diese Worte finden Anklang. Eine andere Facebook-Userin kommentiert: „Wir sind ja eh zu Hause. Also schön brav ruhig sein.“ Aber ohne Perspektiven könne man nur selten ruhig sein.

Die vierfache Mutter befinde sich in Elternzeit mit ihrem jüngsten Kind. Normalerweise sei sie in der Zeit bis 11.15 Uhr mit diesem allein, bevor das dritte Kind vom Kindergarten abgeholt werde. Jetzt seien aber auch noch ihre Kinder, die die achte und zweite Klasse besuchen, zu Hause. „Ich bin also Mama von einem Säugling, Hausfrau, Grundschullehrerin, gymnasiale Lehrerin, Kindergärtnerin, Köchin, Putzfrau, usw.“, fasst sie zusammen.

Gesehen und gehört werde sie nicht. Dafür angefeindet, „wenn man es wagt, etwas zu sagen“. Dann würde es heißen, man hätte sich ja seine Kinder ausgesucht. Und tatsächlich träfe das zu, und zwar „ganz gewiss und aus vollster Überzeugung!  – Aber nicht unter solchen Umständen!“

„Kinder sind weder Risikofaktoren noch Virenschleudern

Ein weiterer Post landet auf Giffeys-Facebookseite: „Als Mutter von zwei Töchtern würde ich mir von Ihnen ein starkes Statement zugunsten der Kinder wünschen. Als Eltern sehen wir zunehmend frustriert und enttäuscht, dass Kinder momentan nur auf ihre Rolle als vermeintliche Risikofaktoren reduziert werden und nicht als Personen mit eigenen Rechten wahrgenommen werden. Kinder sind weder Risikofaktoren noch Virenschleudern, Kinder sind unsere Zukunft!“

„Sie nehmen unseren Kindern einen Teil Ihrer Zukunft!“, klagt eine weitere Mutter. „Sechs Stunden Schule in der Woche, vielleicht auf Monate oder Jahre? Weil, wer weiß, ob und wann es einen Impfstoff geben wird. Wie soll das funktionieren? Wie soll das jemals aufgeholt werden? Wie sollen Eltern arbeiten?“

Es gebe mittlerweile genügend Stimmen, die auf die negativen Auswirkungen auf die Entwicklung der Kinder hinweisen würden. „Aber Indoorspielplätze öffnen… Unfassbar!“  Sie appelliert: „Sie sind Familien- und Frauenministerin. Bitte helfen Sie uns Familien endlich! So kann und darf es nicht weitergehen! Ich bin maßlos enttäuscht und frustriert. Ich sehe keine Auswege mehr für uns Familien! Was muss passieren, dass es Perspektiven gibt!“

Kinder weinen vor Kita-Besuch

Es gebe schon Kinder, die weinen und nicht mehr in die Kita gehen möchten, obwohl es schon seit mehreren Jahren keine Probleme gegeben habe, weiß eine andere Mutter zu berichten. Bald könne es zu der Situation kommen, dass Eltern ihre Kinder nicht mehr in die Kindertageseinrichtung schicken. „Meine Kita, wo meine Kinder endlich seit 19. Mai gingen, ist eher die Ausnahme“, schreibt die Betroffene.

Giffeys Aussage, dass sich Eltern mit ihren Problemen an den Träger der Einrichtung wenden sollen, funktioniere nicht. Denn dies sei das Ergebnis von einer „Kinder als Risikofaktor“-Politik, in der es hauptsächlich um Abstand gehen würde.  „Kinder werden weiter stigmatisiert, Gesellschaft und Kitas als Teil von Gesellschaft sind verunsichert und reagieren entsprechend.“

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Die Liste der Einträge auf Giffeys Seite ist lang. Eine Mutter fragt: „Sehr geehrte Frau Giffey, ich war gestern sehr erstaunt, dass Ihr Sohn eine A und B Woche hat. Liegt es vielleicht daran, weil Ihr Sohn eine Mutter hat, die im Bundestag arbeitet?“ Ihre Tochter würde in die fünfte Klasse eines Gymnasiums gehen, und zwar vor Schuljahresende noch genau zweimal: am 16 und 22. Juni. „Meine Tochter weint regelmäßig, weil sie die Schule vermisst!“, schildert die Mutter die Situation und kritisiert die Bundesfamilienministerin:

Es wird immer nur darüber geredet, wie die Digitalisierung klappt, aber nie, wie es den Kindern psychisch geht! Was tun sie nur den Kindern an? Es geht so nicht mehr weiter! Kinder brauchen die Schule!“

Und während sich der Elternfrust auf Giffeys Facebook-Seite entlädt, ist es auf der Seite der Bundesbildungsministerin Anja Karliczek in der vergangenen Woche ganz ruhig. Auf ihrer Seite geht es hauptsächlich um Forschungen, Modellierungen und Impfstoffe. Und um 500 Millionen Euro für digitale Bildung.

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