„Genauso schlimm wie die Nazis“

Von 3. November 2009 Aktualisiert: 3. November 2009 10:34

Nach Öffnung des Eisernen Vorhangs an der österreichisch – ungarischen Grenze reisten in den vier Monaten vor dem Fall der Berliner Mauer im November 1989 zehntausende Ostdeutsche fluchtartig aus der damals so genannten Deutschen Demokratischen Republik (DDR) aus. Doch viele warteten bis zuletzt auf eine Ausreiseerlaubnis. Einer davon war der Magdeburger Fred Hosse, der erst 14 Tage vor dem Fall der Berliner Mauer die Ausreiseerlaubnis erhielt.

„Wahrscheinlich wussten sie damals schon, dass die Mauer fällt“, sagt Hosse heute. Als Silomeister bei den staatlichen „volkseigenen“ (VEB) Betrieben Magdeburg hatte er im Frühjahr 1984 seine Arbeiter gegenüber dem Direktor verteidigt und war daraufhin gekündigt worden. Als er dann den Entschluss fasste nach Lübeck auszureisen, wusste er noch nicht, was ihn in den folgenden Jahren erwarten würde: wiederholte Aufforderungen seinen Ausreiseantrag zurückzunehmen und Repressionen.

So musste sich Hosse in den fünfeinhalb Jahren alle 14 Tage zum polizeilichen Verhör melden. Die Prozedur dabei war immer dieselbe: nachdem er mehr als drei Stunden warten musste, wurde er in das Verhörzimmer geladen und neben den üblichen Fragen aufgefordert, seinen Ausreiseantrag zurückzunehmen. Dabei waren neben dem verhörenden Beamten noch zwei weitere Polizisten im Raum. „Sie standen hinter mir knapp vor der Wand und mussten in die Zimmerecke schauen, damit sie sich während des Verhörs bestmöglich auf meine Stimme, die Stimmungs- und Gemütslage konzentrieren konnten“, so Hosse.

Gleichzeitig mit den polizeilichen Verhören waren plötzliche alle seine Bewerbungen bei anderen Arbeitsstellen erfolglos und auch seine Tochter wurde in der Schule von Lehrern und Schülern ausgegrenzt und schikaniert. Als er sich auch von diesen Maßnahme nicht einschüchtern lassen wollte und den Ausreiseantrag nicht zurücknahm, fanden sich fortan plötzlich rund um die Uhr Unbekannte vor seinem Haus, die ihm auf Schritt und Tritt folgten.

Um zumindest ein bisschen Geld für den Lebensunterhalt seiner Familie zu verdienen, nahm der Magdeburger verschiedene Arbeiten auf dem Schwarzmarkt an.

Warum er jahrelang auf seinen Ausreiseantrag warten musste, war Fred Hosse erst nach der Wende klar: 1990 stellte sich heraus, dass sein damaliger bester Freund, den er mehr als 17 Jahre kannte und mit dem er einige Abende beim Schachspielen oder bei einem Glas Schnaps verbracht hatte, ein Spitzel war. Jahrelang hatte er im Auftrag der Staatssicherheit (Stasi) die politischen Ansichten seines Freundes aus Vieraugen-Gesprächen verraten. Und doch habe er Glück gehabt, so der Silomeister heute: „Es hätte noch schlimmer ausgehen können, indem ich wie so viele andere plötzlich verschwunden wäre“. Als er 1990 seinen ehemaligen Freund besuchen  wollte, um ihn zur Rede zu stellen, hatte eine andere Familie das Haus gekauft. So wie ihm, war auch den Nachbarn nicht bekannt, wo sein Ex-Freund untergetaucht war.

Als Fred Hosse 1989 mit 40 Jahren schließlich mit Frau und zehnjähriger Tochter ausreisen durfte, legte ihm die Polizei nochmals Steine in den Weg: Er durfte nämlich nicht den nächstgelegenen Grenzübergang in die Bundesrepublik verwenden, sondern musste über Bayern einen Umweg von mehr als 1 000 Kilometern machen. Mitnehmen durfte er dabei nur, was in seinen alten, kleinen Trabant passte. Der Rest, Hausrat und das Haus selbst, ging an die Stasi.

Wenn sich Hosse heute zurückerinnert, ist eines klar: „Die Kommunisten waren genau so schlimm wie die Nazis“. Er sei froh im vormaligen Westen zu sein. Eine Übersiedelung auf den Boden der ehemaligen DDR schließt er nach 20 Jahren auch für die Zukunft aus: „Ich werde hier im Westen bleiben. Wer weiß, ob nicht bei der DDR irgendwann doch noch einmal die Russen kommen.“

Erschienen in The Epoch Times Deutschland Nr. 42/09

(Patrick Hertzog/AFP)
(Patrick Hertzog/AFP)

 

 

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