Stimmungsbild vom Tag „Der Deutschen Einheit“ 2018 (Teil 2): „Politiker und Parteien sind gerade sehr mit sich selbst beschäftigt“

Von 5. Oktober 2018 Aktualisiert: 5. Oktober 2018 21:16
Am "Tag der Deutschen Einheit" war Epoch Times in der Hauptstadt unterwegs, um ein Stimmungsbild der Menschen in Deutschland einzufangen.

Auf dem Festgelände zu den Feierlichkeiten am 3. Oktober sprechen wir auf  Straße des 17. Juni direkt vor dem Brandenburger Tor Menschen an, um sie zu befragen, was sie über Deutschland denken.

Hier treffen wir Henning Schröder (51) einen Ost-Berliner, der in der DDR aufgewachsen ist. Er fühlt sich in Deutschland eigentlich ganz gut. „Ich muss sagen, Deutschland ist ein liberales Land. Es lebt sich hier gut, es arbeitet sich hier gut. Hier gibt es viele politische Freiheiten, die ich sehr schätze“, so der Physiker.

Ob für ihn der Tag der Deutschen Einheit ein Feiertag ist, wollen wir wissen: „Ich glaube schon. Ich glaube, nach den 28 Jahren ist eine ganze Menge besser geworden, das schon. Und ich glaube es ist auch für viele etwas besser geworden. Es ist besser gestaltet worden als ich vor 28 Jahren dachte“, so der Berliner. „Ich war eher kritisch, ich bin immer noch sehr kritisch aber vieles ist gut gemacht worden“, erklärt er weiter.

Schröder: „Wir fahren immer noch zu viel Auto“

Was sollte sich ändern in Deutschland fragen wir ihn: „Ja, im Bereich der Ökologie zum Beispiel, da sind wir Vorreiter gewesen, auch im Bereich Energiewende, im Bereich Umweltschutz und im Bereich Klimaschutz, das ist schwächer geworden.“ Wir würden immer noch zu viel Auto fahren ist er der Meinung. „In den genannten Bereichen müssen wir die Vorreiterrolle, die wir international gehabt haben, wieder einnehmen – da ist viel zu machen“, so der Berliner.

Auf die Frage, was er an Deutschland liebe, antwortet er, „Viel natürlich. Ich liebe gutes Essen, ich liebe eine gute Landschaft. Aber ich liebe auch eine Vielfalt. Wir sind ein föderales Land.“ Wir hätten gelernt mit Vielfalt in den Regionen umzugehen und viele Entscheidungen würden nicht zentral gefällt, zumindest die, die nicht nötigerweise zentral gefällt werden müssen, und das ist gut organisiert in Deutschland, findet Schröder. „Wir lernen von anderen Bundesländern untereinander, es gibt einen Finanzausgleich zwischen Bundesländern, die mehr oder weniger wirtschaftsstark sind und das ist gut“, so der Wissenschaftler.

Gibt es etwas in Deutschland , was sich ändern sollte oder sollte alles so bleiben wie es ist, fragen wir als nächstes. „Nein sicherlich nicht, da gibt es eine ganze Menge, was verändert werden könnte insbesondere im Bereich Umweltschutz wie gesagt und im Bereich Demokratiemitgestaltung.“

Physiker: „Die Versprechungen wurden damals nicht kritisch hinterfragt“

„Hat sich für Sie die Einheit Deutschlands schon vollständig vollzogen“, wollen wir von dem Ingenieur wissen. „Sicherlich nicht. Besonders in Ostdeutschland, das ist ja der Teil, wo Änderungen vollzogen werden mussten, in großen Teilen Westdeutschlands hat sich ja nicht viel ändern müssen.  Sowohl mentalitätsmäßig als auch in Bezug auf Löhne und Renten, da gibt es noch Unterschiede“, erklärt Schröder.

Die Bürger hätten zum Teil das Gefühl, dass es nicht schnell genug ging. Versprechen, auch politische Versprechen von vor 28 Jahren, wurden nicht eingehalten, so der Physiker. „Sie wurden damals aber auch nicht so kritisch reflektiert und dann entsteht manchmal das Gefühl von Enttäuschung“, erzählt Schröder. „Aber das kann wachsen und das muss wachsen und somit ist es noch längst nicht vollzogen. Ich glaube, 28 Jahre sind historisch gesehen auch gar nicht so eine lange Zeit. Das braucht noch mehrere Generationen“, so der Berliner.

Gibt es Werte in Deutschland, die es gilt zu bewahren, zu pflegen und zu schützen, wollen wir dann von ihm wissen. „Ich denke auf jeden Fall und ich denke da insbesondere an die philosophischen Werte des kritischen Denkens. Das ist etwas europäisches, etwas was auch philosophisch von Deutschland ausging. Und das ist etwas, was im politischen im kulturellen und im liberalen Bereich viel unserer Kraft und auch unserer gesellschaftlichen Innovationskraft ausmacht, und das muss bewahrt werden.“ Und er fügt an: „Das ist nicht jedermanns Sache. Und es ist, glaube ich, etwas Wesentliches“.

Wofür würden sie auf die Straße gehen fragen wir ihn abschließend. „Für Demokratie, für Umweltschutz, für Menschenrechte“, antwortet der Physiker, der Mitglied der Grünen ist.

Berlinerin: „Wünsche mir mehr Toleranz und Geschmeidigkeit in der Gesellschaft und auch Politik“

Dann treffen wir die Physio- und Tanztherapeutin Susanne Armbruster-Falkenberg (54) eine West-Berlinerin. Die mit körperlich und geistig behinderten Erwachsenen und neurologischen Patienten arbeitet. „Fühlen Sie sich wohl in Deutschland?“ wollen wir auch von ihr zunächst wissen. „Ja ich fühle mich sehr wohl und sicher in Deutschland“.

Ist der heutige Tag ein Feiertag für sie fragen wir. „Ja ein ganz besonderer Tag, weil ich Berlinerin bin und im Westteil der Stadt aufgewachsen bin und mich noch an  an viele Situationen erinnere, gerade hier in der Nähe des Brandenburgers Tores, wo wir doch sehr gespannt immer rübergeguckt haben von den dementsprechenden Ausguckstellen. Von dort haben wir die andere Seite beobachtet. Das, was da am Brandenburger Tor los war, hat mir auch ein bisschen Angst gemacht“.

Sie ist froh über die Wiedervereinigung Deutschlands, aber es gibt auch Dinge, womit sie nicht zufrieden ist. Dies sei selbstverständlich die aktuelle politische Situation in unserem Land, die doch recht brisant sei, gerade in einigen Teilen Deutschlands. „Da würde ich mir mehr Toleranz und Geschmeidigkeit der Menschen wünschen und auch der Politiker“, so die Therapeutin.

Therapeutin: „Politiker sind sehr mit sich selbst beschäftigt“

„Ich finde, dass die Politiker oder die Parteien gerade sehr mit sich selbst beschäftigt sind und doch so ein bisschen vergessen, was eigentlich in den Bundesländern gerade aktuell los ist“. Sie findet, dass die Politiker für solche Situationen mehr Handlungskompetenzen vorweisen müssten.

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„Zum Beispiel, was so gerade in Sachsen los ist. Ich denke, das ist auch ein Hilfeschrei der Menschen dort und ich würde mir da mehr Präsenz der Politiker wünschen und dass sie auch mal schauen, warum und weshalb Dinge so laufen, wie sie gerade laufen. Die Politiker sollten das Gespräch mit den Menschen vor Ort suchen“, erklärt die Berlinerin.

Was sie an Deutschland liebe, fragen wir sie dann. „Ich mag das ganz gerne, dass alles funktioniert. Wenn ich in anderen Ländern bin, stelle ich doch immer wieder fest, dass es doch viele Dinge in Deutschland gibt, die ich für selbstverständlich halte und es auch sehr genieße – dass alles so gut funktioniert“, so Armbruster-Falkenberg. Unser Gesundheits- und Bildungssystem und Sozialsystem sei schon sehr gut, findet sie. „Das soll nicht heißen, dass es nicht auch noch ausbaufähig ist“, erklärt die Therapeutin.

West-Berlinerin: „Renten und Gehälter in Ost und West noch immer nicht auf einem Niveau“

Ob sich für sie die Einheit Deutschlands schon vollständig vollzogen hat, wollen wir gerne wissen. „Die Renten aber auch die Gehälter haben sich immer noch nicht angeglichen, das sind schon ganz eklatante Unterschiede, wo ich auch denke, dass es höchste Eisenbahn ist, dass sich das angleicht und auf einem Niveau ist“, so Armbruster-Falkenberg.

Sind wir ein Volk, lautet dann unsere Frage. „Ja“, erklärt die Tanztherapeutin. Und was macht für sie aus, eine Deutsche zu sein. Was verbindet sie mit dem „Deutschsein“. „Wir haben eine schöne Kultur gerade hier in Berlin und wir haben eine interessante Geschichte – auch die Sprache.“

Gibt es etwas, das wir hochhalten müssen, bewahren und pflegen wollen wir abschließend wissen. „Mir wäre es ganz wichtig, dass wir Toleranz prägen und wir sie pflegen“, so die Therapeutin. Und fragt: „Was ist deutsche Kultur? Ich leben in einer Stadt, die ist Multikulti, das genieße ich und das liebe ich auch und ich möchte auch, dass dies weiter gepflegt wird“, sagt die West-Berlinerin.

Sängerin aus Brandenburg: „Wünsche mir, dass die konservativen und rechten Strömungen sich wieder beruhigen“

Auf dem Festgelände zum Tag der Deutschen treffen wir dann Marlen Meißner (34), die als Sängerin mit ihrer Band beim Fest hier auftritt.

Ob sich die Brandenburgerin in Deutschland wohlfühle, wollen wir als Erstes wissen. „Ich fühle mich sehr wohl in Deutschland, weil ich finde, dass es ein freies Land ist im Vergleich zu anderen Ländern in der Welt. Man kann in Deutschland größtenteils unbehelligt als Frau abends allein durch die Stadt gehen, ohne das einem was passiert, meistens jedenfalls. Deswegen fühle ich mich sehr wohl hier“, so die Musikerin.

Sie freut sich, dass Deutschland wiedervereinigt wurde. Daher hat der „Tag der Deutschen Einheit“ unter den Feiertagen bei ihr auch einen besonderen Stellenwert. In Bezug zu dem, was sich hier ändern sollte sagt sie, dass „die rechten oder konservativen Strömungen die gerade so im Aufkommen sind. Es wäre schön, wenn die sich wieder bisschen beruhigen würden.“ Aber sie glaubt, dass es ein langer Prozess ist, der noch eine Weile dauern wird.

Ihrer Ansicht nach ist es auch nicht verwunderlich, dass dies passiert. Sie sieht es als eine Folge der Globalisierung. Dadurch würden sich die Menschen wieder zurückziehen wollen und gern ihr eigenes „kleines Leben“ verfolgen, erklärt die Musikwissenschaftlerin. „Haben Sie eine Idee, was man tun könnte, damit sich die Menschen hier in Deutschland wieder sicherer und wohler fühlen“, fragen wir sie.

„Ich glaube, das braucht einfach Zeit. Ich denke, dass viele überfordert sind, mit den Wahlmöglichkeiten, die das moderne Leben bietet und wenn ich zu viel Auswahl habe, bin ich manchmal verunsichert“, ist die Antwort. Sie glaubt viele wünschen sich einen geraden Weg oder jemanden der ihnen mehr vorgibt. „Ich glaube, man muss erst mal umgehen lernen mit so viel Freiheit. Ich glaube, die neue Generation macht das schon automatisch, also wenn man sich jetzt die 18 bis 30 jährigen anguckt, die sind da, glaube ich, etwas anders drauf, die genießen das eher“, so die Musikpädagogin.

Musikpädagogin: „Wir leben in einem guten Gesellschaftssystem, in dem es das Mitbestimmungsrecht gibt“

Was sie an Deutschland liebe: „Das man abends auf einem öffentlichen Platz mit einer Flasche Bier sitzen darf, ohne dass es verboten ist.“ Sie liebt außerdem die Demokratie, auch wenn das viele nicht so fühlen würden. „Aber ich denke, wir leben in einem guten Gesellschaftssystem, in dem es das Mitbestimmungsrecht gibt“, so die Brandenburgerin.

„Wir müssen aufpassen, dass wir nicht in eine Ecke abdriften in eine sehr konservative rechts ausgerichtete Ecke“, findet die Brandenburgerin. Und führt fort: „Eine Ecke, die immer mehr Einschränkungen fordert und auch umsetzt. Sie hofft, dass das nicht passiert und, „dass wir so freiheitlich bleiben, wie wir es gerade sind“.

Hat sich die Einheit schon vollständig vollzogen, wollen wir gerne von ihr wissen. „Größtenteils schon, es gibt natürlich noch Lohnunterschiede, Unterschiede bei den Lebenshaltungskosten und bei den wirtschaftlichen Entwicklungen“. Die sieht sie aber auch in anderen Ländern, wo es beispielsweise eine Nord-Süd-Trennung gibt, wie zum Beispiel in Italien oder in England. Bei uns hat es halt noch einen politischen Hintergrund. Sie findet: „Es gibt noch Kleinigkeiten, die sich angleichen sollten, doch für die jüngeren Generationen spielt das kaum noch eine Rolle“, erklärt die Brandenburgerin.

Musikerin: „Als Mutter, sechs Monate nach der Geburt, wieder voll zu arbeiten war normal“

Bei jungen Frauen sehe sie in der in der Kinderbetreuung einen auffallenden Unterschied . In Bayern beispielsweise ist es teilweise immer noch üblich, dass die Frau zu Hause bleibt, bis das Kind manchmal 12 Jahre alt ist. „Das gibt es bei uns nicht. Das kenne ich weder von meiner Mutter noch von meiner Oma. In Ostdeutschland wären die Frauen voll arbeiten gegangen, nachdem das Kind ungefähr sechs Monate alt war. „Das war einfach normal“, berichtet die gebürtige Finsterwalderin. In Westdeutschland sei es teilweise immer noch so, dass man deshalb als Rabenmutter gelte, erzählt die Wissenschaftlerin. Sie selber würde das genauso machen wie ihre Mutter und früh wieder arbeiten gehen.

Was macht es für dich aus Deutsche zu sein fragen wir sie dann, welche Traditionen, Werte sollte man unbedingt erhalten. „Ich fühle mich mehr als Europäerin als als Deutsche“, antwortet die aus den neuen Bundesländern stammende Musikpädagogin. Dann erklärt sie, dass man sage, die Deutschen wären so penibel, ordentlich und genau. Dies ist für sie ein Klischee.

Aber wenn man Deutschland mit anderen Ländern vergleiche, findet sie, dass die deutsche Mentalität auch ihre Vorteile hat, wenn man beispielsweise an die Lebensmittelhygiene denkt oder unseren Fern- und Nahverkehr, die größtenteils pünktlich fahren. „Alle solche Sachen, die werden vielleicht oft belächelt, das man alles so genau nimmt, das hat aber auch sein Gutes“, erklärt die Brandenburgerin.

Abschließend fragen wir die Musikerin, wofür sie auf die Straße gehen würde. Sie antwortet: „Für die Freiheit, die Demokratie und für die Gleichberechtigung aller Menschen, die in Deutschland leben“.