Kein Platz mehr für arme Leute – Peking soll ein feiner Ort für die Elite werden

Von und 7. December 2017 Aktualisiert: 7. Dezember 2017 22:07
Ein weiteres Armutszeugnis des kommunistischen Regimes in China. Zehntausende Wanderarbeiter stehen ohne Job und ohne Bleibe auf der Straße - man schließt ihre Geschäfte und reißt ihre Wohnhäuser ab. Peking soll ein feiner Ort für die Elite werden, für "Einwohner niedriger Qualität" ist da kein Platz mehr.

In Peking steht genau wie hier der Winter vor der Tür. Doch während wir es uns in Deutschland warm und gemütlich in den eigenen vier Wänden einrichten, werden Pekings Wanderarbeitern die Dächer über dem Kopf abgerissen. Und der Job ist auch gleich mit weg.

Zehntausende Wanderarbeiter fliehen derzeit vor den Planierraupen in der chinesischen Hauptstadt. Peking soll ein feiner Ort für die Elite werden. Im Frühjahr hat die Regierung bereits begonnen, ihre Läden und Restaurants abzureißen. Jetzt fallen die Abrisskolonnen über die Wohngebäude her, in denen sie gehaust haben. „Einwohner niedriger Qualität“ will Peking nicht mehr haben, heißt es.

Innerhalb von 40 Tagen will der Chef der Stadtverwaltung, Cai Qi, das Problem mit den minderwertigen Behausungen lösen. Und das der Wanderarbeiter gleich mit, denn „die Einwohnerzahl übersteigt bereits die Kapazität“, verteidigt er die Zwangsräumungen.

Als Anlass für ihr rigoroses Vorgehen nahm die Stadtverwaltung einen Großbrand in einem zweistöckigen Wohnhaus in einem Pekinger Vorort. Vor dem 18. November wohnten dort in 305 Mini-Appartments rund 400 Menschen, die als Wanderarbeiter in der Stadt tätig waren. Bei dem Brand starben 19 Menschen, darunter acht Kinder.

Das Gebäude mit seiner Textilfertigungsstätte im Keller war alles andere als brandsicher und auch die Fluchtmöglichkeiten im Falle eines Unglücks waren gering. Die Fenster vergittert, nur ein schmaler Gang, der die Wohnungen miteinander verband und der war unbeleuchtet.

Brand kam nicht ungelegen

Nach Zeugenaussagen brach das Feuer in der Fertigungsstätte im Keller aus und arbeitete sich von dort nach oben, die meisten Opfer waren Mitarbeiter der Textilmanufaktur. Die Untersuchungen zur Brandursache dauern an.

Für Peking kam der Brand nicht ganz ungelegen, verschärfte die Stadt doch sofort ihre Vertreibungspolitik gegen „Einwohner mit niedriger Qualität“. Konkret heißt das, viele Wanderarbeiter müssen innerhalb von drei Tagen ihre Wohnungen verlassen, wer sich widersetzt, macht sich strafbar.

Ein Pekinger Internetnutzer schreibt, in seinem Stadtteil Tongzhou-Yihe wurden über 800 Mieter gezwungen, ihre Wohnungen zu verlassen. Man drohte mit der Abschaltung von Strom, Wasser und Heizung. Um bei dem Auszug nachzuhelfen, habe die Stadtverwaltung Leute geschickt, die in die Wohnungen eingedrungen seien und das Gepäck der Menschen auf die Straße oder den Müllcontainer geworfen hätten und sie aufforderten, sofort zu gehen. Manche hätten nicht einmal mehr Zeit gehabt, ihre Sachen zu packen.

Wanderarbeiter haben Peking aufgebaut – jetzt braucht man sie nicht mehr

So geschah es in vielen Pekinger Siedlungen. Plötzlich standen überall Menschen mit Gepäck auf der Straße, hilflos darüber, wo sie unterkommen könnten. Die Mieten stiegen in diesen Stadtteilen in einer halben Stunde um 1000 Yuan (ca. 140 €) an, seit dem Brand in dem Wohnhaus haben sie sich größtenteils sogar verdoppelt. Sollten die Vertriebenen eine Wohnung finden, dann ist sie wahrscheinlich zu teuer für sie. Und auch das ist gewollt, schließlich will man die armen Leute ganz aus der Stadt heraus haben.

Die Wanderarbeiter waren viele Jahre unentbehrlich für den Aufbau der Pekinger Infrastruktur, jetzt werden sie nicht mehr gebraucht. Das Armutszeugnis, dass sich die Kommunistische Partei hier liefert, besteht darin, dass man den armen Leuten keine Alternativen anbietet oder gar eine Entschädigung zahlt. Nein, die Leute stehen jetzt buchstäblich auf der Straße, können sich bestenfalls ein Zugticket zurück in die Heimat kaufen. Was sie dort erwartet, ist ungewiss.

Die schleichende Vertreibungspolitik der Pekinger Stadtverwaltung läuft schon seit 2013. Schon damals begann man, nach und nach die Geschäfte der Wanderarbeiter aufzulösen. Das größte Textil-Handelszentrum in Nordchina befindet sich am Pekinger Zoo. Dort gab es insgesamt elf Textilmärkte mit über 13.000 Ständen. Rund 30.000 Leute fanden hier Arbeit. Mit allen dazugehörigen Dienstleistungen bot es sogar Arbeit für 300.000 Menschen. Das Zentrum konnte täglich 100.000 Besucher verzeichnen, Ende November war es schließlich geschlossen worden.

Der Fall ist keine Ausnahme in Peking. Schritt für Schritt werden die Märkte geschlossen, die über Jahrzehnte das Stadtbild der chinesischen Hauptstadt prägten.

Zurück in noch mehr Armut und Ungewissheit

Kommentator Hua Po aus Peking sagt, dass dies eine Strategie der neuen Regierung sei, um die Stabilität der Stadt zu wahren. Zuerst schließe man die Arbeitsstätten der Armen, dann erhöhe man die Mieten und reiße gleichzeitig den Billigwohnraum ab. Den Leuten bleibe keine andere Wahl, als Peking zu verlassen.

Die Unmenschlichkeit der Regierung zeigt sich darin, dass man den Wohnhausbrand nicht nutzte, um zukünftig für mehr Sicherheit zu sorgen, sondern man nutzte ihn, um die Menschen zu vertreiben“, sagt er.

Die Wanderarbeiter hätten viel zum Reichtum der Stadt beigetragen, jetzt brauche man sie nicht mehr. Dass man sie einfach rausschmeißt, sei grausam, sagt Hua, und spricht gleichzeitig von einem Selbstmord der Stadt. Schließlich werde die ganze Infrastruktur durch Wanderarbeiter aufrecht erhalten, sie arbeiten in allen Bereichen der Dienstleistungen, wie Gastronomie, Lieferservice, Reinigungsservice und vieles mehr.

Doch offenbar ist die Angst auch groß, dass sich diese Leute zusammentun und Unruhe stiften könnten. Dann schmeißt man sie doch vorher lieber raus, so Hua.

Themen
Panorama
Newsticker