SchaukelFoto: Sean Gallup/Symbolbild/Getty Images

Missbrauchsserien erschüttern Deutschland: Auch Stars sprechen über sexuellen Missbrauch

Epoch Times27. Juni 2020 Aktualisiert: 27. Juni 2020 8:52
Die Fälle von Kindesmissbrauch in der jüngsten Vergangenheit erschütterten Deutschland. Nun sprechen immer mehr Prominente über sexuellen Missbrauch – dem sie selbst ausgesetzt waren.

In jüngster Zeit gerät der Kindesmissbrauch zunehmend in den Fokus der Öffentlichkeit. Allein in den vergangenen eineinhalb Jahren haben Ermittler in Deutschland mehrere schwere Missbrauchsserien an Kindern aufgedeckt. So waren auf einem Campingplatz im nordrhein-westfälischen Lügde jahrelang zahlreiche Kinder missbraucht worden.

Aktuelle Ermittlungen richten sich gegen Pädophilennetzwerke, denen die nordrhein-westfälische Polizei nach Missbrauchstaten in Bergisch Gladbach und in Münster auf die Spur kam. Die Straftaten und ihr Ausmaß lösten bundesweit Entsetzen aus.

Auch bei Stars im In- und Ausland: Lady Gaga, Wolfgang Niedecken, Natascha Ochsenknecht, Pamela Anderson, um nur einige Namen zu nennen. Sie alle beschäftigen sich mit dem Thema und haben über sexuelle Gewalt und Missbrauch gesprochen oder geschrieben.

„Wie schrecklich und furchtbar es ist, dass Kindern so etwas widerfährt“, sagte Natascha Ochsenknecht, die Ex-Frau von Uwe Ochsenknecht, der „Süddeutschen Zeitung“. „Man tötet die Seele eines Menschen mit diesen Taten. Das macht mich wütend und traurig zugleich.“ Seit dem Missbrauch an ihrem heute 30 Jahre alten Sohn Wilson vor 25 Jahren beschäftige sie sich mit diesem Thema. „Als ich damals herausgefunden habe, was meinem Kind passiert ist, war das wie ein Stich ins Herz.“ Sie sammelt als betroffene Mutter in einer Online-Petition Unterschriften für schärfere Strafen bei Kindesmissbrauch.

Wilson wurde als Sechsjähriger von einem Bekannten der Familie missbraucht. Er hat darüber früher gesprochen. Aktuell will er das Thema selbst nicht auswalzen, er ist mit Dreharbeiten beschäftigt. Er ist aber mit der Kampagne seiner Mutter einverstanden und teilt die Petition im Netz, wie sein Management betont.

Auch der Musiker Wolfgang Niedecken spricht offen über das Erlebte: Er wurde als 13-Jähriger von einem Pater in einem Internat bei Köln geschlagen und sexuell missbraucht. Wenn er beim Vokabel-Abfragen stockte, wurde er anschließend blutig geprügelt. Den Stock dafür musste er sich selber schneiden. Abends konnte es passieren, dass ihn der Priester aus dem Bett holte. „Dann durfte man sich bei dem auf den Schoß setzen und wurde befummelt.“ Und dann habe er bei diesem Mann auch noch beichten müssen, erzählte der heute 68 Jahre alte BAP-Frontmann 2019 der Deutschen Presse-Agentur.

Auch Modeschöpfer Harald Glööckler wurde missbraucht. Das erzählte er 2018 in einem Interview mit der „Bild“-Zeitung. Er sei fünf oder sechs Jahre alt gewesen, als ein Stammgast des Wirtshauses seiner Eltern sich in einem Waldstück vor ihm ausgezogen, ihn angefasst und ihn gezwungen habe, auch ihn zu berühren. Der Täter habe schließlich wegen eines heranfahrenden Traktors von ihm abgelassen.

Auch andere Stars wie Pamela Anderson, oder Lady Gaga wurden missbraucht und brachten dies auch an die Öffentlichkeit.

Julia von Weiler von der Kinderschutzorganisation Innocence in Danger sagte, es sei positiv, wenn sich Stars, die selbst von Missbrauch betroffen sind, öffentlich äußern. Prominente haben eine andere Reichweite, deswegen sei dies hilfreich. „Man muss lernen, selbstverständlich über das Thema zu reden.“ Dabei könnten Prominente helfen. Auch die Online-Petition von Natascha Ochsenknecht findet sie gut und sinnvoll.

Der Umgang mit sexuellem Missbrauch in Deutschland habe sich geändert. Seit den Skandalen in der Kirche und Schulen gehe es nun nicht mehr nur um Frauen, sondern auch um Männer. Heute werden die Taten gefilmt und ins Netz gestellt, das löse eine andere Empörung aus, sagte die Expertin. „Wir bewegen uns langsam aus der Tabuzone heraus.“

NRW startet Initiative für härtere Strafen bei Kindesmissbrauch

Auch die Politik zeigt Betroffenheit und will handeln: Nordrhein-Westfalens Landesregierung will mit der Unterstützung der anderen Bundesländer im Kampf gegen sexuellen Kindesmissbrauch umfassende Verschärfungen im Strafrecht erreichen. Ein 65-seitiger Gesetzesentwurf für die Sitzung des Bundesrates am 3. Juli, über den die „Welt“ berichtete, sieht mehrere Änderungen vor. Ein wesentlicher Punkt ist die Anhebung der Mindeststrafe von sechs Monaten auf ein Jahr bei sexuellem Missbrauch von Kindern gemäß Paragraf 176 Strafgesetzbuch.

Dadurch würde dieses Delikt nicht mehr als Vergehen, sondern als Verbrechen geahndet. Gleiches solle bereits für den Besitz und das Verbreiten von Missbrauchsabbildungen gelten. Nordrhein-Westfalen verspricht sich davon eine größere abschreckende Wirkung auf potenzielle Täter, weil dann Bewährungsstrafen und Einstellungen gegen Geldauflagen verhindert würden.

Es dürfe „grundsätzlich keine Bewährungsstrafe geben, wenn sich jemand an der Vergewaltigung von Kindern beteiligt“, sagte Nordrhein-Westfalens Familienminister Joachim Stamp (FDP). Zudem müsse der Besitz von Kinderpornografie härter bestraft werden. „Das ist kein Kavaliersdelikt, sondern die Beteiligung an der Zerstörung von Leben.“ Opfer seien oftmals für immer traumatisiert. Laut Entwurf gehe es darum, „Schutzlücken“ zu schließen.

Durch die Missbrauchskomplexe Lügde, Bergisch Gladbach und Münster werde deutlich, „welche Dimensionen Kindesmissbrauch hat und wie verbreitet er offenbar in unserer Gesellschaft ist“.

2019 habe allein die Polizei in NRW 2.805 Missbrauchsfälle registriert, ein Anstieg um 15,8 Prozent im Vergleich zu 2018. Zudem will die Landesregierung auch gegen die Vernetzung von Tätern im Internet vorgehen. „Diese Verbreitungs-, Vernetzungs- und Austauschfunktion moderner Mediendienste hat mindestens als Reflex vielfach zur Folge, dass in einschlägigen Täterkreisen ein steter ‚Bedarf‘ an neuen Opfern entstanden ist, der mitunter entschlussfördernd im Hinblick auf künftige Taten wirken kann“, heißt es im Gesetzentwurf.

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Solches Bildmaterial diene als „Einstiegsdroge in eine andere Welt“, in welcher der Konsum der Abnehmer permanent steige und die Begehung von Straftaten an Kindern fördere. „Sobald solches Material auch noch gegen Bezahlung angeboten wird, verlangen die Kunden darüber hinaus beständig neues und aktuelles Material.“

Durch diese Form der „widerwärtigen“ Industrie werde weiterem Kindesmissbrauch Tür und Tor geöffnet. Deshalb will NRW, dass die Mindeststrafe für die Verbreitung, Herstellung und den Besitz von Missbrauchsdarstellungen auf ein Jahr angehoben wird. Dies solle auch für Fälle gelten, „in denen der Täter gewerbs- oder bandenmäßig handelt oder sich willentlich einer Gruppe in den sozialen Netzwerken anschließt, um Darstellungen des Missbrauchs von Kindern zu erhalten“.

Lambrecht will auch Besitz von Kinderpornografie strenger ahnden

Bundesjustizministerin Christine Lambrecht (SPD) hat auch schon angekündigt, den Besitz von Kinderpornografie künftig als Verbrechen mit einer Mindeststrafe von einem Jahr zu ahnden. Jedem müsse klar sein, dass Kinderpornografie „kein Witz, keine Kleinigkeit“ sei, sagte Lambrecht im Bundestag. Bundesfamilienministerin Franziska Giffey (SPD) kündigte eine Aufklärungskampagne gegen Missbrauch an.

Lambrecht sprach ausdrücklich von Kinderpornografie, hinter der Missbrauch stehe. Sie hatte in der vergangenen Woche bereits angekündigt, die gewerbsmäßige Verbreitung von Kinderpornografie künftig anders als bisher als Verbrechen einzustufen. Die Ministerin bekräftigte ihre Ankündigung, künftig jeglichen sexuellen Missbrauch als Verbrechen einzustufen. Minderschwere Fälle werde es nicht mehr geben.

Unionsfraktionsvize Thorsten Frei (CDU) zeigte sich zuversichtlich über eine baldige Einigung über die geplante Strafrechtsreform. „Wir werden uns über diese Frage nicht streiten“, sagte er in der Debatte. „Wir werden uns einigen.“ Das parlamentarische Verfahren solle rasch vorankommen.

Der Beauftragte der Bundesregierung für sexuellen Kindesmissbrauch, Johannes-Wilhelm Rörig, beklagte eine mangelnde Unterstützung der Länder bei Programmen in den Schulen gegen Missbrauch. „Der politische Wille, in diesem Feld zu handeln, ist wirklich sehr kümmerlich ausgeprägt.“

Die Evangelische Kirche in Deutschland (EKD) hat eine Studie zur Aufarbeitung des sexuellen Missbrauchs auf den Weg gebracht. Sie soll klären, welche besonderen Risikofaktoren für Missbrauch in der evangelischen Kirche und der Diakonie bestehen. (afp/dpa/so/dts)