Big Five: Ex-Direktorin von Cambridge Analytica enthüllt Geheimnis hinter moderner Propaganda

Von 11. Januar 2020 Aktualisiert: 11. Januar 2020 15:05
Reumütig zeigt sich die frühere Direktorin für Geschäftsentwicklung von Cambridge Analytica, Britanny Kaiser. Auf Twitter will sie Dokumente über Strategien der Manipulation auf der Basis von Data Mining offenlegen. Dabei geht es vor allem um Persönlichkeitsstrukturen.

Als David Axelrod, der Wahlkampfmanager des Ex-US-Präsidenten Barack Obama 2012 nach dessen erfolgreicher Kampagne zur Wiederwahl begann, über eines seiner Geheimnisse zu sprechen – nämlich Data Mining und zielgruppengerechte Verwertung von Daten aus sozialen Netzwerken -, konnte er sich vor Anfragen für Interviews und Vorträge kaum retten.

Strategen aus aller Welt wollten mehr wissen über die politische PR-Arbeit der Zukunft und die Möglichkeiten, die der technologische Fortschritt dabei bildet.

Progressive Sehnsucht nach guter alter Zeit

Mittlerweile ist das Data Mining zumindest in unseren Breiten und in der US-amerikanischen Linken weitgehend zu einem Schreckgespenst geworden. Die NSA-Affäre, aber auch der Umstand, dass das Pro-Brexit-Lager in Großbritannien und das Trump-Wahlkampfteam in den USA es geschafft haben, die Möglichkeiten der modernen Datenökonomie für sich zu nutzen, wecken in deren Gegnern die Sehnsucht nach der guten alten Zeit.

Vor dem Siegeszug sozialer Medien konnten die traditionellen Meinungsführer noch weitgehend selbst beeinflussen, was welcher potenzielle Wähler auf welche Weise an Information vermittelt bekommt.

Auf Twitter hat nun die frühere Direktorin für Geschäftsentwicklung des mittlerweile insolventen Datendienstleistes Cambridge Analytica, Britanny Kaiser, den Account mit dem Namen „Hindsight is 2020“ ins Leben gerufen. Dort will die 32-Jährige zusammen mit ihrem Team Dokumente veröffentlichen, die zeigten, wie „Demokratie rund um die Welt an den Höchstbietenden versteigert“ werde.

Der einzige Unterschied zwischen der Art und Weise, wie Axelrod 2012 Daten von Nutzern sozialer Netzwerke gesammelt und verwertet hat, und jener, wie spätere Kampagnen dies vollzogen hatten, besteht darin, dass im ersten Fall zumindest die Anwender der Obama-App bewusst einer Verwendung ihrer Daten – und jener ihrer Freunde – für eine politische Kampagne zugestimmt hatten.

Nutzer gaben Daten freiwillig preis

Hingegen hatten jene Nutzer, deren Daten Cambridge Analytica später unter anderem auch konservativen Akteuren zur Verfügung gestellt hatte, blanko eine Einwilligung zum Zugriff auf diese erteilt, als sie – in den meisten Fällen zum Zeitvertreib – Persönlichkeitstests oder ähnliche Spiele- beziehungsweise Quiz-Apps auf Facebook genutzt hatten.

Dass getreu dem Alt-Wiener Sprichwort „Umsonst ist der Tod, und der kostet das Leben“ die Preisgabe, Sammlung und Verwertung persönlicher Daten durch ein soziales Netzwerk mit mehr als einer Milliarde Nutzern der Preis für dessen kostenlose Verwendung darstellt, dürfte einem erheblichen Teil der Facebook-Anwender bewusst gewesen sein. Hätte dieser Umstand nicht zumindest dem Grunde nach die Billigung der Nutzer gefunden, wäre Facebook als Geschäftsmodell kein Erfolg geworden.

Dennoch war bald die Rede davon, dass sich Cambridge Analytica auf „unzulässige“ Art und Weise Daten von 87 Millionen Nutzern beschafft und später einer Verwertung zum Zwecke der Zielgruppenansprache zugeführt hätte.

„Reichstagsbrand“ für Befürworter staatlicher Social-Media-Kontrolle

Für Kräfte, denen die sozialen Medien aufgrund der damit verbundenen Emanzipation der Nutzer von den „Torwächtern“ in den traditionellen Medien ohnehin ein Dorn im Auge sind, war der vermeintliche „Skandal“ der Datenweitergabe durch „Cambridge Analytics“ gleichsam wie ein Reichstagsbrand. Politiker erhoben Forderungen von einer umfassenden staatlichen Kontrolle über eine Enteignung von Facebook bis hin zur Schaffung einer öffentlich-rechtlichen Alternative.

Cambridge Analytica sah sich mit so hohem öffentlichem Druck und einer so großen Welle an Prozessen konfrontiert, dass man sich im Mai 2018 ebenso wie die Muttergesellschaft SCL dazu entschied, Insolvenz anzumelden.

Heute gibt sich Kaiser reumütig und meint gegenüber dem „Guardian“, bislang kenne man bezüglich der Datenaffäre nur die Spitze des Eisbergs. Entscheidend für die Nutzung im Sinne der Zielgruppenansprache sei im Kern deren Analyse auf der Basis der „Big Five“ der Wirtschaftspsychologie. Bei diesen handelt es sich um die Persönlichkeitsdimensionen Gewissenhaftigkeit, Verträglichkeit, Neurotizismus, Offenheit und Extraversion.

Eigene Strategien für „neurotische“ und „offene“ Wähler

Die gesammelten Daten und deren Gruppierung entlang von Datenpunkten erlaubten es, die dazugehörigen Nutzer danach zu „vermessen“ und in weiterer Folge für jede der so definierten Zielgruppen eigene Werbekampagnen zu fahren. So soll der frühere Nationale Sicherheitsberater John Bolton bereits 2014 Kampagnen für mehrere republikanische Kandidaten entworfen haben, in denen abgestimmte Wahlkampfvideos erstellt wurden. Dabei sollten „neurotische“ Wähler mit Angst-Themen angesprochen werden, während man für die „offenen“ Wähler Spots produzierte, in denen davon die Rede war, weltweit Flüchtlingsdramen zu verhindern.

In Afrika soll Cambridge Analytica sein Modell anhand des kenianischen Staatschefs Uhuru Kenyatta getestet haben. Geplant, so Kaiser, wäre auch gewesen, den Prinzen von Äthiopien als Hoffnungsträger für ein geeintes Land zu präsentieren.

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Inwieweit die Strategien tatsächlich einen messbaren Erfolg gezeitigt haben, lässt sich indessen kaum feststellen. Schon mit Blick auf das Einkaufsverhalten von Konsumenten zeigt sich in Erkenntnissen der Wirtschaftspsychologie, dass es deutlich schwieriger ist, ein Bedürfnis, das noch gar nicht existiert, zu wecken, als eines, das bereits vorhanden ist, zu aktivieren. Zudem sind soziale Medien möglicherweise nicht der einzige Ort, an dem mit Mechanismen der Massenmanipulation experimentiert und gearbeitet wird.

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