Jackson Hole: BlackRock und Goldman Sachs im Clinch um die Seele des Notenbankwesens

Von 20. August 2019 Aktualisiert: 20. August 2019 11:26
Dass auch die Notenbanken kein Mittel gegen eine weltweit lahmende Konjunktur gefunden haben und der Spielraum de facto ausgereizt ist, hat Experten von BlackRock im Vorfeld des Finanzsymposiums von Jackson Hole dazu veranlasst, eine gemeinsame neue Geldpolitik von Zentralbanken und Regierungen zu fordern. Goldman Sachs befürchtet einen Vertrauensverlust der Märkte.

In den USA selbst ist Jackson Hole in Wyoming eher als beliebtes Ski-Resort bekannt, über das Countrymusiker wie C.W. McCall oder James Wesley mäßig erfolgreiche Songs geschrieben haben. In unseren Breiten kennt man den Ort eher als Schauplatz wirtschaftspolitischer Symposien der Federal Reserve Bank of Kansas City, die dort seit 1978 in unregelmäßigen Abständen stattfinden. So manche Kehrtwende in der Politik der Notenbanken wurde bislang hinter verschlossenen Türen in der 10 000-Seelen-Gemeinde verabredet.

Auch in dieser Woche treffen sich Spitzenfunktionäre von Notenbanken aus aller Welt und weitere Finanzexperten, um mögliche geldpolitische Weichenstellungen für die kommenden Jahre zu erörtern. Und in diesem Zusammenhang könnte sich auch diesmal wieder eine fundamentale Neuausrichtung anbahnen. Zumindest soll, wie die „Welt“ berichtet, ein Strategiepapier des Vermögensverwalters BlackRock diskutiert werden, das eine solche vorschlägt.

Notenbanken als Teil der Lösung oder des Problems selbst?

Begründet wird dieser Schritt nicht zuletzt damit, dass die bisherigen Spielräume der Notenbanken zum Umgang mit prekären ökonomischen Entwicklungen weitgehend ausgereizt sind. Trotzdem oder auch gerade deshalb zeichnet sich eine weltweite Eintrübung in der Konjunkturentwicklung ab, der Handelskrieg zwischen den USA und der Volksrepublik China belastet das Wachstum auch in den Schwellenländern des asiatischen Kontinents, während die Notenbanken zu den größten Gläubigern sich zunehmend wieder in Schuldenpolitik flüchtender Staaten werden.

Zahlreiche Ökonomen sind der Auffassung, dass die Notenbanken weniger Teil der Lösung des Problems sind denn Teil des Problems selbst. Die vielzitierte Unabhängigkeit der Notenbanken ist nach ihrer Einschätzung eine Farce, da sie sich entweder von der Politik gängeln lassen oder selbst Politik betreiben. Deshalb wollen Strategen wie Steve Forbes beide entmachten und die Geldpolitik wieder an den Goldstandard als objektive Bezugsgröße binden.

Auch die Strategen von BlackRock halten das derzeitige Konstrukt von Unabhängigkeit, das auf die Notenbanken zugeschnitten ist, für nicht mehr zeitgemäß. Ihr Lösungsvorschlag geht jedoch in die Gegenrichtung: Weil Notenbanken und Politik bisher unabhängig voneinander Entscheidungen mit ungünstigen Auswirkungen getroffen haben, sollen sie ihre Weisheit nun vereinen und getreu dem Prinzip einer Public-Private-Partnership gemeinsam agieren – in direkter Beziehung zu privaten und öffentlichen Akteuren am Ort des Geschehens.

„Grenzen zwischen Geld- und Fiskalpolitik würden verschwinden“

„Going direct“ heißt der Weg, den das Thesenpapier anspricht, und er würde bedeuten, dass Notenbanken und Regierungen künftig zusammenarbeiten, wenn es darum geht, zu entscheiden, wohin das Geld fließen soll, wo es der Investitionsförderung dienen soll und wo welche Umverteilung ins Auge gefasst wird. Das Geld für öffentliche und private Investitionen würde demnach ohne Umwege direkt aus der Notenpresse kommen. In der Praxis hieße das, diagnostizieren Anja Ettel und Holger Zschäpitz in der „Welt“:

Die Grenzen zwischen Geld- und Fiskalpolitik, die in den vergangenen Jahren seit der Finanzkrise schon deutlich durchlässiger geworden sind, würden damit weiter verschwimmen.“

Eine gewisse Kontrolle solle dem Konzept zufolge nur noch auf dem Wege eines Expertengremiums vonstattengehen, das Aufsicht über das Gebaren der Akteure ausübt. Im Kern würde jedoch der Anteil der „Nichtökonomen“ als Entscheidungsträger im Bereich der Geldpolitik jedenfalls wachsen – und unter „Nichtökonomen“ sind weniger Praktiker aus dem täglichen Wirtschaftsleben gemeint als vielmehr Politiker, ob noch aktive oder Ex-Minister. Diese aber könnten mehr denn je nach politischen anstelle von ökonomischen Kriterien entscheiden.

Märkte vor tiefgreifendem Vertrauensverlust

Bereits jetzt ist die Durchlässigkeit zwischen Ministerämtern und einflussreichen politischen Posten auf der einen und verantwortlichen Notenbankposten in der EZB auf der anderen Seite groß, der Dienstweg ist kurz. Im EZB-Rat werden, so die „Welt“, künftig vier Ex-Minister aus EU-Mitgliedstaaten sitzen und an geldpolitischen Entscheidungen mitwirken.

Für die Spezialisten einer anderen großen Investmentbank ist das Konzept von BlackRock eher eine Schreckensvision. In einer eigenen 26-seitigen Analyse kommt man dort zu dem Schluss, dass eine solche Konstruktion die Notenbank mehr oder minder zum Selbstbedienungsladen für die Politik zum Zwecke der Finanzierung von Wahlversprechen würde.

Ökonom David Choi rechnet in einem solchen Fall mit einem Erwartungsdruck der Öffentlichkeit in Richtung höherer Löhne und Preise, die jedoch nicht unbedingt mit realem Wachstum der Wirtschaftsleistung und Produktivität Hand in Hand gehen müssten. Die Geldwertstabilität würde nebensächlich, Wahlzyklen und Arbeitsmarktdaten würden zum Treiber kurzfristiger Entscheidungen, Planbarkeit und Verlässlichkeit der Geldpolitik würden der Vergangenheit angehören. Inflation, Kaufkraftverlust, unberechenbare Renditen und ein tiefgreifender Vertrauensverlust in die Märkte wären früher oder später die unausweichliche Folge.

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