Kolumne vom Freischwimmer: Ein ganz normaler Corona-Tag

Epoch Times26. April 2020 Aktualisiert: 25. Mai 2020 13:43
Die Sonne schien als ich mich auf den Weg in die City machte. Es war ein wunderschöner Tag; die Vögel zwitscherten und es war angenehm warm.

Herrlich. Gute Laune war angesagt.

Herren in meinem Alter mögen nun mal schönes Frühlingswetter.

Zur Post musste ich; und dann in den Supermarkt.

Normalerweise würden mich diese Tätigkeiten – unter Aufbringung all meiner geistigen und körperlichen Kräfte – nicht überfordern.

Bevor ich losging, schaute ich noch einmal ins Internet.

Dort wurde ich umfassend darüber informiert, dass die Nacktbadenden an einem FKK-Strand in Tschechien von der örtlichen Polizei aufgefordert wurden, ab jetzt einen Mundschutz zu tragen. Der Aufruf der ortsansässigen Ordnungshüter lautete: „Nackter Körper – Ja, unverhüllter Mund – Nein!“

Kopfkino vom Allerfeinsten.

Aber gerade deshalb nennt man es ja auch FKK- Corona.

Das weiß doch jeder.

Als ich am Postamt ankam, standen die Menschen in einer Schlange bis weit vor die Tür des Haupteinganges. Da ich drinnen nur an den Automaten musste, fragte ich unter penibelster Einhaltung des Sicherheitsabstandes höflich die Wartenden, ob sie denn alle an den Schalter wollen und ob ich schon mal den Automaten für meine Überweisungen nutzen könnte. „Kommen Sie mir ja nicht zu nahe und halten Sie gefälligst den vorgegebenen Abstand ein“, kreischte ein Mann mittleren Alters. Dabei wirkte er durchaus leicht hysterisch.

Weil ich nicht wusste, ob dies nun ein „Ja“ oder ein „Nein“ war, ging ich einfach rein und tat, was zu tun war.

Um nicht wieder an dem armen, verängstigten Mann, der noch immer in der Schlange wartete, vorbeigehen zu müssen, wollte ich den Nebeneingang nutzen, um das Postgebäude lebend verlassen zu können. Doch dieser war nun gesperrt. Offensichtlich wegen Corona.

„Logisch“, dachte ich mir, denn wie nun mittlerweile jeder in unserem Land weiß, kommt Corona immer nur durch den Nebeneingang und nie durch den Haupteingang.

Deswegen heißt es ja schließlich auch Nebeneingangcorona.

Das weiß doch nun wirklich jeder.

Nun in den Supermarkt. Als ich an einer Bankfiliale vorbeiging, fiel mir ein neu angebrachter Hinweis auf, auf dem zu lesen stand, dass es in Zeiten von Corona wohl am besten wäre, ab jetzt nur noch mit Karte zu bezahlen und auf unser Bargeld – bis jetzt noch freiwillig – zu verzichten.

Wegen Corona.

Deswegen nennt man es ja auch Bargeldcorona.

Im Supermarkt angekommen, entschloss ich mich – leider völlig spontan und unbedacht – beim Einkauf von drei Flaschen Ginger Ale auf einen Einkaufswagen zu verzichten. Dies sollte sich jedoch als schwerer, menschenverachtender Fehler erweisen. Ich schnappte mir also drei Flaschen des von mir so geliebten Kaltgetränkes und sauste dann zur Kasse. Doch anstatt mir den Preis freundlich in mein frisch rasiertes Gesicht zu sprechen, unterzog mich die Kassiererin einer ruppigen und unfreundlichen Belehrung. „Sie müssen einen Einkaufswagen nehmen“, herrschte sie mich an. Ich war etwas verdattert wegen des aggressiven Tons. Aber ich wollte wenigstens noch den Hauch von Ehre in mir erhalten wissen.

„Warum“, stammelte ich.

„Damit Sie wegen Corona den Abstand zu den anderen Kunden wahren!“

Aha.

„Und wenn die Kunden alle den Wagen anfassen – wie sieht es da mit den Infektionen aus“, fragte ich kleinlaut. „Die Wagen werden jede Stunde einmal desinfiziert“, entgegnete die Dame. Dabei schleuderte sie ihre langen Rastalocken mit ihrem tätowierten Arm demonstrativ nach hinten. Angst beschlich mich, denn ihr burschikoses Auftreten ließ vermuten, das sie sich nach Feierabend noch ein paar Euros als Preisboxerin hinzuverdient.

Ich biss mir auf die Zunge, um nicht wieder zu fragen, wie viele Menschen denn innerhalb dieser Stunde diesen Wagen anfassen würden. Ich hoffte, damit wäre die Sache erledigt und ich schwor mir, ab jetzt immer nur noch mit Einkaufswagen den Supermarkt zu betreten.

Doch bevor ich den Laden verließ, gab es noch einmal furchtbar böse Blicke von der Kassiererin, als ich ihr das Geld durch die kleine Öffnung hinter der neu errichteten Scheibe reichte. Erst jetzt bemerkte ich die schriftlich fixierte Unterweisung, dass man nun möglichst nicht mehr mit Bargeld bezahlen solle, weil dies wegen Corona ….. „Naklar“, schoss es mir durch den Kopf;

Bargeldcorona!

Draußen angekommen fielen mir noch einmal die Einkaufswagen auf und sofort erinnerte ich mich an die Worte der mutmaßlichen Preisboxerin. Ich betrachtete mir diese hübschen Modelle und stellte fest, dass Corona also immer nur nach vorne übertragen wird und man deswegen auch nur nach vorne einen „Wagenlängen-Sicherheitsabstand“ halten muss. Wenn also andere Kunden 30 Zentimeter seitlich an mir vorbei gehen würden, wäre ich zum Glück – durch was auch immer – geschützt.

Deshalb heißt es ja auch „Nachvornecorona“.

Das weiß natürlich auch schon jeder.

Nach diesen bezaubernden Ereignissen beschloss ich, mir außerplanmäßig beim Teehändler meines Vertrauens etwas Gutes zu tun. Das musste jetzt einfach mal sein.

Schnurstracks navigierte ich zwischen verängstigt wirkenden Passanten hindurch und als ich in die Straße mit dem Tee-Haus einbog, streifte mich der Gedanke, dass es durchaus möglich wäre, das selbiger geschlossen haben könnte. Wegen Corona.

Und tatsächlich: die Tür war verschlossen.

Unschlüssig und etwas traurig schaute ich nun von „A“ nach „B“. Dabei streifte mein Blick eine Dame, welche unweit des Eingangs auf einem großen Stein saß und sichtlich verzückt eine Schale Tee in ihren Händen hielt. Sie lächelte mich an und jetzt erkannte ich sie als eine der Verkäuferinnen des Tee-Hauses. Während sie noch schelmisch feixte, schaute sie wie ein scheues Reh nach rechts und links und fragte dann flüsternd: „Wollen Sie Tee kaufen“. Etwas eingeschüchtert ob meiner bis dahin gemachten Erfahrungen konnte ich ihr nur ein schüchternes „Ja“ zuhauchen. Flink sprang sie auf, öffnete die Tür und zügig verschwanden wir im Tee-Haus.

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Boah, wie herrlich es hier immer duftet. Und angenehme, leise Musik im Hintergrund. In diesem Laden ist es mir schon immer möglich gewesen, den Trubel da draußen völlig zu ignorieren. Eine Oase für die Sinne inmitten der Stadt. Hier kann ich immer wieder auf- (und im wahrsten Sinne des Wortes) auch einatmen.

„Zuerst möchte ich Ihnen mein herzliches Beileid aussprechen, dass in Ihrer Familie so viel Tote durch Corona zu beklagen sind“, sagte ich zu ihr.

Irritiert schaute sie mich an.

„Auch in Ihrem Freunds- und Bekanntenkreis sind doch bestimmt viele Menschen gestorben. Deshalb freue ich mich um so mehr, dass Sie mir trotzdem etwas verkaufen!“

Jetzt verstand sie und wir mussten spontan laut lachen.

Im Gegensatz zu meinen vorangegangenen Konversationen entwickelte sich nun in diesem Laden ein sehr nettes Gespräch. Entspannt und ungezwungen. Dabei schauten wir aus dem Fenster und beobachteten die Menschen, von denen einige völlig verunsichert und verängstigt wirkten.

Traurigkeit stieg in mir hoch.

Schlimme Zeiten.

Eigentlich müssten sich doch die Menschen gegenseitig helfen und sich nicht gegeneinander aufhetzen lassen.

Mitleid und Hilflosigkeit ergriffen mich.

„Plopp“ machte es neben mir und meine Lieblingsteefachverkäuferin öffnete eine große Dose mit der Aufschrift „Japans Köstlichkeiten“. Ein aromatischer Duft entwich dem großen Behälter und suggerierte Ruhe und Gelassenheit.

Entspannung.

Wohlfühlen.

Und während das wundervolle Aroma dieses Tees den ganzen Raum zu verzaubern schien, wurde mir plötzlich klar, dass es eigentlich heißen müsste: „Tee-Laden- NICHTcorona“.

Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass auch Sie in diesen wirren Zeiten Ihren eigenen Teeladen haben. Das könnte aber auch ein schöner Garten sein … oder ein Spaziergang im Wald … oder eine außerplanmäßige Umarmung.

„Es gibt überall Blumen – für den, der sie sehen will!“ (Henri Matisse)

Und:

„Es ist besser, ein kleines Licht anzuzünden, als die Dunkelheit zu verfluchen!“ (Konfuzius)

Ahoi

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