Demonstranten schmeißen während eines Protestes gegen den Tod einer jungen Frau, Steine auf Polizeieinheiten. Der Tod der 22-jährigen Mahsa Amini im Polizeigewahrsam hatte landesweit Trauer und Empörung ausgelöst.
Demonstranten werfen während eines Protestes gegen den Tod einer jungen Frau Steine auf Polizeieinheiten.Foto: Uncredited/AP/dpa

„Wir kämpfen, wir sterben“ – Tote bei Protesten im Iran

Epoch Times21. September 2022 Aktualisiert: 21. September 2022 16:34
Nach dem Tod der 22-jährigen Mahsa Amini im Polizeigewahrsam entlädt sich bei Protesten im Iran die Wut und Trauer vieler Menschen. Dabei geht es um mehr als nur ihren Fall.

Erneut sind im Iran nach dem Tod einer jungen Frau Tausende Menschen auf die Straßen gegangen. Bei den landesweiten Protesten wurden mindestens acht Menschen getötet. In der Nacht seien zwei weitere Demonstranten getötet worden, teilte die in Norwegen ansässige kurdische Menschenrechtsgruppe Hengaw am Mittwoch mit.

Laut Hengaw gab es bei den Protesten seit Freitagabend insgesamt rund 450 Verletzte und 500 Festnahmen. Die von Hengaw gemeldeten Todesfälle ereigneten sich den Angaben zufolge in verschiedenen Städten in den iranischen Provinzen Kurdistan und West-Aserbaidschan. Unter ihnen seien mindestens ein Polizist und fünf weitere Teilnehmer der Proteste. Die genaueren Umstände ließen sich zunächst nicht überprüfen.

Auslöser der Demonstrationen ist der Tod der 22-jährigen Mahsa Amini. Die Sittenpolizei nahm sie vor gut einer Woche wegen ihres „unislamischen Outfits“ fest. Was genau mit Amini nach ihrer Festnahme geschah, ist unklar, jedenfalls fiel sie ins Koma und starb am Freitag in einem Krankenhaus. Kritiker werfen der Moralpolizei vor, Gewalt angewendet zu haben. Die Polizei weist die Vorwürfe entschieden zurück.

Demonstrationen in mehreren Gebieten

In zahlreichen Städten strömten die Menschen auf die Straßen. Neben regierungskritischen Slogans riefen die Menschen immer öfter: „Wir kämpfen, wir sterben, wir werden uns den Iran zurückholen.“ Sogar in der erzkonservativen Stadt und dem schiitischen Zentrum Ghom demonstrierten junge Menschen gegen die islamischen Kleidungsvorschriften.

Auch auf der Urlaubsinsel Kisch im Persischen Golf, die als besonders ruhig gilt, meldeten die Behörden Proteste. Videos in den sozialen Medien zeigten, wie Demonstranten Sicherheitskräfte verprügelten oder wie Frauen ihre Kopftücher in Brand steckten. Der Gouverneur der iranischen Provinz Kurdistan hatte am Dienstag drei tote Demonstranten gemeldet.

Auch in Kermanschah im Zentraliran seien zwei Personen unter „verdächtigen“ Umständen gestorben. In beiden Fällen wiesen die Behörden aber ein Einwirken durch Sicherheitskräfte zurück. Im Nachbarland Türkei versammelten sich Iraner am Mittwoch vor dem iranischen Generalkonsulat in Istanbul und protestieren in Solidarität mit ihren Landsleuten.

Kritik sogar vom Enkel Ajatollah Chomeinis

Unterdessen häuften sich Stimmen, die eine Lockerung der strengen Kleidungsvorschriften und damit einen Kurswechsel der Regierung fordern. „Ein Gesetz, das die Mehrheit der Gesellschaft nicht befolgt, muss revidiert werden“, sagte etwa der ehemalige Bürgermeister der Hauptstadt Teheran, Gholam Hussein Karbastschi. Auch der frühere Präsident Mohammed Chatami hatte Kritik geäußert. Sogar der Enkel des Revolutionsgründers Ajatollah Ruhollah Chomeini äußerte Kritik und forderte eine gründliche Untersuchung.

Die strengen Kleidungsvorschriften gehören laut Experten aus Teheran zu den ideologischen Prinzipien der islamischen Republik. Unterstützer des Systems fürchten einen Dominoeffekt, sollte der Staat den Frauen bei der Wahl der Kleidung große Zugeständnisse machen. Die konservative Zeitung „Keyhan“ warf den Reformern vor, den Tod Aminis für politische Zwecke zu missbrauchen.

Seit der Islamischen Revolution im Jahr 1979 gelten im Iran strenge Kleidungsvorschriften. Insbesondere in den Metropolen sehen viele Frauen die Regeln inzwischen aber eher locker und tragen beispielsweise ihr Kopftuch nur auf dem Hinterkopf – zum Ärger erzkonservativer Politiker. Religiöse Hardliner im Parlament versuchen seit Monaten, die islamischen Gesetze strenger anwenden zu lassen. (dpa/afp/mf)



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