Ist Berlin für Juden wieder gefährlich? – Arabischer Israeli experimentiert mit Kippa und wird angegriffen

Von 19. April 2018 Aktualisiert: 19. April 2018 17:11
Das Dritte Reich ist längst vorbei. Ein junger Israeli (21) glaubt seinem Freund nicht, dass es gefährlich sei, in Berlin mit einer jüdischen Kopfbedeckung herumzulaufen. Er setzt die von ihm geschenkte Kippa auf und wagt den Versuch. Der folgende Angriff wird auf Video aufgezeichnet. Die deutsche Politik ist über den antisemitischen Angriff empört, der Staatsschutz ermittelt gegen die Täter. Doch diese sind gar keine Nazis ...

Der Nahe Osten hat so seine Spannungsfelder. Eines dieser spiegelt sich nun auf den Straßen Berlins wider:

Laut „RBB“ sagte Levi Salomon, Sprecher des Jüdischen Forums für Demokratie und gegen Antisemitismus dem Sender im Interview: „Mir ist übel geworden. Wir haben immer wieder gehört, jüdische Menschen sind nicht sicher in Deutschland, wenn sie in Problembezirke gehen, da dürfen sie nicht mit Kippa laufen, obwohl das immer von allen Seiten bestritten wurde.“

Wie der „RBB“ meldet, war ein 21-jähriger Israeli mit einem deutschen Begleiter (24) am Dienstagabend, 17. April 2018, am Helmhotzplatz in Prenzlauer Berg unterwegs, als sie von drei Männern beleidigt und der 21-Jährige von einem aus der Gruppe mit einem Gürtel geschlagen wurde. Der Staatsschutz suche nun nach den unbekannten Tätern.

Der attackierte Israeli bestätigte am Mittwoch gegenüber dem israelischen Fernsehen, dass dem Angriff kein Streit vorausgegangen sei. Man sei nur auf der Straße gegangen und habe mit niemandem gesprochen, als die Männer anfingen, sie zu beschimpfen.

Der DPA sagte der 21-Jährige im Interview: „Ich bin nicht jüdisch, ich bin Israeli, ich bin in Israel in einer arabischen Familie aufgewachsen.“

Die Kippa bekam er von einem Freund aus Israel vor einigen Tagen geschenkt. Er wollte mit dem Tragen der jüdischen Kopfbedeckung testen, ob es wirklich so gefährlich sei, in Berlin eine Kippa zu tragen, wie sein Freund behauptet hatte.

Eine Schande für Berlin, eine Schande für Deutschland

Der Kampf gegen den Antisemitismus muss entschieden geführt und gewonnen werden, egal ob es der Antisemitismus von Deutschen oder von Arabischstämmigen ist.“

(Angela Merkel, Bundeskanzlerin, CDU)

Dies sagte die Regierungschefin am Mittwoch.

Auch andere Politgrößen der Bundesrepublik zeigten sich empört über den Angriff auf einen Kippa-Träger in Berlin. Die neue Bundesjustizministerin Katarina Barley (SPD) sprach von einer „Schande“ für das Land:

Es ist unerträglich, wenn Juden in Deutschland auf offener Straße, mitten in Berlin, angegriffen werden.“

(Katarina Barley, Bundesjustizministerin)

Ihr Amtsvorgänger und jetzige Bundesaußenminister Heiko Maas (SPD) nannte die Attacke „unerträglich“.

Auch die Vize-Vorsitzende der Bundestagsfraktion der AfD, Alice Weidel, sprach sich gegen Antisemitismus aus, der nicht zu unserer Gesellschaft gehöre, ebenso wenig, wie diejenigen, die ihn verbreiten, ergänzte Weidel in Hinblick auf die Täter.

Zu dem aktuellen antisemitischen Vorfall auf den Kippa-Träger in Berlin äußerte sich dann auch Berlins Regierender Bürgermeister:

Antisemitismus gehört nicht zum Berlin, in dem wir leben wollen.“

(Michael Müller, Regierender Bürgermeister von Berlin, SPD)

Eine deutliche Aussage. Doch mit islamistischen Vereinen und Organisationen scheint der Sozialdemokrat kein Problem zu haben …

Michael Müller bei Islamistischer Friedens-Demo

Müller selbst geriet wenige Monate nach dem islamistischen Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz in Berlin in die Kritik, als er am Ort des Anschlags am 16. März 2017 an einer umstrittenen Demonstration unter dem Motto „Religionen für ein weltoffenes Berlin“ als Sprecher teilnahm, wie der „Tagesspiegel“ berichtete.

Der Zentralrat der Juden in Deutschland riet Müller im Vorfeld von einer Teilnahme ab, da in die Veranstaltung Organisationen involviert waren, die vom Verfassungsschutz wegen islamistischer Aktivitäten beobachtet werden: die Neuköllner Begegnungsstätte NBS, das Interkulturelle Zentrum für Dialog und Bildung (IZDB), das Islamische Erziehungs- und Kulturzentrum (IKEZ).

Wie die „Berliner Zeitung“ unter dem Titel „Breitscheidplatz – Islamisten demonstrieren für Frieden“ berichtete, würden diese Organisationen laut Verfassungsschutz von den Muslimbrüdern dominierte, die mit Koran, Sunna und Scharia die Schaffung eines islamischen Staates fordern. Zudem sei das IKEZ als Treffpunkt von Hamas-Anhängern bekannt, einer palästinensischen Terrororganisation, die zum Ziel hat, Israel militärisch zu beseitigen.

Als Folge von Müllers Auftritt trat der Neuköllner Ex-Abgeordnete (2011 – 2016) Erol Özkaraca nach über 20 Jahren (1994) Zugehörigkeit aus der SPD aus, nannte es eine „Manifestierung eines meiner Auffassung nach zu toleranten Umgangs mit dem politischen Islam und Islamisten“, berichtete der „Tagesspiegel“ wenige Tage später. Laut dem Blatt drängte Özkaraca immer wieder auf eine Abgrenzung der Sozialdemokraten in Deutschland von den „faschistoiden“ Tendenzen des Islamismus. Er warnte die Partei davor, dass sie mit ihrer aktuellen Politik „die Unterstützung von vielen säkularen Muslimen, Juden und vielen anderen“ verliere.

947 antisemitische Vorfälle in Berlin (2017)

Auf „Jüdisches Forum“ auf Twitter heißt es aktuell: „947 registrierte antisemitische Vorfälle im vergangenen Jahr – allein in Berlin. Unerträglich.“ Weiterhin wird auf den 2017-Report der „Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus“ hingewiesen, der die Fälle in Berlin weiter aufschlüsselt in: 18 Angriffe, 23 Bedrohungen, 42 Sachbeschädigungen, 679 Fälle verletzenden Verhaltens (davon 325 online) sowie 185 Vorfälle von Massenpropaganda.

Von den 18 Angriffen konnte man drei dem “ antiisraelischen Aktivismus“ zuzurechnen, einer sei „rechtsextrem bzw. islamistisch motiviert“ gewesen und in „zwei Fällen war der Täter der stadtbekannte antisemitische Propagandist Usama Z., dessen politische Ausrichtung jedoch zu diffus ist, um sie eindeutig kategorisieren zu können“.

„Bezüglich der politischen Ausrichtung der Täter_innen hatten acht Bedrohungen einen rechtsextremen Hintergrund. In drei Fällen war der politische Hintergrund israelfeindlicher Aktivismus. Drei weitere Bedrohungen hatten einen links-antiimperialistischen Hintergrund“, der von Akteuren aus dem Umfeld der vor allem in Neukölln aktiven Gruppe „Jugendwiderstand“ ausgingen, die sich dort bemächtigt fühle, „Menschen, die sie als politische Gegner wahrnimmt, zu bedrängen und einzuschüchtern“, heißt es im Report.

Hauptbezirke des Berliner Antisemitismus

Die meisten der Vorfälle ereigneten sich dem Bericht nach in Berlin-Mitte (151 Fälle, Migrationsanteil 50,8 %), gefolgt von Charlottenburg-Wilmersdorf (74 Fälle, Migrationsanteil 33,8 %) sowie den Multi-Kulti-Hochburgen Neukölln (50 Fälle, Migrationsanteil 43,9 %) und Friedrichshain-Kreuzberg (42 Fälle, Migrationsanteil 41 %). Außer Charlottenburg-Wilmersdorf mit seinen großen Wasser- und Waldflächen zählen die anderen drei Hochburgen des Antisemitismus zu Berlins am dichtesten besiedelten Bezirken und haben zusätzlich einen hohen Anteil an Ausländern und Migrationsdeutschen.

Die wenigsten antisemitischen Meldungen ereigneten sich den Report nach in Spandau (9 Fälle, Migrationsanteil 33,8 %) und im nordöstlich angrenzenden Reinickendorf (2 Fälle, Migrationsanteil 30,6 %)

Fallbeispiele

Der Report listet einige Beispiele für Bedrohungen auf:

Eine israelische Touristin wurde aus einer Gruppe heraus mit den Worten beleidigt: ‚Was willst du eigentlich, Du Ausländerin?‘. Als diese erklärte, dass sie eine Touristin aus Israel ist, wurden die Tatverdächtigen aggressiver und äußerten, dass sie einen palästinensischen Hintergrund haben und etwas gegen Juden hätten. Mit den Gesten, bei der ein Finger die Zunge abschneidet und die Hand die Kehle aufschneidet, untermalten die Tatverdächtigen die Worte ‚Weil Du Jüdin bist, bringen wir Dich um!'“

Der Vorfall ereignete sich im März 2017 in Berlin-Mitte.

In einem weiteren Fall aus Berlin-Mitte lehnte eine Frau im April 2017 einen angebotenen Flyer zu den linken 1. Mai-Demonstrationen ab:

Zur Mobilisierung für eine linke Demonstration am 1.Mai verteilt ein Mann im Wedding Flyer der Gruppe ‚Jugendwiderstand‘. Eine Frau weist den Flyer mit dem Hinweis, es handele sich bei der Gruppe um Antisemit_innen, zurück. Daraufhin beschimpft der Verteiler sie als ‚Zionistenfotze‘ und ‚blöde Schlampe‘ und versucht sie anzuspucken. Zudem droht er ihr: ‚Du hast gerade Glück, dass ich Dich nicht die Straße hinunter trete.'“

[Download Report Antisemitische Vorfälle 2017, Berlin]

Siehe auch: