IW-Studie: Brexit und Handelskrieg als Ausrede – Probleme der deutschen Wirtschaft sind hausgemacht

Von 23. August 2019 Aktualisiert: 23. August 2019 13:02
Eine Umfrage des Kölner Instituts der Deutschen Wirtschaft unter 2400 Unternehmern widerlegt die Einschätzung deutscher Politiker, die ungünstige Wirtschaftsentwicklung habe vor allem externe Ursachen. Tatsächlich sind es politische Gängelung und fehlende Antworten auf Zukunftsfragen wie den Fachkräftemangel, die deutsche Unternehmen belasten.

Mit einem Minuswachstum von 0,1 Prozent im zweiten Quartal hat sich Deutschland zum Schlusslicht der Eurozone entwickelt. Auch für das dritte Quartal sind die Aussichten durchwachsen. Die Politik sieht vor allem den Handelskrieg zwischen den USA und der Volksrepublik China sowie den Brexit als die entscheidenden Faktoren. Skeptiker dieser These gehen jedoch davon, dass die Ursachen hausgemacht sind und von einer zu ideologischen Politik im eigenen Land herrühren.

Eine Umfrage, die das in Köln ansässige Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) im Frühjahr unter 2400 deutschen Unternehmen durchgeführt hatte und über die der „Focus“ berichtet, vermag die Erklärung der Politik für die ungünstige Entwicklung nicht zu stützen.

Belastung und Gängelung als Hauptsorgen

Zwar würden der Handelskrieg und ein möglicher No-Deal-Brexit ein Risiko für große Unternehmen darstellen, die direkt mit dem Ausland Geschäfte machten, erklärt IW-Ökonom Jürgen Matthes. Dies sei jedoch bei einem Großteil der deutschen Unternehmen nicht der Fall.

Stattdessen fürchten die Unternehmen hauptsächlich die Folgen politischer Entscheidungen im eigenen Land, die zu mehr Gängelung, mehr Bürokratie, weniger Freiheit und höheren Kosten führen.

Jedes dritte Unternehmen nennt in diesem Zusammenhang ein stetig wachsendes Streben nach Umverteilung, das – neben der Steuerbelastung – auch zu höheren Lohnnebenkosten und mehr Beeinträchtigungen eines freien Arbeitsmarktes führt.

Eine schwächere Inlandsnachfrage fürchten 29 Prozent. Dies kommt auch nicht von ungefähr, immerhin waren es höhere Gehälter und eine bessere Beschäftigungslage in den vergangenen Jahren, die durch höhere Konsumausgaben Verluste durch höhere Belastungen ausgleichen konnten.

Fachkräftemangel als mit Abstand größte Sorge

Explizit nannten 22 Prozent der Befragten Beeinträchtigungen durch eine ideologische Klima- und Umweltpolitik als Unsicherheitsfaktor. Eine Verschlechterung der Versorgung mit bezahlbarer Energie, die 24 Prozent als Risiko nannten, höhere Kosten und schlechtere Verfügbarkeit von Rohstoffen (ebenfalls 24 Prozent) und eine Verschlechterung der Standortbedingungen (18 Prozent) hängen jedoch ursächlich mit einer solchen zusammen.

Maßnahmen gegen den Fleischkonsum, CO2-Steuern, höhere Belastungen für Besitzer von Dieselfahrzeugen oder höhere Energiepreise schlagen zudem auch auf die Inlandsnachfrage.

Die größte Sorge der deutschen Unternehmen ist jedoch der Fachkräftemangel. Nicht weniger als 61 Prozent der Befragten halten es für ein „großes Risiko für ihre Geschäftsabläufe“, dass sie wichtige Positionen in ihren Unternehmen künftig möglicherweise nicht mehr besetzen können.

Bereits in einer früheren Studie im März dieses Jahres hatten die Wirtschaftstreibenden diese Sorge geäußert. Die Rede war von einem zweistelligen Milliardenbetrag als Wertschöpfungsverlust allein für das Jahr 2006 – und einem Trend, der sich seither ungebrochen fortsetze.

Bildung, Familie und qualifizierte Einwanderung als Faktoren

Als Gegenmaßnahmen bringe die Ökonomen unter anderem Steuerentlastungen für Unternehmen, eine Liberalisierung des Arbeitsmarktes und mehr Engagement bei Familien-, Bildungs- und legaler Zuwanderungspolitik.

Allerdings ist Deutschland auch als künftiger Karriere- und Lebensmittelpunkt für potenzielle Fachkräfte nicht zwingend attraktiv. Dies geht zumindest aus einer OECD-Studie hervor, die im Mai 2019 vorgestellt wurde. Die Autoren der Studie stellten fest, dass Deutschland in der Rangfolge der attraktivsten Standorte für Fachkräfte mit Master-Abschluss oder Doktortitel nur den zwölften Platz belegt – deutlich hinter Ländern wie Australien, der Schweiz oder den USA.

Derzeit können die deutschen Unternehmen immerhin noch auf Rentner zählen, die trotz Ruhestandes zumindest teilweise erwerbstätig bleiben. Von der Jahrtausendwende bis zum Jahr 2016 sei, so der Focus unter Berufung auf das Bundesarbeitsministerium, die Zahl der erwerbstätigen Rentner von 530 000 auf 1,45 Millionen gestiegen.

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