„Klassenleitertadel, in Fürsorglichkeit gehüllt“: Dresdner Autor Uwe Tellkamp weist Kampagne gegen Buchhandlung zurück

Von 15. November 2018 Aktualisiert: 15. November 2018 11:43
„Briefe gewisser Werktätiger“, „Kotau vor Zeitgeist und Fördermittelquellen“: Autor Tellkamp fühlt sich durch eine Erklärung zum 9. November und einen Offenen Brief in der Novemberausgabe des „Elbhangkuriers“ an die von Staatskünstlern und Institutionen der DDR getragene Kampagne gegen Wolf Biermann erinnert.

Dresden ist nicht nur die Stadt, in der die islamkritische Pegida-Bewegung entstanden ist und im Unterschied zu anderen Städten ein Publikum anziehen konnte, das in die Mitte der Gesellschaft reicht. Auch in Kultur und Geistesleben ticken die Uhren in Sachsens Landeshauptstadt anders.

Die Buchhändlerin Susanne Dagen vom BuchHaus Loschwitz hat diesem Umstand Rechnung getragen und lädt regelmäßig Persönlichkeiten zu Gesprächen ein, die unterschiedlichen Schattierungen der bürgerlichen oder nationalen Rechten zuzuordnen sind. Auch eine Kooperation mit dem nationalkonservativen Antaios-Verlag aus dem sachsen-anhaltinischen Schnellroda findet statt.

Ihren Künstlerkollegen Hans-Peter Lühr und Paul Kaiser geht diese Offenheit zu weit. Im einem Offenen Brief, den die Dresdner Kulturzeitschrift „Elbhangkurier“ in ihrer Novemberausgabe abgedruckt hat, erklären sie der „lieben Susanne“:

„[…] wir kennen uns lang und wir kennen uns gut, wir haben Dich oft verteidigt. Von Deinen neuesten Allianzen sind wir allerdings schockiert und wollen Dir das öffentlich mitteilen, weil unser Konflikt viele Menschen in dieser Stadt betrifft.“

Lühr und Kaiser, die mit Dagen zusammen seit 2006 die Podiumsreihe „Hanglage“ betreiben, werfen ihrer Kollegin im Kern Distanzlosigkeit zu Antaios und dessen Protagonisten Götz Kubitschek und Ellen Kositza – die „offen einer rechten Revolution das Wort reden“ – sowie eine eigene Radikalisierung vor.

„Phantomangst vor Überfremdung“

Statt über „die reale Not von Flüchtlingen und über neokoloniale Abhängigkeiten als Fluchtgrund heute“ zu sprechen oder die „Phantomangst vor Überfremdung in einer Landschaft mit drei Prozent Ausländeranteil“ zu hinterfragen, würde sie mit den Vertretern der Rechten eine „heitere Plauderstunde zur Literatur“ abhalten.

Allerdings gaben Lühr und Kaiser auch ihrem Wunsch Ausdruck, mit Dagen „im Gespräch“ zu bleiben. Dieses würden sie allerdings lieber im „Café Gustav“ in der alten Niederpoyritzer Schule abhalten, wo Bewohner des Nobelviertels am Elbhang und Flüchtlinge regelmäßig in freundlicher Atmosphäre zusammen Kuchen backen.

Deutlich weniger verbindlich war demgegenüber eine nicht nur in Dresden, sondern auch in Hamburg, Berlin und Düsseldorf verlesene „Erklärung der Vielen“ zum 9. November, die in einem buzzwordintensiven Text mit ausgeprägter moralischer Pose „Haltung“ anmahnten und dazu aufriefen, „dem Rechtspopulismus“ entgegenzutreten und „keine Foren für Propaganda jeder Art“ zu bieten. Müßig, zu betonen, dass „Propaganda“ immer nur die anderen betreiben, während man selbst als Wortführer der „Kunst für Demokratie“ über jedweden Verdacht, ideologisches Gaslighting zu betreiben, erhaben sei.

Autor Uwe Tellkamp hat sich nun seinerseits in die Debatte eingeschaltet. Er wurde im Brief von Lühr und Kaiser namentlich erwähnt und äußerte sich nun seinerseits in einem Offenen Brief als „Mitbetroffener, da anscheinend Mitgemeinter“.

Er will den Autoren nicht so recht abkaufen, dass deren Gesprächsangebot der eigentliche Zweck des Schreibens war. „Unter den Floskeln der fast schon seelsorgerischen Bekümmernis“ meint er stattdessen „Lust an der Maßregelung, an der Zurechtweisung, an der Strafe für Abweichlertum“ herauszuhören.

Tellkamp ordnet das Schreiben von Lühr und Kaiser auf seine Weise ein:

Ihr Brief steht in langer Tradition. Vielleicht bin ich zu empfindlich und sehe Gespenster, dennoch: Dergleichen ist mir noch wohlvertraut, so – Klassenleitertadel, in Fürsorglichkeit gehüllt –, sprachen Funktionäre des Schriftstellerverbands gegen missliebige Kollegen, sprachen Briefe gewisser ‚Werktätiger‘ in den gleichgeschalteten Presseorganen längst verblichen geglaubter Zeiten; ich dachte nicht, dergleichen je wieder lesen zu müssen.“

Journalisten sind nicht nur die unschuldigen Opfer

Er wirft den Autoren vor, mit Signalworten zu operieren, statt die Verhältnisse im Auge zu behalten. So sei die Aggressivität gegenüber Journalisten, über die sich die Chefredakteure von ARD und ZDF jüngst in Dresden beklagt hatten, nicht im luftleeren Raum entstanden. Vielmehr seien dieser eklatante journalistische Fehlleistungen und Feindseligkeit gegenüber Sachsen vonseiten der jeweiligen Medien vorangegangen.

Auch seien nicht „die Kubitschek, Patzelt, Böckelmann, Dagen und Tellkamp die medialen Diskursbeherrscher, denen eine Minderheit aufrechter Demokraten zu widersprechen wagt“, sondern es sei die linke und grüne Ausrichtung eines Großteils deutscher Journalisten, die ihrerseits der Berichterstattung eines eindeutigen Spin verleihe und Andersdenkende ausgrenze.

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Die sozialen Medien seien hier, anders als die selbsternannten Diskurswächter es darstellten, kein Teil des Problems, sondern Teil seiner Lösung. Dort herrsche, soweit Tellkamp das beurteilen könne, eine ausgeglichenere Abbildung der Lage und der Meinungen als in den meisten klassischen Medien. Oft seien die Sozialen Medien ein Ventil für Stimmen, die anderswo keine Chance mehr haben, gehört zu werden.

Demgegenüber teilten Menschen wie Lühr und Kaiser die Welt in Schwarz und Weiß auf – und alles, was sich nicht dem „fortschrittlichen“ Gedankengut zugeselle, widerspiegele ein „Dunkeldeutschland“, das sich per se verdächtig mache. „War nicht der Zweifel, die Ungewissheit, die Suche nach Wahrheit in der unauslotbaren Ambivalenz der Erscheinungen einmal das Kennzeichen der Intellektuellen?“, fragt Tellkamp und mahnt dazu, die Regeln redlichen Diskurses mit Tiefenanalyse statt Phrasen auch auf Schnellroda anzuwenden:

Kubitschek und die Produkte seines Verlags Antaios mag man ablehnen oder nicht – solange er sich an die herrschenden Gesetze hält (und das tut er bislang, soweit mir bekannt ist), sollte es zur Redlichkeit unter differenziert denkenden, an Standpunkten jenseits des Korridors interessierten und also wohl tatsächlich geistig offenen Menschen gehören, ihn nicht aus dem Diskurs hinauszustigmatisieren.“

Zuwanderung als Buße für den Kolonialismus?

Nicht Susanne Dagen sei es, die ihre frühere Liberalität aufgegeben habe, im Gegenteil: Sie biete Positionen einen Ort, die „anderweitig kein Podium mehr finden, und zwar nur deshalb nicht mehr finden, weil sie mit Attributen behängt werden, die ein Großteil unserer Kulturschaffenden und -beflissenen als anrüchig empfindet oder glatt ablehnt“. Oft nur, so Tellkamp, aus intellektueller Faulheit, Angst vor Liebesentzug, durchaus vorhandener Interessen wegen oder Ranküne.

Dagen hat sich entschieden, sich hier nicht billig einzureihen, das empfinde ich ganz im Gegensatz zu Lühr und Kaiser als mutig, als frei, als eigentlich liberal – wie gesagt, die Grenze zu dem, was nicht mehr diskutiert und getan werden darf, zieht immer noch das Strafrecht, nicht die Moral einiger Edelignoranten in Kirche, Kultur, Medien, die glauben, auf den ‚Pöbel‘ herabblicken zu müssen, nur weil er eine andere Meinung über Leben und Welt hat.“

Tellkamp wirft Lühr und Kaiser vor, naiv zu argumentieren, wenn sie auf den geringen Zuwandereranteil in Dresden hinweisen oder auf die freundlichen Flüchtlinge im „Café Gustav“. Natürlich dürfe Rassismus keinen Platz haben, und wer an Leib und Leben bedroht wird, dem müsse nach Kräften geholfen werden – „im Sinne des Gesetzes und des Mitleids, gerade Deutschland hat hier eine Verantwortung, ja, Pflicht“.

Zu diskutieren aber müsse darüber möglich sein, ob „wir in der Lage sind und sein wollen, allem Elend dieser Welt abzuhelfen; ob das Elend dieser Welt tatsächlich nichts als eine Last aus kolonialer Vergangenheit ist, für die Europa in Form von Zuwanderung nun eine Art von Buße tun muss“.

Es gebe in Deutschland auch Gegenden, in denen der Anteil von Einwanderern aus nicht immer integrationsaffinen Kulturen nicht drei, sondern 30 Prozent betrage, und die Demografie entwickle sich in eine eindeutige Richtung. Und nicht alle Neuankömmlinge, die auch ihr Herkommen und ihre Kultur mitbringen, seien in gleicher Weise nette Menschen:

Die von Lühr und Kaiser zum Kennenlernen empfohlenen netten Menschen im Café Gustav sind gewiss nicht die, die in Freiburg, Offenburg, Kandel, Köln und Chemnitz Einstellungen zu ihren Gastgebern offenbaren, die viele Menschen nicht von ungefähr empören. Haben #unteilbar und unsere Feministinnen gegen die Vergewaltigungen protestiert? Gegen die inzwischen alltäglich gewordenen Messerstechereien? Ich kann mich nicht erinnern. Und gab es nicht einen Artikel im Elbhangkurier, der davon sprach, dass das Gustavheim wegen Problemen vorübergehend geschlossen werden musste?“

Ideologische Einseitigkeit der moralisch Selbstgerechten

Ernstgemeinte Gesprächsangebote sehen anders aus als der Offene Brief von Hans-Peter Lühr und Paul Kaiser. Sie begännen nicht mit Tribunalen, auch nicht mit solchen aus Wohlwollen, und nicht mit einer ‚Handreichung‘, die keine sei, sondern vor ein Gesinnungsgericht führe.

Auch der Erklärung zum 9. November und deren Initiatoren wirft Tellkamp Unredlichkeit vor:

Wie soll ich es verstehen, wenn in meiner Heimatstadt Dresden (aber die Erklärung gilt auch für Hamburg, Nordrhein-Westfalen und Berlin) nahezu die gesamte öffentliche und öffentlich geförderte Kulturszene sich gegen „rechts“ (oder was man dafür hält), nicht aber gleichzeitig gegen ‚links‘ stellt, man zwar erklärtermaßen dem Extrem auf der einen Seite, nicht aber auch dem auf der anderen eine Absage erteilt? Für wen meinen Staatsoper, Schauspielhaus, Philharmonie, Hochschulen, Museen zu sprechen, sind alle ihre Mitglieder und Mitarbeiter dazu befragt worden? Und von wem? Sieht so wirkliche Liberalität aus?“

Tellkamp spricht von einer „institutionell getragene Intoleranzmaßnahme und -erklärung“. Einen Auftritt dieser Art, „allerdings mit Rettungs-Goldfolie und im Ton der lautersten Moral und Selbstgerechtigkeit“, habe es seit der Biermann-Affäre nicht mehr gegeben. „Das sind die Zustände, das ist das Land.